Karliczek: „Ideen statt Kohle fördern, heißt die Devise“

Anlässlich der Einweihung des Innovationslabor „Hybride Dienstleistungen in der Logistik“ in Dortmund spricht Bundesforschungsministerin Anja Karliczek über Strukturwandel, Logistik der Zukunft und innovative Ideen als Wettbewerbsvorteil.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Sierau,

sehr geehrte Frau Professor Gather,

sehr geehrter Herr Professor Rosenfeld,

sehr geehrter Herr Professor ten Hompel,

sehr geehrte Damen und Herren!

Nachdem Gott das Ruhrgebiet erschaffen hatte, soll er gerufen haben: „Essen ist fertig!“ – das steht zwar nirgendwo in der Bibel, aber es erklärt vielleicht, warum vor einigen Wochen ein ungarischer TV-Sender auf eine Satire hereinfiel, laut der die Stadt Essen während des Ramadan in Fasten umbenannt worden sei.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek während ihrer Eröffnungsrede © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Wenn ich außerhalb des Ruhrgebiets Menschen danach frage, was sie mit dem Ruhrgebiet verbinden, antworten mir viele: „Borussia Dortmund“, „Schalke 04“ oder „VfL Bochum“ – ich habe jetzt Mal die Vereinsnamen der Fußballmannschaften in der in Dortmund gültigen Reihenfolge genannt. Aber ich bekomme auch andere Antworten wie z.B. Kohle und Stahl. Das war zweifellos im letzten Jahrhundert richtig und wichtig, als das Ruhrgebiet das industrielle Herz unseres Landes war. Seither hat sich aber viel verändert.

Die Lebensqualität in dieser Region ist gestiegen, neue wirtschaftliche Schwerpunkte sind entstanden, vor allem im Bereich Energie, Logistik, Chemie und Gesundheitswirtschaft. Auch kulturell wird viel auf die Beine gestellt: Mit der „ExtraSchicht“ ist gerade ein Kulturhighlight vorüber. Und es fließt in Dortmund mittlerweile nicht nur Wasser und Bier, sondern auch Wein: Ich habe mir sagen lassen, dass der „Emscher Wein“ frisch, fruchtig und nachhaltig im Abgang schmeckt. Ein ordentliches Stück Kulturwandel in einer Stadt, die auch für ihre Bierbraukunst steht.

Kurzum: Diesen Strukturwandel im Ruhrgebiet gilt es, weiter erfolgreich voranzutreiben. Dafür braucht es Zukunftskonzepte, die das Ruhrgebiet als wettbewerbsfähigen Standort stärken. Ideen statt Kohle fördern, heißt die Devise. Und es reichen nicht nur Ideen. Es muss daraus mehr erwachsen: Marktfähige Produkte und Dienstleistungen, die weltweit nachgefragt werden.

Genau darum geht es hier im Innovationslabor Hybride Dienstleistungen in der Logistik. Dem größten europäischen Forschungscampus in der Logistik.

Hier sollen die guten Ideen, die im Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik und an der Technischen Universität Dortmund in der Fakultät Maschinenbau und dem Forschungsgebiet Industrie- und Arbeitsforschung entstehen, in die Anwendung gebracht werden. Und damit die Region dabei unterstützen, sich weg von der Montanindustrie hin zu neuen Technologien, wie Informationstechnologien und Logistik zu entwickeln. Das schafft neue Wirtschaftskraft, das schafft neue Arbeitsplätze hier in der Region. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn mir die Menschen in Berlin bald antworten würden: „Ruhrgebiet, ja klar, das steht doch für Informationslogistik“.

I.

Bei meiner Länderreise, die ich dieses Jahr quer durch die Republik unternehme, stelle ich in vielen Gesprächen fest: Der Strukturwandel beschäftigt die Menschen in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen. Globalisierung und Digitalisierung stellen viele Regionen vor besondere Herausforderungen (in wirtschaftlicher, technologischer und gesellschaftlicher Hinsicht). Deshalb bin ich dafür, künftig stärker eine deutschlandweite Perspektive bei der Förderung des Strukturwandels einzunehmen.

So verfolgen wir etwa beim neuen Förderkonzept „Innovation und Strukturwandel“ Ansätze, die regionale Innovationspotenziale gezielt stärken – ich möchte, dass davon auch Regionen in den westdeutschen Ländern profitieren, wie wir hier in NRW.

Doch gelingt Strukturwandel nicht nur mit Millionen aus Förderprogrammen. Das Zusammenspiel zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Sozialpartnern und Region muss funktionieren. Der Enthusiasmus, den ich dafür hier in Dortmund wahrnehme, ist wichtig und richtig. Ich weiß, dass sich unser Ministerpräsident Armin Laschet und Sie, Herr Oberbürgermeister Sierau, dafür auch ganz schön ins Zeug legen.

Wir haben das Innovationslabor hier errichtet, weil wir auf Ihren Mut, Ihre Kreativität und Leistungskraft hier in Dortmund setzen. Und das soll nicht nur ein Erfolgsfaktor für diese Region, sondern für ganz Deutschland sein. Denn Logistik gewinnt als Schlüsseldisziplin für unsere Exportnation stetig an Bedeutung.

Als drittgrößte Branche in Deutschland nach der Automobilwirtschaft und dem Handel sichert die Logistikbranche viele Arbeitsplätze – derzeit bundesweit circa 3 Millionen. Zudem ermöglicht sie Unternehmen in anderen Branchen, dass diese ihr Wertschöpfungspotenzial ausschöpfen können. Gerade weil wir auf so gut vernetzte und leistungsfähige Logistikdienstleister zurückgreifen können, wie es sie hier in der Region gibt, kann die deutsche Industrie die Auslandsmärkte so effizient erschließen. Das wird manchmal noch zu wenig gewürdigt, wenn von Industrie 4.0 gesprochen wird – deshalb sage ich es hier nochmal so deutlich.


Auch die Weltbank attestiert Deutschland eine Spitzenposition in der Logistik: Im „Logistics Performance Index“, der handelslogistische Bedingungen von 155 Ländern vergleicht, liegt Deutschland als führender Logistikstandort weltweit vorne. Ob es auch in diesem Jahr mit dem Titel klappt, steht noch nicht fest; die Auswertungen laufen noch. Ich drücke die Daumen!

Bei Ihnen im Ruhrgebiet kommen für die Logistikbranche etliche Pluspunkte zusammen: Ob über Wasser, Schiene, Straße oder Luft – das Ruhrgebiet verfügt nunmal über eine vielseitige Infrastruktur und eine günstige geografische Lage, um im europäischen Standortwettbewerb erfolgreich zu bestehen. Mitentscheidend ist zudem das große Forschungs- und Fachkräftepotenzial.

Bereits 1997 hat die Technische Universität Dortmund den ersten Diplomstudiengang für Logistik in Deutschland eingerichtet. Mittlerweile gibt es in Ihrer Region das umfangreichste Logistik-Studienangebot Deutschlands und herausragende Logistikforschung: Hier werden Experten insbesondere für alles ausgebildet, was mit „Logistik 4.0“ zu tun hat. Viele stehen heute vor mir.

Kein Wunder also, dass sich über 3.000 Logistik-Unternehmen im Ruhrgebiet angesiedelt haben und dass Orte wie Dortmund für Startups aus dem Logistikbereich äußerst attraktiv sind. Denn mit dem Fraunhofer IML, dem Digitial.Hub Logistics oder weiteren Initiativen, wie der Industrial Data Space Association oder dem EffizienzCluster LogistikRuhr gibt es hier ein enorm starkes Netzwerk und damit eine enge Verzahnung zwischen Forschung und Industrie.

Und genau das ist es, was Regionen und Branchen erfolgreich macht: Netzwerk und Transfer!

II.

Meine verehrten Damen und Herren,

es ist schon viel erreicht, aber frischer Input ist stetig gefragt. Denn der weltweite Wettbewerbsdruck ist hoch. Von Logistikdienstleistungen wird viel verlangt: Längst geht es nicht mehr darum, Waren von „A nach B“ zu transportieren. Moderne Logistik verbindet Zulieferer, Produktionsstätten und Kunden. Sie schlägt die Brücke zwischen Produktion und Markt.

Industrie 4.0 oder Logistik 4.0 heißt definitiv nicht, nur hier und da neue Technologien einzusetzen, sondern es heißt für ein Unternehmen, die gesamte Wertschöpfungskette neu zu organisieren. Eine ganz individuelle und trotzdem effiziente Organisation der Warenströme hinzubekommen, das ist die Herausforderung.

Wer Ameisen beobachtet, sieht, wie reibungslos ein Transport vieler „Waren“ – also Blätter, tote Insekten und vieles mehr – organisiert wird, obwohl hunderte, tausende von Ameisen unterwegs sind. Das sieht auf den ersten Blick nach Standard, nach Routine aus, doch plötzlich gibt es einen Zwischenfall, ein Hindernis, das einige Ameisen blockiert. Doch wird dafür in Sekundenschnelle eine Lösung gefunden, ein neuer Weg – die Ameisenmassen reagieren somit ganz spezifisch auf Störungen und zwar selbst organisiert. Faszinierend.

In Logistikhallen der Zukunft werden es natürlich keine Ameisen sein, sondern blinkende Roboter, die ihre Bahnen ziehen und mobile Regale bewegen; Transportdrohnen, die hin und her fliegen; Rechner, die Daten auswerten und kombinieren, damit alles im Fluss bleibt. Und dazwischen der Mensch, der initiiert und steuert.

Um diese Möglichkeiten voll auszuschöpfen, haben wir das Innovationslabor „Hybride Dienstleistungen in der Logistik“ aufgebaut. Hier arbeiten Sie als ein Team aus Logistikern, Ingenieuren, Arbeitswissenschaftlern, Soziologen, Psychologen und Informatikern an innovativen Lösungen. Und weil dies stark auf die Praxis ausgerichtet sein soll, stehen Ihnen noch externe Partner aus Industrie und Wissenschaft beratend zur Seite. Einige davon sind heute hier. Herzlichen Dank an Sie alle für Ihr großes Engagement!

III.

Meine verehrten Damen und Herren,

das Beispiel Informationslogistik zeigt: neue Geschäftsmodelle, neue Dienstleistungen, neue Technologien, all das verändert die Arbeit der Menschen. Wer heute Kisten stapelt, der kann bald ein Exoskelett anziehen, das ihm die Arbeit erleichtert. Wer im Moment LKW fährt, der steuert vielleicht in Zukunft auf dem Computer, wann der LKW, wo Ware aufnimmt und wo wieder ablädt.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Wir können nicht einfach neue Technologien am Arbeitsplatz einführen ohne zu analysieren: Was machen diese Technologien mit den Menschen, die damit arbeiten? Wie wirkt es sich auf die Leistung und das Wohlbefinden der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus, wenn sie Datenbrillen benutzen? Gibt es möglicherweise gesundheitliche Konsequenzen?

Es ist eine Kernaufgabe des Innovationslabors, die neuen Formen der Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen zu erforschen und zu erklären. Einen Eindruck davon, wie sich Logistikarbeit in Zukunft anfühlen könnte, geben Sie beispielsweise durch Ihr Exponat auf der MS Wissenschaft – das ist das Forschungsschiff, das gerade anlässlich des aktuellen Wissenschaftsjahrs „Arbeitswelten der Zukunft“ über deutsche Flüsse tourt. Ich kann Ihnen sagen, dass die Datenbrille gut ankommt, mit der die Besucher lernen, eine Palette platzsparend und stressfrei zu packen.

Wir müssen die Menschen auf die Veränderungen gut vorbereiten. Dafür ist wichtig, ihnen durch solche Beispiele die Skepsis zu nehmen. Nicht nur in der Logistik verändern sich Berufe, sondern überall. Einige werden wegfallen, neue kommen hinzu. Die Berufsausbildung muss junge Menschen für neue Arbeitsanforderungen befähigen. Daher werden wir Ausbildungsordnungen gezielt modernisieren und insbesondere die Berufsschulen mit digitaler Technik ausstatten. Denn sie sind ja das Verbindungsstück zur künftigen Arbeitswelt, die neues Lernen und Zusammenarbeiten erfordert. Mal sehen, ob wir dem Roboter-Assistenten später den Satz beibringen können: „Flotti rabotti und gib mich ma den Mottek“ oder er nur aufs höfliche Bitten reagiert: “Könntest du bitte an die Arbeit gehen und mir liebenswürdigerweise den Hammer reichen?”

Ich freue mich, dass Sie hier im Innovationslabor Dortmund mit dem „Virtual Training Lab“ einen modernen Bildungsraum für Logistiker geschaffen haben. Ich danke dafür Herrn Professor Hirsch-Kreinsen, der heute leider nicht dabei sein kann, und Ihnen, lieber Herr Professor ten Hompel, und wünsche Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass die Teamarbeit zwischen Logistikern und Arbeitswissenschaftlern gut funktioniert.

Meine Damen und Herren,

im Juli 2016 wurden große Ziele hier in Dortmund anvisiert. Jetzt ist es vollbracht – zwei Hallen mit vielen High-Tech-Geräten sind entstanden. Ich bin gespannt, welche Innovationen Sie mir gleich zeigen werden. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, gute Ideen und Schaffenskraft im Innovationslabor. Und denken Sie immer daran:

Die Forschung darf nicht in den Laboren verbleiben, sondern muss hinaus in die Welt.