Karliczek: "Kinder sollten grundsätzlich verstehen, wie unsere digitale Technik funktioniert"

Im Interview mit SUPERillu spricht Bundesbildungsministerin Anja Karliczek über die Bedeutung frühkindlicher Bildung, den Digitalpakt Schule und die Orientierung in der digitalen Welt. 

Bundesministerin Anja Karliczek besuchte im Juli die Kita Hör-Höchste in Berlin – ein Haus der kleinen Forscher. Am Rande des Besuchs sprach sie mit SUPERillu über frühkindliche Bildung und den Digitalpakt Schule. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

SUPERillu: Bildung ist fundamental für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und die beruflichen Chancen. Wie kann man das Fundament dafür legen?

Anja Karliczek: Indem wir schon früh im Bildungsort Kita die richtigen Weichen stellen. Mit frühkindlicher Bildung können wir so viel erreichen wie an keiner anderen Stelle in der Bildungskette. Kleine Kinder sind ja wie ein Schwamm, nehmen viel Wissen auf und speichern es. Dabei leisten Erzieherinnen und Erzieher in Kitas einen starken Beitrag, diese für Kinder so wichtige Entwicklungsphase zu fördern und  sie behutsam im Miteinander mit anderen an Bildung heranzuführen.

Auch liegt mir die frühzeitige Förderung von Kindern in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) sehr am Herzen. Mein Besuch in der Kita hat es heute wieder gezeigt: Die Stiftung Haus der kleinen Forscher leistet hier eine super Arbeit! Gerade die ostdeutschen Bundesländer sind in der MINT-Förderung ganz vorn dabei. In Deutschland ist fast jede zweite Kita mit dem Haus der kleinen Forscher aktiv, in Sachsen sind es 67% und in Brandenburg 68% aller Kitas. Das kommt nicht von ungefähr.

So setzt sich zum Beispiel der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer seit etlichen Jahren mit viel Kraft für das Haus der kleinen Forscher ein und berichtet mir immer wieder vom großen Erfolg der frühen MINT-Bildung in den neuen Bundesländern. Hier in der Kita „Hör Höchste“ haben wir gerade sehen können, wie neugierig Kinder sind, wie wichtig es ist, sie dazu zu ermuntern und sie ausprobieren zu lassen. Das finde ich klasse! So wollen wir auch in Zukunft fördern.

Es gibt bundesweit einen Mangel an Erziehern. Nun ist dies hoheitliche Ländersache. Was können Sie als Bildungsministerin tun, um diese Situation zu verbessern?

Es ist wichtig, dass wir über den Personalschlüssel, die Attraktivität und die gesellschaftliche Wertschätzung dieses Berufes reden. Gerade haben wir auch hier in der Kita gehört, wie wichtig ein ausreichender Personalschlüssel ist, damit Erzieherinnen und Erzieher in Ruhe ihre Arbeit machen können. Mir geht es auch um Wertschätzung. Eltern geben jeden Morgen „das ihnen Liebste“, ihre Kinder, in die Hände von Erziehern. Mit diesen Worten hat mir das heute eine junge Erzieherin geschildert.

Als dreifache Mutter kann ich mich in dieser Wortwahl gut wiederfinden. Ich finde es beeindruckend, mit welcher Hingabe sich Erzieher im ganzen Land um Kinder kümmern. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Ihnen müssen wir danken und ihre tägliche Arbeit wertschätzen. Ich möchte Mut machen und betonen, wie wichtig dieser tolle Beruf ist. In diesem Sinne werden wir unsere Unterstützung der Länder zur Verbesserung der Rahmenbedingungen in Kitas fortsetzen.

Sie haben sich als Bildungs- und Forschungsministerin die Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben. Wie soll das konkret aussehen? Noch hinkt Deutschland da ja hinterher, mancherorts fehlt es mangels Breitband an technischen Voraussetzungen...

Der Anspruch von Schule ist und bleibt die bestmögliche Vorbereitung junger Menschen auf das Leben. Dazu gehört ergänzend zu den klassischen Kompetenzen – Lesen, Schreiben und Rechnen – auch die Orientierung in der digitalen Welt. Hier sollten wir Kinder und Jugendliche nicht sich selbst überlassen. Gemeinsam mit den Ländern arbeite ich dafür, dass digitale Bildung in Klassenzimmern möglich wird. Deshalb wollen wir mit dem Digitalpakt die notwendige digitale Infrastruktur in die Schulen hineinbekommen. Mit gut durchdachten pädagogischen Konzepten der Schulen kann dann die Qualität des Unterrichts durch digitale Medien verbessert werden.

Konkret heißt das?

Es handelt sich um einen Pakt zwischen Bund und Ländern. Wir stellen eine gute digitale Bildungsinfrastruktur bereit. Unser Augenmerk wird dabei auf der breitbandigen Verkabelung der Schulen, der WLAN-Ausleuchtung und der Anschaffung von stationären Endgeräten wie zum Beispiel interaktive Tafeln liegen. Die Länder sollen sich um den Betrieb, die Wartung der Geräte, die Qualifizierung von Lehrkräften und die Erarbeitung der pädagogischen Konzepte kümmern.

Eine gute WLAN-Ausleuchtung an Schulen ist natürlich besonders wichtig, weil sie für digitale Bildung eine unverzichtbare Voraussetzung ist. Denken Sie zum Beispiel an das Forschungsprojekt Schul-Cloud, das mein Ministerium bis 2021 mit über 7,9 Millionen Euro fördert. Wir wollen es Schülern und Lehrern in Zukunft ermöglichen, nicht nur im Schulgebäude, sondern von überall in Deutschland auf Lerninhalte zugreifen zu können. Diese digitalen Angebote können natürlich nur bei entsprechender Ausstattung der Schulen genutzt werden, also mit leistungsfähigem Breitbandanschluss. Hierfür müssen wir jetzt die Rahmenbedingungen schaffen.

Für den Digitalpakt Schule stehen fünf Milliarden Euro aus Ihrem Haus bereit?

Die Bundesregierung stellt in den kommenden fünf Jahren insgesamt fünf Milliarden Euro für die digitale Ausstattung von Schulen bereit. Noch in dieser Legislaturperiode – also bis 2021 – sollen davon 3,5 Milliarden Euro abgerufen werden. Das ist sehr viel Geld. Mir ist wichtig, dass es sinnvoll ausgegeben wird. Deshalb ist ein gut durchdachtes pädagogisches Konzept einer jeden Schule auch die ganz entscheidende Voraussetzung für eine Förderung. Wo es dies gibt, können die Mittel schnell fließen.

Dafür mussten Sie eine Grundgesetzänderung auf den Weg bringen...

Ja, im Kabinett haben wir die Grundgesetzänderung Anfang Mai auf den Weg gebracht, damit wir ganz gezielt in die digitale Bildungsinfrastruktur aller Kommunen investieren können. Das konnten wir bisher aufgrund der Kultushoheit der Länder nicht. Jetzt muss die Grundgesetzänderung vom Deutschen Bundestag und Bundesrat beschlossen werden. Parallel dazu verhandeln wir eine Bund-Länder-Vereinbarung, die nach erfolgter Grundgesetzänderung abgeschlossen werden kann. Ab Anfang 2019 soll für Schulen dann die Beantragung von Fördermitteln bei den Ländern über die Schulträger möglich sein.

Jedes Kind soll programmieren können, haben Sie gesagt. Was verstehen Sie darunter?

Es geht mir nicht darum, aus jedem Kind einen Programmierer zu machen. Vielmehr sollten Kinder und Jugendliche grundsätzlich verstehen, wie unsere digitale Technik funktioniert, wie Algorithmen ticken und was sie bewirken. Das gehört für mich dazu, wenn wir jungen Menschen in einer digitalen Welt Orientierung geben wollen.

Und wann ist dafür das richtige Alter?

Mit manchen Dingen kann man nicht früh genug anfangen. Aber wir brauchen, und das haben wir hier beim Kita-Besuch im Haus der kleinen Forscher gut beobachten können, erst ein Grundverständnis darüber, wie unsere Welt funktioniert, um parallel dazu eben auch digitale Kompetenzen zu erwerben. Kinder und Jugendliche sollten altersgerecht lernen, wie Technologie um sie herum funktioniert. Pädagogen haben zu entscheiden, wann dafür das richtige Lernalter ist. Wichtig ist, dass uns klar ist:  Wir müssen uns da auf den Weg machen!

Wie halten es Ihre drei Kinder? Können die programmieren?

Ja, meine Kinder haben sich während ihrer Schulzeit in die Thematik reingefuchst. Erst vor kurzem habe ich sie am Abendbrottisch danach gefragt. Ich habe ganz schön gestaunt, was die alles können.

Thema Handy: In manchen Bundesländern verbieten die Schulen die Benutzung. Wie sehen Sie das?

Ganz zu Beginn haben wir früher an der Schule meiner Kinder dafür plädiert, dass Handys nicht benutzt werden dürfen. Ich bin inzwischen der Meinung, dass die Nutzung von Handys in manchen Situationen auch sinnvoll sein kann. Zur Vermittlung digitaler Kompetenzen gehört schließlich auch, Kindern und Jugendlichen einen verantwortungsvollen Umgang mit ihren Smartphones beizubringen. Das bedeutet: Die Geräte sollten sinnvoll eingesetzt werden und nicht vom Unterricht ablenken.

Wie kann digitale Technik eingesetzt werden, um Kinder aus bildungsfernen Familien zu fördern?

Digitale Technik schafft neue Möglichkeiten. Mit den richtigen digitalen Bildungsmedien werden Lehrer künftig stärker als bisher darauf schauen können, wo einzelne Kinder noch Hilfe und Unterstützung brauchen. Auch der Unterricht kann durch digitale Hilfsmittel an der einen oder anderen Stelle spannender gemacht werden. Denken Sie zum Beispiel an die digitale Simulation von Experimenten der Physik oder an komplexe Abläufe in der Industrie, die durch gut aufbereitete Erklärvideos vermittelt werden können. Das kommt vielen Kindern und Jugendlichen entgegen und motiviert sie zum Mitmachen. Aber eins will ich auch klarstellen: Selbst die modernste Technik kann menschliche Zuwendung nicht ersetzen. Sie kann sie nur ergänzen.

Der Lehrermangel ist nicht nur hier in Berlin ein Problem. Hier aber so groß, dass man auch Quereinsteiger nimmt. Grundsätzlich eine gute Idee?

Der Lehrermangel fordert alle Länder heraus – nicht nur die ostdeutschen Bundesländer. Die Einstellung von Seiten- und Quereinsteigern ist dabei ein Baustein von vielen. In Sachsen wird zum Beispiel ab dem kommenden Jahr wieder verbeamtet. Entscheidend bleibt, dass gut ausgebildete Persönlichkeiten vor der Klasse stehen. Seiten- und Quereinsteiger können dabei eine Bereicherung für Schulen sein. Jeder von ihnen bringt schließlich aus dem bisherigen Werdegang praktisches Wissen und Lebenserfahrung mit. Eine gute berufsbegleitende, fachdidaktische und pädagogische Qualifizierung ist allerdings notwendig, um erfolgreich unterrichten zu können. Dafür muss Sorge getragen werden. Wir unterstützen die Länder dabei mit bis zu einer halben Milliarden Euro durch die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“.

Es gibt in unserem Land immer noch eine nicht geringe Zahl Jugendlicher, die keinen Schulabschluss schaffen und keinen Beruf erlernen. Wie kann man dies verbessern?

Jeder Schulabbruch ist einer zu viel. Laut aktuellem Bildungsbericht haben 6% der Schüler in Deutschland im Jahr 2016 die Schule ohne einen Hauptschulabschluss verlassen. Die Gründe sind in jedem Einzelfall ganz unterschiedlich. Wir müssen Jugendliche da abholen, wo sie sind und ihnen auch immer eine Chance zum Weitermachen eröffnen.

Auch gilt der Grundsatz: Kein Abschluss ohne Anschluss. Mit einer starken Berufsorientierung an allen Schulen will ich gemeinsam mit den Ländern junge Menschen bestmöglich darin unterstützen, die für sie richtige Entscheidung über den weiteren Werdegang zu treffen. Auch hier hat zum Beispiel die berufliche Bildung eine ganze Vielfalt an attraktiven Möglichkeiten zu bieten. Darüber müssen wir stärker aufklären und jungen Menschen Mut machen: Wir brauchen dich, deine Fähigkeiten und Talente!

Mir ist wichtig, dass wir jungen Menschen immer wieder Chancen bieten, neu anzufangen und den eigenen Weg zu finden. Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, auch nur ein Kind zurückzulassen. Ich bin überzeugt, jeder kann seinen Platz finden.

Die Fragen stellte Annette Hörnig.