Karliczek: „Sie leben Mobilität und weltweiten Austausch“

Bundesforschungsministerin Karliczek gratuliert den Sofja-Kovalevskaja-Preisträgerinnen und -preisträgern: „Mit Ihrer Einsatzbereitschaft und Ihren ambitionierten Forschungsvorhaben sind Sie für die Wissenschaft in Deutschland ein großer Gewinn.“

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich der Verleihung der Sofja-Kovalevskaja-Preise am 22. November 2018 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort. Änderungen vorbehalten.

Sehr geehrter Herr Professor Pape,

verehrte Preisträgerinnen und Preisträger,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,

sehr verehrte Damen und Herren,

Friedrich Dürrenmatt schrieb einmal: „Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“ Wir stehen heute vor vielen Aufgaben, die uns alle angehen: Klimawandel, Demografie oder Migration sind einige Stichworte. Es sind Themen, die das Leben und Arbeiten der Menschen überall auf der Welt verändern. Und die Auswirkungen auf das Zusammenleben in unseren Gesellschaften haben. Wir müssen uns diesen Themen stellen, um gut auf die Zukunft vorbereitet zu sein.

Ich bin überzeugt: Wir können Lösungen finden. Allerdings nur, wenn wir die Herausforderungen zusammen angehen. Ohne internationale Zusammenarbeit und Vernetzung sind Fortschritte in Wissenschaft und Forschung nur noch schwer denkbar. Wir brauchen international zusammengesetzte Forschungsgruppen, die unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen. Nur so können innovative und tragfähige Lösungen entstehen.

Dabei hängen Fortschritte in hohem Maße vom Können und vor allem vom Pioniergeist einzelner Persönlichkeiten ab. Es kommt auf den freien und internationalen Diskurs, auf persönlichen Austausch über akademische Disziplinen, Nationen und Kulturen hinweg an.

Einige der Nachwuchswissenschaftler, die für Weltoffenheit und Exzellenz stehen, sind hier heute versammelt.

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger des Sofja Kovalevskaja-Preises,

ein Blick auf Ihre schon jetzt beeindruckenden Biografien macht deutlich: Sie leben Mobilität und weltweiten Austausch. Mit Ihrer persönlichen Einsatzbereitschaft und Ihren ambitionierten Forschungsvorhaben sind Sie für die Wissenschaft in Deutschland ein großer Gewinn.

I.

Wissenschaft und Forschung haben für uns in Deutschland einen hohen Stellenwert. Denn: Ohne Wissenschaft und Forschung gibt es keinen Fortschritt und keine Innovationen. Wir brauchen beides, wenn wir Wachstum, Wohlstand und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sichern wollen.

Die Zahlen bestätigen uns, dass wir den richtigen Weg gehen. Der kürzlich erschienene Report über globale Wettbewerbsfähigkeit des Weltwirtschaftsforums hat Deutschland ein Spitzenzeugnis ausgestellt. Ob Investitionen in die Zukunft, wissenschaftliche Forschung oder wichtige Patente – überall ist unser Land im weltweiten Maßstab vorne dabei.

Besonders erfreulich ist, dass Deutschland bei der Innovationsfähigkeit sogar auf Platz eins gelandet ist – vor Ländern wie den USA, Japan oder Singapur.

Wissenschaft, Innovation und Transfer in Deutschland dienen dabei jedoch nicht nur den Menschen in Deutschland. Denn wir forschen auch daran, Lösungen für globale Herausforderungen, zum Beispiel für Klima, Gesundheit oder Mobilität, zu finden.

Dass wir zu exzellenten Erkenntnissen nicht alleine kommen, ist doch klar. Unser Wissenschaftssystem ist weltoffen, integriert globale Wissensströme. Das ist für uns wesentlich - gerade in Zeiten, in denen der Wettbewerb immer globaler und intensiver wird und das Tempo der Veränderungen immer weiter ansteigt. In Zeiten, in denen kein Land alleine die großen Herausforderungen lösen kann. Deshalb freuen wir uns, dass Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, nun bei uns in Deutschland sind und hier forschen.

II.

Natürlich brauchen Wissenschaftler auch gute Rahmenbedingungen für ihre wissenschaftliche Arbeit.

Unser Ziel ist es, den Wissenschaftsstandort Deutschland möglichst attraktiv zu gestalten – auch für international mobile Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wir wollen denen, die langfristig bei uns bleiben wollen, eine Perspektive im deutschen Wissenschaftssystem eröffnen. Ebenso wollen wir Anreize für befristete Aufenthalte in Deutschland geben. Denn auch jeder noch so kurze Aufenthalt kann dem Austausch und der Weiterentwicklung von Ideen dienen. 

Außerdem wollen wir, dass internationale Wissenschaftler gut bei uns ankommen und sich aufgenommen fühlen. Eine Willkommenskultur, die sich durch Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft auszeichnet, ist dafür essentiell. Denn nicht nur am Arbeitsplatz sollen sie sich willkommen fühlen, sondern auch im Privaten – mit ihrer Familie.

III.

Wir investieren viel, um Wissenschaft und Forschung stark zu machen.

Der Bund hat in Zusammenarbeit mit den Ländern bereits viel für den Wissenschaftsstandort Deutschland geleistet. Dazu gehören nationale Initiativen wie der Hochschulpakt, die Exzellenzstrategie, der Pakt für Forschung und Innovation oder der Qualitätspakt Lehre.

Wir wissen jedoch, dass dies alles nicht ausreicht, wenn wir unsere Stärke wahren und im internationalen Wettbewerb weiter ausbauen wollen. Deshalb setzen wir auf Profilbildung und Exzellenzorientierung des deutschen Wissenschaftssystems.

Mit der Einführung der Tenure-Track-Professur wollen Bund und Länder zudem einen Kultur- und Strukturwandel im deutschen Wissenschaftssystem anstoßen. Er soll vor allem jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zugutekommen. Denn wir wissen: Wenn wir den Besten jeder Generation eine verlässliche Perspektive im deutschen Wissenschaftssystem bieten wollen, müssen wir – damit meine ich nicht nur Bund und Länder, sondern auch die Hochschulen – wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen schaffen. Deshalb etablieren Bund und Länder mit dem deutschen Modell der Tenure-Track-Professur einen neuen, planbaren und transparenten Karrierepfad zu einer Dauerprofessur in Deutschland.

IV.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Voraussetzung für exzellente Forschung sind Räume zum freien Denken und unabhängigen Forschen.

Unsere freiheitliche und demokratische Gesellschaft garantiert Wissenschaftsfreiheit in Deutschland. Wissenschaftsfreiheit ist für uns ein hohes Gut. Denn nur solange die Freiheit von Forschenden und Lehrenden garantiert ist, bleibt eine Gesellschaft offen, innovativ und erfolgreich: Eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft hängt von einer Wissenschaft ab, die ebenfalls pluralistisch ist, die auf Diskurs setzt und nicht die EINE Erkenntnis als die einzig richtige proklamiert.

Es geht um Sachorientierung und Austausch von Positionen, nicht um das Verkünden von Überzeugungen. Dafür steht verantwortliche Forschung, die Wissen weitergeben, Entscheidungsgrundlagen liefern und damit dem Gemeinwohl dienen will.

Das müssen wir uns ständig vor Augen halten. Besonders in Zeiten, in denen Wissenschaftsfreiheit an verschiedenen Orten der Welt in Frage gestellt wird und in denen Wissenschaftler in ihrem Tun eingeschränkt werden.

Wir müssen freie Wissenschaft gegen alle Versuche der Vereinnahmung verteidigen. Und wir wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der ganzen Welt bei uns Raum geben, um frei und unabhängig zu forschen. Das ist unser Anspruch.

Gleichzeitig erleben wir weltweit, aber auch bei uns in Deutschland, dass Debatten von Emotionalisierung, Polarisierung und Vereinfachung geprägt sind. Dass an einigen Stellen in der Gesellschaft das Vertrauen in die Wissenschaft schwindet.

Wissenschaftler selber können hier gegensteuern und dazu beitragen, dass Wissenschaft in einer Gesellschaft den Stellenwert behält, den sie verdient. Dazu gehört die Bereitschaft von Forschenden, über die eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse mit anderen in den Dialog zu treten. Forschende selber können Menschen am besten von der hohen Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft überzeugen. Sie können deutlich machen, dass ihre Arbeit dem Gemeinwohl dient. Ich lade auch Sie hier alle ein, daran mitzuwirken.

V.

Die Politik kann gute Rahmenbedingungen setzen. Sie mit Leben zu füllen, ist Aufgabe der Wissenschaftler.

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger, mit dem Sofja Kovalevskaja-Preis haben auch Sie die Chance, die Wissenschaftslandschaft hier in Deutschland weiter mit Leben zu füllen und zu bereichern. Wir freuen uns, Sie mit Ihren Ideen und Ihrem Forschergeist bei uns zu haben.

Ich wünsche Ihnen, dass der Sofja Kovalevskaja-Preis für Sie und Ihre Forschung eine Zukunftschance wird. Und vielleicht beginnt mit dem heutigen Tag für einige von Ihnen zugleich eine vielversprechende und dauerhafte Karriere in Deutschland – darüber würde ich mich besonders freuen.

Von Sokrates ist der Satz überliefert: „Wer die Welt bewegen will, sollte erst sich selbst bewegen.“ Angesichts Ihrer Mobilitätsfreude bin ich überzeugt, dass Sie alle ein Stück weit dazu beitragen werden, die Welt zu bewegen und mit Wissenschaft Fortschritt zu gestalten.

Herzlichen Glückwunsch und herzlich willkommen!