„Jede dritte Krebserkrankung ist vermeidbar“

Bisher nutzen zu wenige Menschen Angebote der Krebsprävention. „Selbst aktiv zu werden, ist für viele eine Hürde“, sagt Krebsforscherin Ute Mons. Diese Hürden müssen abgebaut werden, fordert sie auf dem Krebsforschungskongress in Heidelberg.

Vorsorgeuntersuchungen, ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung, nicht rauchen, wenig Alkohol: Durch einen gesunden Lebensstil lassen sich viele Krebserkrankungen vermeiden.

© ©DOC RABE Media - stock.adobe.com

Bmbf.de: Frau Mons, Sie werben für ein Umdenken in der Krebsprävention. Warum ist das nötig?

Ute Mons: Weil wir in den kommenden Jahrzehnten mit einem deutlichen Anstieg der Krebserkrankungen rechnen müssen. Krebs ist vor allem eine Alterserkrankung – und die Bevölkerung wird ja bekanntlich immer älter. Andererseits ist jede dritte Krebserkrankung vermeidbar, da sie auf den Lebensstil zurückgeht. Beispielsweise ist Rauchen in neun von zehn Fällen die Ursache für Lungenkrebs. Durch Vorbeugung können wir hier gegensteuern.

Portrait Ute Mons
Ute Mons leitet die Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. © DKFZ

Warnhinweise auf Zigaretten-Verpackungen, Aufklärungskampagnen über Alkohol und Drogen an Schulen: Reicht das nicht aus?

Das ist ein kleiner Schritt – aber es fehlt der große Sprung. Im Gesundheitswesen gibt es noch einen Denkfehler: Rauchen und Alkoholkonsum werden als freie Entscheidungen angesehen. Nach dem Motto: Jeder hat das Recht, sich selbst zu schaden. Dass viele Raucher und Raucherinnen abhängig sind, fällt so komplett unter den Tisch. Und viele Menschen bekommen nicht die Unterstützung, die sie brauchen.

Welche Unterstützung wäre das?

Beispielsweise verhaltenstherapeutische Angebote im Rahmen von Entwöhnungskursen. Die körperliche Abhängigkeit kann ein Raucher in wenigen Tagen überwinden. Schwieriger ist die psychische Abhängigkeit. Das Rauchen ist für viele Menschen über Jahre hinweg zur Gewohnheit geworden: Die Zigarette zum Kaffee, beim Warten auf den Bus, in der Pause beim Small-Talk mit den Kollegen… Hier kann man in Entwöhnungskursen lernen, mit solchen „Schmacht-Situationen“ umzugehen. Nur leider nutzen zu wenige Menschen solche Angebote.

Wie kommt das?

Menschen sind träge. Das müssen wir bei Präventionsangeboten stärker berücksichtigen. Selbst aktiv zu werden, ist für viele eine Hürde. Und diese Hürde müssen wir senken: Die Menschen anschreiben, Tests mitschicken, Vorsorgetermine vorschlagen. Je geringer der Aufwand ist, desto eher wird ein Angebot wahrgenommen.

Welche Erwartungen haben Sie an die Nationale Dekade gegen Krebs?

Ich freue mich, dass die Prävention ein Schwerpunkt der Dekade ist. Ich erhoffe mir dadurch auch einen Paradigmenwechsel, der die Grundpfeiler der Präventionspolitik erneuert. Auf lange Sicht kann so viel Leid verhindert werden.

Machen wir ein Gedankenexperiment: Die Grundpfeiler sind erneuert! Wie sieht unsere Welt aus?

Wer etwas an seinem Lebensstil ändern möchte, bekommt Hilfe – ob in der Präventionssprechstunde beim Arzt oder in einer Therapie. Zudem sorgen die Gesundheitspolitik und das Gesundheitssystem für Anreize, gesünder zu leben. Vorsorgeuntersuchungen wie Darmspiegelungen sind so normal wie der Gang zum Zahnarzt. So können schon Krebsvorstufen entfernt werden. Und Krebserkrankungen, die durch Viren wie das Humane Papillomvirus ausgelöst werden, gibt es kaum noch: Denn Jungen und Mädchen werden in der Schule geimpft.

Frau Mons, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Prävention in der Nationalen Dekade gegen Krebs

Was schütz vor Krebs? Was kann jeder persönlich an Vorbeugung und Vorsorge tun? Und wie kann jeder einzelne Mensch unterstützt werden, gesund zu leben? Prävention ist ein Schwerpunkt in der Nationalen Dekade gegen Krebs. In einer eigenen Arbeitsgruppe wird die Forschung zur Weiterentwicklung von Maßnahmen der Gesunderhaltung und Prävention vorangetrieben. Außerdem sollen neue Strategien und Methoden gefunden werden, die eine personalisierte Krebsfrüherkennung ermöglichen.