„Jedes Kind hat das Recht, sein Potenzial zu entfalten“

Im Forschungsverbund „Leistung macht Schule“ untersucht die Bildungsforscherin Gabriele Weigand, wie Lehrerinnen und Lehrer Stärken von Lernenden entdecken und bestmöglich fördern können. Ein Interview mit bmbf.de.

bmbf.de: Frau Weigand, Sie leiten den Forschungsverbund „Leistung macht Schule“: Was wollen Sie und Ihre Kollegeninnen und Kollegen herausfinden?

Gabriele Weigand: Wir wollen mit unseren Projekten die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis schlagen und gemeinsam mit 300 im ganzen Bundesgebiet verteilten Schulen nach Wegen suchen, eine leistungsfördernde Schulkultur zu schaffen. Das heißt, wir fragen gemeinsam mit den Schulen danach, wie Lehrerinnen und Lehrer leistungsstarke oder potenziell leistungsstarke Schülerinnen und Schüler erkennen und wie sie diese besonders fordern und fördern können.

Wieso wollen Sie gerade Leistungsstarke oder potenziell Leistungsstarke fördern? Müsste man nicht vielmehr den Schwachen helfen?

Gabriele Weigand leitet den Forschungsverbund "Leistung macht Schule". © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Der Glaube, dass Starke sich selbst helfen, ist weit verbreitet. Und das stimmt natürlich bis zu einem gewissen Grad. Aber internationale Vergleichsstudien zeigen, dass ebendiese Schülerinnen und Schüler in Deutschland ihre Potenziale nicht vollständig ausschöpfen. Ihre Entwicklungsmöglichkeiten zu verbessern, ist auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit – denn jedes Kind hat das Recht, sein Potenzial zu entfalten.

Schließen Sie damit schwache Schülerinnen und Schüler aus?

Nein, solche Kategorien müssen wir überwinden. Generell schwache Schülerinnen und Schüler gibt es nicht, allenfalls Schwächen in dem einen oder anderen Bereich! Jedes Kind hat Potenzial, das es zu fördern gilt: Sei es in den Naturwissenschaften, in Deutsch, den Fremdsprachen oder im kreativ-künstlerischen Bereich. Unser Ziel ist es, talentierte Kinder und Jugendliche in allen Schulformen zu entdecken und bestmöglich zu fördern.

Teils scheitert das in der Praxis am Schubladendenken einiger Lehrkräfte…

Vorurteile sind immer eine Gefahr. Daher gehört zu der angestrebten Schulkultur auch eine Haltungsänderung der Lehrerinnen und Lehrer. Es geht uns um einen differenzierten, vorurteilsfreien Blick und darum, jedes Kind mit seinen Stärken und Schwächen wertzuschätzen.

… und Sie zeigen den Lehrerinnen und Lehrern, wie das geht?

Wir wollen niemanden belehren. Uns geht es um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis zum Wohle der Schülerinnen und Schüler. Die eigentlichen Akteure sind die Lehrerinnen und Lehrer, die dazu pädagogische Konzepte erarbeiten und erproben. Wir unterstützen und begleiten sie dabei und zeigen auf, wie sich diese im Einklang mit neuesten Forschungsergebnissen weiterentwickeln lassen.

Was muss ein gutes Konzept leisten?

Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Klassenunterricht ist beispielsweise genauso wichtig wie freie Formen des Unterrichts – wir spielen keine Methoden gegeneinander aus. Unser Ziel ist es, die Schätze unter den Diagnose- und Förderkonzepten zu bergen und für alle Schulen zugänglich zu machen.

Wie gelingt Ihnen der Transfer Ihrer Forschungsergebnisse in die Praxis?

Viele Schulen haben interessante Konzepte, die nicht über das Schultor hinauskommen. Wir wollen daher Netzwerke aufbauen und unterstützen. Der Transfer ergibt sich zum einen aus der engen Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Schulen. Zum anderen wollen wir Best-Practice-Beispiele durch Publikationen, Tagungen und Fortbildungen in die breite Schullandschaft tragen.

Durch die gemeinsame Initiative „Leistung macht Schule“ von Bund und Ländern haben Sie auch politischen Rückenwind…

Unser Projekt kann als Modell angesehen werden, wie die Vorstellungen von Bund und Ländern zugunsten der Schulen sowie der Schülerinnen und Schüler in Einklang gebracht werden können. Es zeigt, dass Politik, Wissenschaft und Schulen gemeinsam vorankommen wollen. Gelingt uns das, haben wir eine riesige Chance zur Veränderung der Schulen und zu mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland.

Leistung macht Schule

Wie internationale Bildungsvergleichsuntersuchungen in den vergangenen Jahren gezeigt haben, schöpfen leistungsstarke und potenziell besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler in Deutschland ihre Potenziale nicht vollständig aus. Mit der im November 2016 beschlossenen gemeinsamen Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ sollen die Entwicklungsmöglichkeiten dieser Kinder und Jugendlichen optimiert werden.

Die auf 10 Jahre angelegte Initiative richtet sich schulformübergreifend an Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 1 bis 10 (Primarbereich und Sekundarstufe I). Sie wird zu gleichen Teilen vom Bundesbildungsministerium und den Ländern mit insgesamt 125 Millionen Euro finanziert. In der ersten Phase nehmen bundesweit 300 Schulen aus dem Primar- und Sekundarbereich an der Initiative teil. Ein interdisziplinärer Forschungsverbund, bestehend aus 15 Universitäten, wird die Schulen bei ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung wissenschaftlich begleiten.