Neues Verfahren soll Verschüttete schneller aufspüren

Ein Gebäude ist eingestürzt, Menschen sind verschüttet – jetzt beginnt der Wettlauf gegen die Zeit. Das THW entwickelt gemeinsam mit Fraunhofer und indurad ein System, das Opfer schneller finden soll. Wie das geht, erklärt Annika Nitschke vom THW.

Nach einem Hauseinstürz muss der Trümmerkegel nach Überlebenden abgesucht werden.
Nach einem Hauseinstürz muss der Trümmerkegel nach Überlebenden abgesucht werden. © THW

Frau Nitschke, schon heute gibt es technische Möglichkeiten, um verschüttete Menschen aufzuspüren und zu retten. Was genau soll anders laufen, wenn Ihr Projekt erfolgreich ist?

Annika Nitschke: Der Unterschied ist die Präzision: Wir erhoffen uns eine viel genauere Ortung von Verschütteten, als das bisher möglich ist. Zusätzlich soll das System Auskunft über den Zustand der gesuchten Menschen geben können, ob sie überhaupt noch leben, und wenn ja, wie es ihnen geht.

Was ist der Unterschied zu herkömmlichen Suchmethoden?

Derzeit gibt es zwei verschiedene Arten der Ortung: Erstens die biologische Ortung mit Hunden, die zunächst den Suchbereich grob eingrenzt. Zweitens kommt dann die technische Ortung ins Spiel, zum Beispiel mit einer Endoskop-Kamera oder über akustische Ortungssysteme. Der große Nachteil ist: Dafür müssen die Helferinnen und Helfer den Trümmerberg betreten. Das ist gefährlich für die Einsatzkräfte, aber natürlich auch für die Verschütteten, weil sich dadurch Trümmerteile verschieben und zu neuen Verletzungen führen können. Außerdem kann eine solche Kamera nur bis zu einem Meter Tiefe eingeführt werden.

Dann gibt es das so genannte Bioradar. Dieses kann zwar tiefer „blicken“, jedoch ist die Präzision nicht annährend dieselbe wie bei der Verwendung eines richtungsauflösenden Radar-Netzwerks. Daher stammte die Projektidee.

Annika Nitschke vom THW.
Annika Nitschke vom THW. © THW

Und das Problem besteht mit dem neuen System nicht mehr?

Ganz genau. Wir würden, vor allem bei großen Unfallstellen, weiterhin zunächst versuchen, den Bereich mit Hunden einzugrenzen. Danach käme dann aber eine Drohne zum Einsatz, die mehrere Sensoren eines Radar-Netzwerkes auf den Trümmern platziert. Niemand muss den Trümmerberg für die Lokalisierung mehr betreten. Die Radare können dann durch den Schutt hindurch senden und anhand der reflektierten Signale erkennt der Computer, ob in dem Bereich ein Mensch liegt oder nicht.

Wenn die Sensoren gut zusammenspielen, wird die Ortung eines Verschütteten in 3D möglich. Möglicherweise kann sogar die Ausrichtung eines Opfers unter dem Schutt erkannt werden. Das ist ganz wichtig für die spätere Rettung. Kurz gesagt, spart uns das neue System viel Zeit, die wir sonst mit vergeblichem Suchen und Graben verbringen müssten. Jede Minute zählt!

Welche Hürden haben Sie auf dem Weg dahin noch zu überwinden?

Nun, das Vorhaben ist gerade erst gestartet. Die Ortung in 3D ist sehr herausfordernd, da zahlreiche physikalische Störeffekte in die Berechnungen mit hineinfließen und die Positionierung der Sensoren daher sehr genau erfolgen muss. Die Darstellung für die Rettungskräfte, also die Visualisierung der Daten, ist ebenfalls eines der großen Themen und steht noch ganz am Anfang. Auch wir als Einsatzkräfte werden noch viel lernen müssen, wenn es in die Praxis geht.

Ihr System soll außerdem Rückschlüsse zur Verfassung der Opfer zulassen. Warum ist das wichtig?

Wir können über die Messung von Bewegungen, also das Heben und Senken des Brustkorbs zum Beispiel, in etwa abschätzen, wie es einer Person geht. Das ist wichtig für uns, um die Reihenfolge der Rettung festzulegen. Wenn mehrere Menschen verschüttet sind, werden wir nach Möglichkeit immer zuerst denjenigen retten, dem es schlechter geht, bzw. den, der noch am Leben ist.

Betrachten Sie eigentlich nur Gebäude, oder geht es auch um Lawinenopfer?

Der Fokus liegt auf allen Arten von Verschüttung, bei denen Steine oder anderes Baumaterial mit im Spiel ist, zum Beispiel Armierungen aus Stahl. Das ist naturgemäß vor allen Dingen bei Gebäuden der Fall. Theoretisch wäre aber auch ein Einsatz bei Gerölllawinen denkbar.

Wie trainieren Sie den Einsatz? Zum Glück stürzen in Deutschland ja nicht so oft Gebäude ein.

Wir haben mehrere spezielle Trainingsgelände, auf denen unter einer Schuttkegel verschiedene Röhren angebracht sind. Darin können sich Menschen zurückziehen, und wir können testen, ob unsere Technik sie dann findet.

Was kann man tun, wenn man selbst verschüttet wird, um die Rettungschancen zu erhöhen?

Vor allem: die Ruhe bewahren und auf sich aufmerksam machen. Und wenn möglich, das Handy eingeschaltet in der Nähe behalten. Denn auch Smartphones können gut geortet werden.

Frau Nitschke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Projekt

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt LUPE+ mit rund 1,25 Millionen Euro bis 2021. Neben dem Technischen Hilfswerk (THW) sind das Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik (FHR) und die indurad GmbH beteiligt.