Karliczek: "Herbst und Winter werden zum Test fürs Schulsystem"

Bundesbildungsministerin Karliczek wünscht sich, dass Lehrerinnen und Lehrer zu den Ersten gehören, denen eine Impfung angeboten wird. "Das würde sicher die verständlichen Sorgen vor einer Infektion nehmen", sagte sie im RND-Interview.

Politischer Morgen
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Dieses Interview erschien zuerst in den Medien des "Redaktionsnetzwerk Deutschland".

Frau Karliczek, sind die Schulen diesmal besser vorbereitet, falls es erneut zu Schulschließungen kommt?

Insgesamt werden die Schulen besser darauf eingestellt sein als im März. Die Schulen haben nun Erfahrungen gesammelt, wie sie mit einer solchen Situation umgehen können. Bund und Länder haben in den vergangenen Monaten zudem viele Maßnahmen ergriffen, um die Voraussetzungen für digitales Lernen weiter zu verbessern. Der Bund engagiert sich im Digitalpakt Schule mit mittlerweile 6,5 Milliarden Euro in einer Größenordnung wie nie zuvor für die Schulen.

Geld allein löst die Probleme nicht.

Ich sehe in den Schulen eine große Bereitschaft zum “Learning by doing”, also dazu, Dinge anzupacken und einfach einmal etwas auszuprobieren. Bei vielen Lehrerinnen und Lehrern gibt es nach meinen Beobachtungen einen Aha-Effekt, was sie mit digitalen Lehrmitteln alles bewegen können. Dennoch wird auch Ende 2020 die Mehrzahl der Schulen in der Digitalisierung noch längst nicht am Ziel sein. Das ist ein längerer Prozess, in dem es jetzt aber viel mehr Dynamik gibt als zu Beginn des Jahres.

Fürchten Sie, dass es angesichts steigender Infektionszahlen wieder zu generellen Schulschließungen kommen könnte?

Ich hoffe, dass es dazu nicht kommt. Aber richtig ist: Herbst und Winter werden zu einer sehr großen Herausforderung für unser Schulsystem. Das müssen alle Verantwortlichen auch klar sagen. Wenn die Infektionszahlen insgesamt steigen, werden davon auch die Schulen betroffen sein. Wir sollten uns nichts vormachen. Es ist das Ziel aller Bundesländer, generelle Schulschließungen zu vermeiden.

Wie muss die Strategie aussehen?

Um bereits einzelne Schulschließungen zu umgehen, muss überall vor Ort rasch und entschieden reagiert werden, wenn in einer Klasse der Verdacht auf eine Infektion festgestellt wird. Ein wesentlicher Punkt ist: Es müssen die möglicherweise betroffenen Kinder schnellstens in Quarantäne gehen und dann auch getestet werden. Ich hoffe, dass die Schnelltests rasch in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Sehr hilfreich wäre, wenn zuvor darauf geachtet wurde, homogene 3 Lerngruppen zu schaffen, um potenzielle Infektionsketten in einer Schule kurz zu halten. Aber auch die Gesellschaft ist stark gefordert. Je mehr sich die Gesellschaft an die Anti-Corona-Regeln hält, desto mehr regulären Unterricht wird es geben.

Sie haben sich kürzlich mit der Kanzlerin, den Kultusministern und SPD-Chefin Saskia Esken zum Bildungsgipfel im Kanzleramt getroffen. Der Bundeselternrat ist enttäuscht von den Ergebnissen. Es habe großes Brimborium gegeben, aber kaum etwas Neues.

Ich verstehe die hohen Erwartungen. Wir setzen derzeit sehr Vieles innerhalb von kurzer Zeit um, was in der Vergangenheit Jahre erfordert hätte. Es gibt 500 Millionen Euro für Endgeräte für Kinder aus Familien, die es sich sonst nicht leisten könnten. Der Bund unterstützt mit 500 Millionen Euro, dass die Schulen professionelle Systemadministratoren bekommen. Die Lehrer werden Dienstlaptops erhalten.

Alles richtig, aber alles nicht neu.

Es ist ein Ergebnis des Bildungsgipfels, dass der Bund die Finanzierung für die Dienstlaptops der Lehrer zunächst vorstreckt. Sie sollen letztlich aus einem europäischen Programm finanziert werden – dann wäre das Geld aber erst irgendwann im Jahr 2021 gekommen. Ich hoffe, dass wir nun das Programm weit über ein halbes Jahr schneller umsetzen werden. Das Ziel muss sein, dass möglichst viele Lehrerinnen und Lehrer die neuen Dienstlaptops noch dieses Jahr erhalten. Außerdem haben sich Bund und Länder mit der Bildung von Kompetenzzentren und der Schaffung einer Bildungsplattform große Projekte für die Zukunft vorgenommen. Insofern: Vieles neu, aber es gibt natürlich auch bereits Aktivitäten, auf die aufgesetzt werden kann.

Nichts vereinbart worden ist auf dem Bildungsgipfel zum Thema Lüftungskonzepte. Müssen Schüler und Lehrer im Winter zur CoronaPrävention in den Klassenräumen frieren, oder gibt es bessere Lösungen?

Die baulichen Gegebenheiten in jeder Schule sind unterschiedlich. Wie ein Klassenraum am besten gelüftet wird, kann nur vor Ort festgelegt werden.

Wann ist eine Maskenpflicht im Unterricht sinnvoll?

Die Maskenpflicht im Unterricht kann dazu beitragen, Schulschließungen zu vermieden. Natürlich ist das Maskentragen im Unterricht lästig. Aber das Tragen von Masken als Infektionsvorbeugung ist besser, als Klassen in Quarantäne zu schicken oder Schulen zu schließen. Deshalb sieht auch das Rahmenkonzept der Kultusministerkonferenz diese Möglichkeit in Abhängigkeit vom Pandemiegeschehen vor.

Der Bund gibt fünf Milliarden Euro für den Digitalpakt, das Geld kommt bei den Schulen bislang nicht an. Wie lässt sich der Druck auf die Länder erhöhen, es schneller zu verteilen?

Bedenken Sie: Als wir den Digitalpakt Anfang 2019 beschlossen haben, wussten wir nicht, dass die Corona-Pandemie kommen würde. Aus damaliger Perspektive war es vollkommen richtig, dass die Schulen erst ein pädagogisch-technisches Konzept erstellen sollten, bevor das Geld fließt. Server und Laptops garantieren allein noch keine gute Bildung. Jetzt haben wir – wegen der Corona-Pandemie – entschieden, dass die Schulen das Geld auch schon bekommen können, ohne dass das Konzept fertig ist. Das ist ein Beitrag, damit Unterricht in diesen Zeiten im Fall von 4 Schulschließungen überhaupt stattfinden kann. Jetzt kann vor Ort praktisch sofort losgelegt werden – jedenfalls aus Bundessicht. Mein Appell an die Kommunen als Schulträger ist: Versuchen Sie die Planungen überall zu beschleunigen und umzusetzen. Das Geld ist da!

Wie wollen Sie die Zusammenarbeit von Bund und Ländern verbessern? Sollte der Bildungsgipfel mit Kanzlerin, Bildungsministerin und Kultusministern zu einer Dauerinstitution werden?

Zwischen Bund und Ländern entsteht gerade ein neuer Geist der Zusammenarbeit in der Bildungspolitik. Die Krise hat dazu beigetragen, dass Bund und Länder sich schneller als vorher verständigen. Das müssen wir nach der Krise beibehalten und die Kooperation Schritt für Schritt weiterentwickeln. Wir haben gute Schulen. Aber wir müssen besser werden. Die jüngste PISA-Studie war wahrlich nicht berauschend. Der Reformbedarf wird über viele Jahre groß bleiben. Über einen regelmäßigen Austausch von Bund und Ländern auf höchster Ebene sollten wir nachdenken. Bildung muss ganz oben auf der Tagesordnung bleiben, in dieser Legislaturperiode, aber auch in der weiteren Zukunft.

Lehrer haben an ihrem Arbeitsplatz ein besonderes Risiko, da sie in wechselnden Klassen den ganzen Tag über mit Menschen in Kontakt sind. Sollten sie, wenn ein Impfstoff da ist, zu den ersten gehören, die sich impfen lassen können?

Die Impfung ist und bleibt freiwillig. Das Robert-Koch-Institut, der Ethikrat und die Ständige Impfkommission entwickeln jetzt Empfehlungen. Als Bundesbildungsministerin würde ich mir wünschen, dass Lehrerinnen und Lehrer aufgrund ihrer Vielzahl an Kontakten in der Schule zu den Ersten gehören, denen eine Impfung angeboten wird – insbesondere, wenn sie zu einer Risikogruppe gehören. Das würde sicher den Lehrerinnen und Lehrern die verständlichen Sorgen vor einer Infektion nehmen. Das würde auch helfen, den für die Gesellschaft so wichtigen Schulbetrieb aufrecht zu erhalten.

Der Virologe Christian Drosten bekommt das Bundesverdienstkreuz für seine Arbeit als Corona-Erklärer. Macht er als Wissenschaftler nicht einfach nur seinen Job?

Christian Drosten ist nicht nur ein hervorragender Wissenschaftler. Er kommuniziert seine Erkenntnisse auf ganz eigene Weise geduldig, uneitel und spannend. Herr Drosten und viele seiner Kolleginnen und Kollegen haben dazu beigetragen, dass wir alle die Pandemie besser verstehen und wir uns besser auf sie einstellen können. Aber Wissenschaftskommunikation geht noch viel weiter: Die wissenschaftliche Erkenntnis ist die Basis für Fortschritt. Die Menschen werden Fortschritt aber nur dann als Bereicherung ansehen, wenn sie verstehen, wozu er dient. Dazu müssen ihnen neue Entwicklungen erklärt werden. Wissenschaftskommunikation sollte selbstverständlicher Teil der wissenschaftlichen Arbeit werden.

Drosten wird beleidigt, bedroht und beschimpft, er ist das Ziel von Shitstorms im Internet. Haben Sie Angst, dass andere Wissenschaftler nach seinen Erfahrungen erst recht das Licht der Öffentlichkeit scheuen?

Wenn Wissenschaftler bedroht werden, muss der Staat die Täter zur Rechenschaft ziehen. Darüber hinaus ist die Mitte der Gesellschaft gefordert, Persönlichkeiten wie Christian Drosten in den sozialen Netzwerken, so gut es geht, zu verteidigen. Wir 5 dürfen den Diskurs im Internet nicht radikalen Trollen überlassen. Wir müssen ihnen zeigen: Die Vernünftigen sind in der Mehrheit.