Die Wissenschaft muss ihre Stimme erheben

In Zeiten von Desinformationen und Populismus braucht es eine starke Wissenschaft, um Falschbehauptungen den Boden zu entziehen. Bundesforschungsministerin Karliczek fordert daher im FAZ-Interview: „Die Wissenschaftler sollten raus zu den Leuten“

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung setzt sich Bundesforschungsministerin Anja Karliczek mit dem Thema Wissenschaftskommunikation auseinander. Dabei macht sie gleich zu Beginn deutlich, dass sie im Kontext der Vielzahl an kursierenden Falschmeldungen und Desinformation auf eine zunehmend starke Stimme der Wissenschaftler setzt, um Falschbehauptungen den Boden zu entziehen.

Um das nötige Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft zu gewinnen, sieht Anja Karliczek die Wissenschaftler gefordert, sich noch stärker der Gesellschaft zuzuwenden. Auch wenn nicht jedes wissenschaftliche Thema, wie sie einräumt, per se ein breites Publikum anspricht. Als Beispiel bringt sie die erfolgreiche Wissenschaftskommunikation, die der Virologe Christian Drosten geleistet hat: „Dann kam Corona. Und mit der Pandemie kam Christian Drosten, um es einmal sehr vereinfacht auszudrücken. Er und viele seiner Kolleginnen und Kollegen haben wirklich Aufklärungsarbeit geleistet – über diese Pandemie selbst, aber auch wie Wissenschaft funktioniert. Sie haben uns allen Wissenschaft und ihre Methoden nähergebracht.“
Diese Kommunikationsarbeit sieht sie als Schlüssel für das steigende Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft. „Viele Wissenschaftler sind für die Menschen zu einem Anker der Sicherheit in einer unsicheren Zeit geworden“, so die Bundesforschungsministerin. Dass die Wissenschaft sich daraufhin nun auf einem Vertrauensvorsprung ausruhen kann, sieht sie nicht. Ganz im Gegenteil sieht sie die Lage eher verschärft, da Wissenschaftler durch die Pandemie stärker Kritik und Angriffen ausgesetzt sind. Hier appelliert sie an die Gesellschaft: „Wenn wir als Gesellschaft nicht dagegenhalten, besteht die Gefahr, dass sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Diskurs zurückziehen.“

Doch sieht die Bundesforschungsministerin die Wissenschaft gleichzeitig auch in der Pflicht zu kommunizieren, um Wissenschaft und Gesellschaft weiterhin zusammenzuhalten. Hier müssen sich die Prioritäten noch weiter zu mehr Bereitschaft der Wissenschaft zur Kommunikation mit der Gesellschaft verschieben. „Die Wissenschaftler sollten raus zu den Leuten“, fordert Anja Karliczek daher.

#FactoryWisskomm – Denkfabrik für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation

Diese Denkfabrik für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation ist eine zentrale Maßnahme des Grundsatzpapiers des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Wissenschaftskommunikation soll mehr als bisher Teil des wissenschaftlichen Selbstverständnisses werden. Forschungsministerin Anja Karliczek hat die Präsidentinnen und Präsidenten der führenden Forschung- und Wissenschaftsorganisationen sowie Expertinnen und Experten aus Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus eingeladen, gemeinsam Lösungskonzepte und Maßnahmen zu erarbeiten, um die Kommunikation aus der Wissenschaft und über Wissenschaft zu stärken. Die #FactoryWisskomm soll im April 2021 in einen Aktionsplan münden, der von den beteiligten Akteuren mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung umgesetzt werden soll.

Dieser Prozess des Umdenkens muss jedoch aus der Wissenschaft selbst kommen, so die Bundesforschungsministerin weiter. Die Politik kann diesen Prozess allerdings unterstützen „Als Bundesforschungsministerium werden wir verstärkt in unseren Förderbekanntmachungen Anreize setzen, damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihren Forschungsprojekten die Wissenschaftskommunikation von Anfang an mitdenken und in den Projekten auch Ressourcen dafür eingeplant werden“, verspricht Karliczek. Dabei verweist sie auch auf den Strategieprozess über die Zukunft der Wissenschaftskommunikation – die „FactoryWisskomm“  –, der bereits auf vollen Touren läuft.

Gleichzeitig räumt sie auch ein, dass es eine große Herausforderung ist, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, so die Politikerin. Ihr Aufruf ist daher deutlich: „Ich ermuntere Wissenschaftler trotzdem, sich in diesen rauen öffentlichen Meinungsstreit zu stürzen. Wir brauchen sie.“

Um Wissenschaftler in ihrer kommunikativen Arbeit zu unterstützen, sieht sie neben dem bereits geforderten Rückhalt aus der breite der Gesellschaft auch den Bedarf, entsprechende Strukturen zu schaffen. Zudem braucht es ihrer Meinung nach eine bessere Vernetzung und Bündelung der Expertisen der vorhandenen Institutionen, wie dies beispielsweise in dem Format „Wissenschaft im Dialog“ bereits geschieht. Doch auch an diesem Punkt weist sie auf die Verantwortung der Wissenschaft selbst hin: „Eine solche Entwicklung sollte aus der Wissenschaft kommen, die ein Interesse an einem guten Dialog mit der Gesellschaft haben muss. Die Wissenschaft sollte für sich sprechen und sich hier selbst professionalisieren. Wir können dazu nur ein Impulsgeber und Ermöglicher sein“, so die Bundesforschungsministerin.

Zum Schluss spricht sich die Bundesforschungsministerin noch einmal deutlich dafür aus, dass Wissenschaft in der Öffentlichkeit deutlich Position beziehen soll, auch wenn diese kritischer oder fordernder Natur ist. „Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn entsteht auch aus Kritik und Gegenkritik. Auch das sollte Wissenschaftskommunikation zeigen“, so Anja Karliczek.