Karliczek: "Innovationen müssen noch schneller kommen"

"Aus dem Land der Dichter und Denker muss jetzt vehementer als zuletzt ein Land der Tüftler und Bastler werden", sagt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek. Ein Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30. Juni 2018.

FAZ: Frau Ministerin, die Wissenschaft hat zurzeit einen schweren Stand in der Politik, immer wieder fängt sie besorgniserregende Signale auf, Stichwort Populismus, Stichwort Stagnation, jedenfalls im Haushaltsplan Ihrer Regierung. Sie waren in Ihren ersten Monaten im Amt viel unterwegs, haben Sie die Sorgen spüren können?

Anja Karliczek: Stagnation? Das würde ich nicht so sagen. Natürlich sieht man nach außen den Aufwuchs im neuen Haushalt nicht. Es bleibt wie im Vorjahr bei den 17,6 Milliarden Euro für Forschung und Bildung. Da im Moment die Mittel für den Hochschulpakt aber zurückgehen, weil die doppelten Abiturjahrgänge durch sind, können wir eine gute halbe Milliarde Euro mehr in die Forschung geben.

Die Steigerung ist aber nicht mehr so rasant wie in den vorigen Jahren. Wie ernst nehmen Sie die Kritik aus der Wissenschaft?

Wir haben die finanziellen Aufwüchse zugunsten der Wissenschaft in den letzten Jahren gefordert, unterstützt und vor allem erhalten! Wir halten diese Aufwüchse nach wie vor für richtig, dennoch wird durchaus nicht überall verstanden, warum diese Gelder nötig waren. Die Aufwüchse sind nicht selbstverständlich, das Geld muss im Deutschen Bundestag immer erst eingeworben werden. Wir müssen das also zusammen mit den Forschern und Wissenschaftlern noch besser erklären. Jeder Forscher muss in seinem Arbeitsbereich dringend verständlich machen, was er macht und was dies für einen gesellschaftlichen Nutzen hat. Das fällt denen, die der Anwendung näher sind, etwas leichter. Nehmen wir die Künstliche Intelligenz (KI). Das Thema wurde vor dreißig Jahren mit einem Institut im Saarland auf den Weg gebracht. Heute merken wir, dass die KI inzwischen in viele Lebens- und Arbeitsbereiche vordringt.

Geht es Ihnen zu langsam?

Wichtig ist, dass die Innovationspipeline im Land immer möglichst gut gefüllt bleibt. Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, müssen wir schneller und besser werden. Im Osten wie im Westen von uns schließen sie auf. Das heißt, wir müssen noch mehr Geld investieren. Dabei geht es aber nicht nur um staatliches Geld. Wir brauchen dieses Miteinander von Wissenschaft und Industrie.

Was sind für Sie die spannendsten Forschungsgebiete in der Hinsicht?

Bioökonomie und Künstliche Intelligenz sind extrem spannend. Die Grundlagen dafür, dass mit einer Kreislaufwirtschaft in der Bioökonomie, die es möglich macht, Ressourcen nicht immer nur verbraucht, sondern auch wieder genutzt werden, und das als Teil der Wertschöpfung zu sehen, erforschen wir seit Jahren. Das wird die nächste Innovationsgeneration sein. Ein weiterer wichtiger Treiber ist die KI. Und da stellen sich enorm wichtige Fragen: Wir brauchen zum Beispiel viele, gut aufbereitete Daten, wenn wir die Innovationskraft von Künstlicher Intelligenz nutzen wollen. Das gilt gerade auch für die Medizinforschung.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Aversion gegen diese Art von Innovation, wo hochsensible, persönliche Daten in rauhen Mengen gebraucht werden, speziell in unserem Land zunimmt?

Wie wir mit den Daten richtig umgehen, das erforschen wir ja gerade insbesondere in den außeruniversitären Instituten. Auch Cybersicherheit nehmen wir jetzt viel intensiver in den Blick als früher. Über den richtigen Weg des Datenschutzes und der - sicherheit werden wir aber vermutlich noch eine ganze Weile diskutieren müssen.

Ist diese Schwerfälligkeit Teil unserer deutschen Innovationkultur?

Viele innovative Produkte wurden ursprünglich in Deutschland entwickelt, die deutsche Ingenieurskunst ist berühmt. Daran müssen wir jetzt anknüpfen. Wir sind immer noch sehr gut im Bereich der Forschung, allerdings sind wir nicht gut genug im Bereich der Umsetzung in innovative Produkte. Ich will es mal überspitzt formulieren: Aus dem Land der Dichter und Denker muss jetzt vehementer als zuletzt ein Land der Tüftler und Bastler werden, müssen Innovationen noch schneller kommen. Dazu gehört auch, dass etwas mal nicht klappt. Es muss auch möglich sein, mal etwas auszuprobieren und dann festzustellen, das war es nicht, ich fang nochmal von vorne an. Es ist ein Fehler, ständig dieses ,Es-darf-nicht-scheitern‘ in den Vordergrund zu stellen.

In den Start-ups findet man häufig solche Leute.

Aber es sind bisher zu wenige. Mehr junge Leute sollten sich trauen, sich selbständig zu machen. Und sie müssen auch zurückgehen können in ihre Institute. Oder parallel in einem Unternehmen und einem Institut arbeiten können. Diese Flexibilität fehlt uns noch. Das ist eine Mentalitätssache, aber selbstverständlich müssen wir uns auch über die Regeln und Strukturen Gedanken machen, die das bewirken. Wir reden insgesamt zu wenig über die Leute, die Unsicherheit auf sich nehmen und mutig sind, einfach mal etwas auszuprobieren, um unseren Wohlstand zu erhalten.

Im Koalitionsvertrag war die Innovationskultur schon thematisiert, aber noch wenig konkret formuliert. Inzwischen haben Sie eine Agentur für Sprunginnovationen angekündigt. Was wird das genau?

Was wir brauchen, sind Innovationssprünge, mit denen neue Märkte erschlossen werden können. Historisch betrachtet, gab es nach technologischen Sprüngen, also etwa von der Landwirtschaft in die Industrie, von der Basisindustrie zu Elektrizität und Automobil, auch immer wieder schwierige Zeiten. Danach haben sich die Dinge weiterentwickelt und die Verhältnisse wieder stabilisiert. Aus langen Phasen stetiger Innovation entwickelt sich aber irgendwann keine neue Wirtschaftskraft mehr. Wir brauchen jetzt in der Innovationsbereitschaft gewissermaßen mehr PS auf die Straße.

Sprunginnovationen sind für sie also immer die Innovationen, die neue Märkte schaffen?

Genau.

Wie soll die Agentur für Sprunginnovationen das schaffen, welcher Wunderknabe sitzt da am Ruder?

Wir brauchen an der Stelle in der Tat einen wirklich besonderen Kopf. Der muss im Grunde wie ein Schnüffelhund unterwegs sein. Es geht nicht darum, neben unsere klassische Forschungsinfrastruktur noch etwas von der Art zu setzen. Es soll eine Förderagentur werden, keine Forschungsagentur. Wenn wir uns da zu klassisch aufstellen, dauert das zu lange. Die Amerikaner und Chinesen sind uns in vielen Bereichen einfach dicht auf den Fersen.

Suchen Sie schon diesen kreativen Kopf?

Ja, das ist eine der Kernfragen, über die wir momentan nachdenken. Über mögliche Kandidaten diskutieren wir gerade.

Der muss ja Übermenschliches leisten, wenn er über alle Wissenschafts- und Technikbereiche hinweg ungedachte Ideen entwickeln und diese fortentwickeln muss.

Das muss aber so ein Kopf letztendlich leisten können. Mit einem guten Überblick und einem guten Gespür dafür, woraus man etwas entwickeln kann. Etwas, das man im Wettbewerb zu einem Produkt machen kann, das uns nach vorne bringt.

Mehr Freiräume kann man sich als Forscher gar nicht wünschen.

In der Tat gab es so was bisher nicht in unserer Forschungslandschaft, und deshalb muss jetzt auch schnell mit unseren Haushaltsexperten und dem Finanzministerium geklärt werden, wie wir das schaffen, dass so eine Agentur freier als andere Institutionen mit Steuermitteln arbeiten kann. Das ist jedenfalls nur mit breiter parlamentarischer Unterstützung möglich. Da muss sich das Parlament absolut dahinter stellen.

Wie will man die Agentur finanziell ausstatten?

Wir werden erst mal hundert Millionen Euro dafür in den Haushalt einstellen.

Was würden Sie sagen, wann arbeitet die Ideen-Agentur erfolgreich?

Die Agentur ist erst mal völlig frei, das zu tun, was sie für wichtig hält. Wir entscheiden nur über die finanziellen Mittel, die Struktur, über den innovativen Kopf. Was sich daraus entwickelt, muss man sehen. Evaluiert werden soll das Projekt erst nach zehn Jahren. Die gewünschte Innovationskraft kann aus dieser Agentur auch nur kommen, wenn wir versuchen, ihr diese Freiheit zu geben und keine Einschränkungen zulassen. Parallel wollen wir auch auf europäischer Ebene eine solche Agentur. Sie wird letztlich für globale und europäische Fragestellungen aufgebaut.

Sogar in den Hochschulen spricht man inzwischen von einer Innovationsökologie, was ja wohl heißen soll: Wir wollen eingebunden sein in die neuen Strukturen. Ist die Schnittstelle zur Industrie nicht zu schwach ausgebildet, um schnell dahin zu kommen?

Zwischen Industrie und Fachhochschulen ist die Schnittstelle schon gut ausgebildet, an einigen Orten sogar sehr gut. Aber auch die Universitäten sind zum Teil sehr gut mit der Wirtschaft vernetzt. Die Agentur muss sich in allen Bereichen umsehen. Die neue Exzellenzstrategie wird uns zeigen, wo die qualitativ hochwertige und innovative Forschung an den Hochschulen unterwegs ist. Insgesamt geht es um gute Vernetzung.

Netzwerken wird kaum ausreichen, die zufriedenzustellen, die sich bereits heute als Innovationstreiber sehen und trotzdem an bürokratischen Hürden oder an dem gewaltigen Aufwand der Dokumentation und Zulassung scheitern.

Wir müssen jetzt eine ganze Reihe von Strukturen aufbrechen. Alles ist wichtig, was dazu beiträgt, Wissen zu vernetzen und schnell zugänglich zu machen, ohne dass es ausgenutzt wird und derjenige, der es geschaffen hat, nichts mehr davon hat. Dokumentation, Bürokratie haben sich in den letzten Jahren in manchen Bereichen zu stark ausgebreitet, das ist bedauerlich. Aber ich habe die Hoffnung, dass durch die Digitalisierung vieles systematisiert und vereinfacht werden kann. Wir müssen uns Instrumente ausdenken, die vor allem den kleinen Unternehmen helfen, diesen enormen Aufwand für sie zu minimieren. Und wir müssen gleichzeitig die hierarchischen Strukturen an vielen Stellen zugunsten von Netzwerkstrukturen auflösen. Das Netzwerken werden wir in den nächsten Jahren an vielen Stellen unterstützen.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.