Jahresversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Grußwort der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, in Bonn

Bundesministerin Anja Karliczek während ihrer Eröffnungsrede im Rahmen der DFG-Jahresveranstaltung 2018 © Rainer Unkel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Strohschneider, 
sehr geehrter Herr Professor Hoch,
liebe Frau Pfeiffer-Poensgen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich selbst durfte „Cimon“ live erleben. Jetzt ist der Assistenz-Roboter „Cimon“ bei Alexander Gerst und seiner Crew. Dort gewinnt er die Herzen der Menschen. Die Bilder des Raketenstarts und dem Wirken von „Cimon“ bringen ihnen Forschung nahe. So ganz nebenbei hilf es auch zu verstehen, was künstliche Intelligenz alles leisten kann. Denn „Cimon“ kann nicht nur assistieren und informieren, er verbreitet sogar gute Laune im All, wenn er die Lieblingshits der Astronauten spielt oder Witze erzählt. „Cimon“ zeigt auf wunderbare Art und Weise ein recht abstraktes Thema: die „Mensch-Maschinen-Interaktion“.

Das Beispiel zeigt: Was wir derzeit erleben ist eine Art Hochkonjunktur der Wissenschaftskommunikation!

Lange hat es zu wissenschaftlichen Themen nicht so viel angeregte Diskussionen gegeben wie in den vergangenen Monaten.

In Internetforen oder auch in der Presse gab es eine Menge zum Thema zu lesen. Auch Sie, lieber Herr Professor Strohscheider, setzen sich viel damit auseinander, wie man komplexe Themen in der Öffentlichkeit verständlich kommunizieren kann. Mit Interesse habe ich im Frühjahr Ihr Interview in der „Zeit“ gelesen, in dem Sie mehr Klarheit in der Sprache fordern. „Spannend! Adressieren! Transparenz!“ Das sind einige Wörter, die Sie auf Ihrer „schwarzen Liste“ führen.

Auch mir ist Sprache sehr wichtig, eine verständliche Sprache, in der wir erklären, was wir machen und warum wir es machen. Warum wir so viel Geld in die Forschung und die Wissenschaft stecken.

Warum Wissenschaft Freiheit braucht. Wie wir dafür sorgen, dass Wissen nutzbar gemacht wird, wie Erkenntnistransfer funktioniert und wie aus den vielen Ideen neue Produkte werden, die unser Leben besser machen. Und damit sind wir schon mittendrin im Thema.

I. Wert der Wissenschaft

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir brauchen Wissenschaft! Mit dieser Aussage treffe ich an diesem Ort sicherlich auf offene Ohren. Wir brauchen Wissenschaft, denn sie ist Teil unseres kulturellen Selbstverständnisses und ohne sie werden wir nicht in der Lage sein, die großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Egal welchen Themenbereich wir in den Blick nehmen,

  • ob Fragen der individualisierten Medizin, der globalen Gesundheit und des demografischen Wandels,
  • ob die Entwicklung des Klimas, oder
  • ob es um neue Anforderungen geht, die mit unserer Sicherheit oder mit der Digitalisierung verbunden sind.

Wir werden in keinem Bereich auf die Erkenntnisse, Perspektiven und Empfehlungen der Wissenschaft verzichten können und wollen.

Forschung und Innovationen schaffen Erkenntnisgewinn, mit dem wir Entscheidungen treffen können, um das Leben von Menschen zu verbessern und wirtschaftliche Stabilität zu schaffen.

Forschung ist ein kreativer Prozess, der Mut und Phantasie, Offenheit, Ausdauer und Leidenschaft erfordert. Der kürzlich verstorbene Physiker Stephen Hawking brachte es auf den Punkt, als er sagte:

„Kein Physiker betreibt Forschung mit dem Ziel, einen Preis zu gewinnen. Es ist die Freude, etwas Neues zu entdecken, das niemand zuvor wusste.“

Am besten gelingt das, wenn Wissenschaftler frei und selbstverantwortlich forschen können. Deswegen haben wir einen großen Teil der öffentlichen deutschen Forschungsförderung in die Verantwortung der Deutschen Forschungsgemeinschaft gegeben. So garantieren wir die Autonomie und Freiheit der Forschung.

Mit Sorge betrachten wir, wenn an vielen Orten auf der Welt diese Freiheit eingeschränkt und gefährdet wird.

Dies fordert aktuell nicht nur die Politik in ungeahnter Weise heraus, sondern ebenso die Wissenschaft selbst. Resignieren dürfen wir aber nicht. Es gilt, dieser Tendenz auf internationaler Ebene selbstbewusst und entschlossen entgegenzutreten. Dies war übrigens auch ein zentrales Thema bei der Bologna-Ministerkonferenz im Mai.

II. Finanzierung - Drittmittelförderung

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

Die Drittmittelförderung kann und soll allerdings die Grundfinanzierung der Hochschulen durch die Länder nicht ersetzen, sondern muss eine zusätzliche externe Finanzierung für Exzellenz bleiben.

Das Verhältnis zwischen Drittmittelfinanzierung und Grundmitteln hat sich stabilisiert, dies bestätigt der neue Förderatlas, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft diese Woche veröffentlichen wird. Das ist erfreulich.

Nichtsdestotrotz müssen die Länder weiterhin für eine angemessene Grundfinanzierung der Hochschulen und - das ist wichtig – auch der hochschulischen Forschung sorgen. Denn dies ist auch nach der Grundgesetzänderung (Artikel 91b) ureigene Aufgabe der Länder. Und die Länder müssen auch in der Lage sein, dieser Verantwortung nachzukommen.

Schließlich haben wir die Bund-Länder-Finanzbeziehungen 2017 neu gestaltet und dadurch den finanziellen Spielraum der Länder maßgeblich erweitert.

Wenn Drittmittelförderung in einem ausgewogenen Finanzierungsystem erfolgt, kann sie weit mehr sein als ein Garant für Forschungsfreiheit. Eine unabhängige wissenschaftsgeleitete Drittmittelförderung sichert die Dynamik der Forschung.

2018 kann die Deutsche Forschungsgemeinschaft auf 50 erfolgreiche Jahre der Förderung von Sonderforschungsbereichen zurückblicken.

Von der Zellforschung über Arktisforschung bis zur Erforschung des Universums ist alles dabei. An die 270 interdisziplinäre Projekte gibt es in ganz Deutschland. Dies hat an vielen Hochschulen eine Profil- und Strukturbildung ermöglicht, die ansonsten nicht denkbar gewesen wäre.

III. Qualitätssicherung - Gutachtersystem

Lasen Sie mich aus wissenschaftspolitischer Sicht einen wichtigen Aspekt hinzufügen: Drittmittel befördern nicht nur (politische/staatliche) Unabhängigkeit und Dynamik. Wenn ihr ein gut gestalteter Wettbewerb zugrunde liegt, tragen sie beachtlich zur Qualitätssicherung im Wissenschaftssystem bei. Dafür möchte ich der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den vielen Gutachterinnen und Gutachtern – auch im Zusammenhang mit den derzeitigen Anstrengungen im Rahmen der Exzellenzstrategie – danken.

Es ist wichtig, dass wir diese Expertise im Wissenschaftssystem erhalten. Es sind häufig keine leichten Abwägungsprozesse. Da stehen nicht selten erfolgsversprechende, gut ausgearbeitete Anträge solchen Anträgen gegenüber, deren Erfolgsaussichten weniger greifbar sind und die nicht dem eigenen Erfahrungshorizont entsprechen.

Aber auch diese können völlig neue Erkenntnisse und vielleicht sogar echte Innovationen hervorbringen. So ist häufig Mut und auch gute Intuition erforderlich, um hier die richtige Entscheidung zu treffen. Es gilt, auch Risiko zuzulassen – sonst werden wir uns bei disruptiven Innovationen nicht verbessern können.

Wo Menschen agieren, können natürlich auch „Fehler“ passieren, der Wissenschaftsrat hat hier wichtige Fragen zum Begutachtungswesen angesprochen. Ich möchte Sie alle und die DFG insgesamt bestärken, sich mit diesen Fragen konstruktiv auseinanderzusetzen.

IV. Verantwortung von Wissenschaft

Wissenschaft agiert in einem gesellschaftlichen Kontext, mit dem sie sich auseinandersetzen muss: Gesellschaft und Wissenschaft müssen zusammenspielen. Wissenschaft muss den Menschen gerade in einer Zeit komplexer Entwicklungen, wie wir sie derzeit erleben, Orientierung und Informationen bieten. Sie muss Erkenntnisse nicht nur hervorbringen, sondern sie auch unter die Menschen bringen. Hier sehe ich noch Verbesserungspotenzial.

Es gibt natürlich viele gute Beispiele für gelungene Kommunikation und gelungenen Transfer. Gerade die Hochschulen haben in den letzten Jahren viel getan, um sich für die Öffentlichkeit zu öffnen und mit unterschiedlichen Zielgruppen ins Gespräch zu kommen. Das fängt bei Angeboten wie den Kinder-Unis oder den „Langen Nächten der Wissenschaft“ an und geht bis zur Vermittlung von Experten für Journalisten.

Trotzdem wünsche ich mir, dass Wissenschaft noch stärker auf die Menschen zugeht.

Dies gilt umso mehr, je komplexer die Fragestellungen sind und je schwerer es ist, neue Technologien und Prozesse zu durchdringen. Nicht jeder versteht, was sich hinter Begriffen wie Augmented Reality, Künstliche Intelligenz oder Big Data versteckt.

Hier kann ich Ihren Standpunkt, Herr Professor Strohschneider, in dem eingangs erwähnten ZEIT-Interview nicht ganz teilen, wenn sie sagen, sie wollten nicht einfacher reden. Unsere Gesellschaft ist vielfältig – es gibt Jüngere, Ältere, Menschen mit einer raschen Auffassungsgabe und solche, die die Sachen langsamer angehen. Wir müssen versuchen, alle zu erreichen.

Wenn wir in unserer heutigen Wissensgesellschaft ein völlig neues Technologieniveau anstreben, müssen wir auch alle im Erkenntnisprozess mitnehmen. Wenn sich Wissenschaft den Menschen gut erklären möchte, dann muss sie den Menschen auch ein stückweit entgegen kommen. Sonst reden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an vielen Menschen vorbei – und dann fällt es auch schwer Begeisterung zu wecken.

Lieber Herr Professor Strohschneider, Ihren Vorschlag, in schwierigen Situationen eine andere Kommunikationslage zu erzeugen, indem man sich auf das Idiom des gegenüber einlässt, finde ich dagegen prima. In der heutigen Zeit kann ja ein bisschen Schwäbisch, Sächsisch oder gar Bayerisch (☺) nicht schaden.

Von dem Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould stammt folgendes Zitat: "Wissenschaft ist ein integraler Bestandteil unserer Kultur. Es ist kein fremdartiger Geheimkult, betrieben von einer obskuren Priesterschaft, sondern eine der herrlichsten intellektuellen Traditionen der Menschheit."

Der argumentative Diskurs ist eine Kernkompetenz der Wissenschaft. Daher ist es mir ein großes Anliegen, dass die Wissenschaft diesen Diskurs noch mehr und ausdauernd in die Öffentlichkeit trägt. So kann sie zu einer offenen und toleranten Gesellschaft beitragen.

Lieber Herr Professor Strohschneider,

ich freue mich nun auf Ihre Festrede und wünsche der Deutschen Forschungsgemeinschaft weiterhin viel Erfolg bei ihrer Arbeit.

Und Ihnen, Herr Professor Hoch, darf ich herzlich zum 200jährigen Jubiläum der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gratulieren.