Karliczek: "Beide Ausbildungswege sind gleichwertig!"

Theorie oder Praxis: Was ist für den Arbeitsmarkt wichtig? „Nicht ‚entweder oder‘ sondern ‚sowohl als auch‘ wird das Erfolgsrezept der kommenden Jahre sein“, sagt Bundesbildungsministerin Karliczek bei der ver.di-Tagung „Dienstleistungen im Umbruch“.

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich der Tagung „Dienstleistungen im Umbruch“ der Gewerkschaft ver.di am 10. Januar 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Bsirske,

sehr geehrte Damen und Herren!

Der römische Autor Publilius Syrus aus dem ersten Jahrhundert vor Christus sagte einmal: „Wer klug zu dienen weiß, ist halb Gebieter.“

In unsere Zeit übersetzt würde ich es so formulieren: Der Dienstleister hat mit seiner Arbeit enormen Einfluss auf den Kunden und damit auf die Gesellschaft.

Also wussten schon die Römer um den Wert und den Einfluss von Dienstleistungen.

Aber seit den Römern haben sich Dienstleistungen verändert. Und durch den technologischen Wandel verändern sie sich weiter.

Jetzt gilt es, den Wandel zu gestalten und die richtigen Fragen zu stellen:

Welche Chancen bietet dieser Umbruch?
Und was müssen wir tun, um diese Chancen zu nutzen?

Darum soll es hier heute gehen.

„Dienstleisten“ ist mir eine Herzensangelegenheit. In meinem Beruf war das der Dreh- und Angelpunkt meines Tuns.

Und auch meine Aufgabe als Bundesministerin für Bildung und Forschung verstehe ich als Dienst für die Menschen in unserem Land. Für sie wollen wir die Weichen in der Bildungs- und Forschungspolitik richtig stellen.

Damit alle von den neuen Chancen profitieren können.

Damit wir als ganze Gesellschaft den Sprung auf ein neues Technologieniveau schaffen.

Damit jeder und jede seinen Platz findet in dieser Gesellschaft.

Die Schlüssel dafür haben wir in der Hand. Wie drei dieser Schlüssel im Dienstleistungsbereich Türen öffnen, möchte ich heute erläutern.

I.

Zum ersten Schlüssel:

Dienstleistungen sind auf dem Vormarsch. Mit einem Anteil von 70 Prozent der Wertschöpfung und 75 Prozent der Beschäftigung haben sie sich bei uns in Deutschland in den letzten Jahren zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor entwickelt.

Doch auch sie verändern sich:

durch die Digitalisierung,
durch die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft,
durch den demographischen Wandel.

Immer weniger Menschen leben heute in Großfamilien, in denen man sich gegenseitig helfen kann.

Junge Eltern haben einfach keine Großeltern nebenan, die schnell auf die Enkel aufpassen könnten.

Viele ältere Menschen wohnen heute alleine.

In diesem Land sind viele auf Unterstützung angewiesen.

Auf Dienstleistungen!

Die Digitalisierung eröffnet dabei große Chancen.

Individualisierte Dienstleistungen in bislang nicht gekannter Perfektion werden durch Big Data Ansätze ermöglicht. Genau zugeschnitten auf den einzelnen Menschen:

auf den Schüler, der manchmal Unterstützung bei den Hausaufgaben braucht;
auf die ältere Dame, die sich bei Schnee nicht aus dem Haus wagt.

Dabei ist doch logisch: Neue Dienstleistungen müssen den Menschen dienen − im wahrsten Sinne des Wortes.

Zum Beispiel in den Städten. Stichwort Smart City. Unsere Städte werden cleverer, grüner, aktiver und lebenswerter.

Nehmen wir das Förderprojekt SINQ.

In diesem Förderprojekt zeigen wir, wie es geht: Wie ältere Menschen in einem Stadtviertel besser medizinisch und pflegerisch betreut werden.

Dienstleistungsnetze sind das Rezept.  Quartiersmanagement, Kliniken, Selbsthilfegruppen und Pflegedienste arbeiten eng zusammen.

Das ist eine Frage der Lebensqualität.

Aber auch eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft.

Wir sind das Land der Ingenieure und Erfinder. Wir sind Meister darin, tolle Technik zu erfinden. Jetzt steht uns eine neue Aufgabe bevor.

Die Erfindungen der Zukunft müssen auch neue Geschäftsmodelle sein.

Gerade die Verbindung von neuartigen Technologien und innovativen Geschäftsmodellen bietet die Chance, Wertschöpfung in Deutschland zu sichern und Arbeitsplätze zu schaffen.

Das gilt für Handwerk und Handel genauso wie für Pflege und Bildung.

Deswegen stellen wir die Weichen so, dass Ideen aus Forschung- und Entwicklung schneller und zielgerichteter in der Praxis ankommen. Das ist der erste Schlüssel, den wir nutzen.

„Made in Germany“ ist weiterhin ein entscheidender Wettbewerbs- und Wirtschaftsfaktor – auch und gerade im Dienstleistungsbereich.

II.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn die Dienstleistungen sich verändern, ändert sich auch die Arbeit der Dienstleister.

Neue Technologien können uns von monotonen und gefährlichen Tätigkeiten entlasten. Damit werden Kapazitäten und Kompetenzen für andere Arbeitsbereiche frei.

Wertstiftende Dienstleistungsarbeit unter nachhaltigen und gesunden Bedingungen zu ermöglichen und zu fördern - das ist unser zweiter Schlüssel.

Beispiel: Exoskelette.

Exoskelette unterstützen Beschäftigte bei schwerer körperlicher Arbeit. Da wird der Pflasterstein zum Legostein.

Neue Technologien sind Unterstützer.

Neue Technologien machen Arbeit besser.

Neue Technologien schaffen Zukunftsperspektiven.

Aber das ist kein Selbstläufer.

Wir alle – Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften – sind gefragt, ordentlich zusammenzuwirken. Wir müssen immer wieder neu justieren, wie wir als Gesellschaft unter den veränderten Bedingungen arbeiten wollen.

Die Sozialpartnerschaft wird weiterhin entscheidend bleiben.

III.

Und damit komme ich zum dritten Schlüssel: der beruflichen Bildung.

Wir merken doch alle, dass die technologischen Möglichkeiten unsere Arbeitsplätze schnell und grundlegend verändern.

Schlüssel für beruflichen Erfolg ist daher lebensbegleitendes Lernen: Lassen sie uns gemeinsam eine positive Aus- und Weiterbildungskultur auch in der Dienstleistungsarbeit schaffen!

Selbst wer heute schon gut ausgebildet ist, wird immer mal wieder Neues lernen müssen. Ich erinnere nur an die Künstliche Intelligenz. Sie kann uns von monotonen Arbeiten befreien. Wir brauchen aber das Know-How, um mit ihr umzugehen.

Das gilt selbstverständlich auch für Fachkräfte im Dienstleistungssektor.

Konkret bedeutet das: In jeder Phase unseres Lebens werden wir uns passenden Lerneinheiten widmen müssen – mal in einem zweitägigen Lehrgang, mal in einer mehrwöchigen Sommerakademie, mal berufsbegleitend in einem Kurs über mehrere Monate. Sie werden von unterschiedlichen Institutionen und Anbietern kommen – auch von Hochschulen.

Wir werden alle gesellschaftlichen Kräfte in einer Nationalen Weiterbildungsstrategie bündeln. Der Startschuss ist am 12. November gefallen. Gemeinsam mit dem Bundesarbeitsministerium, mit den Ländern und Sozialpartnern arbeiten wir Hand in Hand. Betriebe und Beschäftigte müssen fit werden für den digitalen Umbruch.

Dafür arbeiten wir. Und dafür bitte ich Sie um Unterstützung.

Wir haben die besten Voraussetzungen dafür. Die ganze Welt beneidet uns um unser System der beruflichen Bildung. Wir stärken es weiter.

Denn berufliche Bildung ist Deutschlands Stärke!

Die letzten Jahre waren davon geprägt, dass immer mehr junge Menschen an die Hochschulen strömten - in dem Glauben, mit einem Hochschulabschluss die besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Aktuell erleben wir aber, dass praktische Fähigkeiten am Arbeitsmarkt unverändert stark gefragt sind.

Es geht darum, praktische und theoretische Fähigkeiten im Laufe des Lebens klug zu verzahnen.

Nicht "entweder oder" sondern "sowohl als auch" wird das Erfolgsrezept der kommenden Jahre sein.

Ich persönlich kenne beide Wege: Berufsausbildung und Studium.

Ich sage es deswegen gern auch an dieser Stelle noch einmal: Beide Ausbildungswege sind gleichwertig! Wir brauchen beide: Studierende und Auszubildende!

Mir ist dabei bewusst: Auch der öffentliche Dienst hat Nachholbedarf, wenn es darum geht, den Wert verschiedener Ausbildungswege anzuerkennen. Der Aufstieg in den höheren Dienst ist ohne Masterabschluss ziemlich schwierig. Auch hier müssen wir darüber sprechen, wie wir Aufstiegsmöglichkeiten verbessern.

Unsere Initiativen fassen wir zu einem Berufsbildungspakt zusammen. Wir werden den Berufsqualifikationen, die den akademischen Qualifikationen entsprechen eine Sichtbarkeit geben, die ihnen bisher noch fehlt:

Weiterbildungsabschlüsse in der beruflichen Bildung werden im internationalen Kontext durch Bezeichnungen wie Berufsspezialist, Berufsbachelor und Berufsmaster sichtbar.

Je internationaler unser Arbeitsmarkt wird, umso sichtbarer muss unser Berufsbildungssystem werden. Denn unser Berufsbildungssystem ist der Grund dafür, dass wir weltweit eine der geringsten Jugendarbeitslosigkeitsquoten haben.

Mit diesem Pfund können wir wuchern. Also tun wir es doch einfach!

Gleichwertigkeit muss aber noch weiter gehen. Sichtbarkeit durch neue Berufsbezeichnungen ist das eine. Aber Gleichwertigkeit gehört auch ins Portemonnaie.

Deshalb bauen wir das Aufstiegs-BAföG - vielen von Ihnen bekannt als früheres Meister-BAföG – aus und stellen so auch die Förderkonditionen für Studierende und berufliche Aufsteiger gleichwertiger auf.

Auch die Mindestausbildungsvergütung ist ein Baustein auf diesem Weg. Mindestausbildungsvergütung und Schüler BAföG sollen zukünftig aneinander angelehnt sein.

Mehr Anerkennung für die berufliche Bildung. Nicht nur mit Worten. Auch im Geldbeutel.

Aus- und Weiterbildung so zu gestalten, dass junge Menschen sich ohne gesellschaftliche Vorbehalte für den eigenen Weg entscheiden, ist mir ein Herzensanliegen. So hat auch in Zukunft jede und jeder die Chance, seinen Platz in der Arbeitswelt zu finden.

IV.

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

zum Schluss würde ich gerne die Gelegenheit für einen kleinen Werbeblock in eigener Sache nutzen: Ich lade Sie herzlich ein zu unserer Dienstleistungstagung am 08. und 09. April in Paderborn. Sie hat den Titel „Service Systems Innovation – Impulse für Dienstleistungen von morgen“.

Wir wollen mit Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden gemeinsam diskutieren:

Was macht die Digitalisierung mit unseren Dienstleistungen?
Welche neuen Möglichkeiten entstehen daraus für Wirtschaft und Bevölkerung?

Im Heinz Nixdorf Museums-Forum werden wir diese und andere Fragen diskutieren. Wir wollen Ihnen einen Einblick in BMBF-geförderte Projekte und in die aktuelle Dienstleistungsforschung geben.

Denn: Dienstleistungen befinden sich im Umbruch!

Wir werden und dürfen nicht Zaungäste dieser Entwicklung sein.

Wir wollen diesen Umbruch aktiv gestalten. Lassen Sie uns die Chancen nutzen.

Ich wünsche Ihnen zwei spannende Tage mit vielen inspirierenden Gesprächen.

Für das neue Jahr 2019 wünsche ich uns allen viele innovative Dienstleistungen.