Karliczek über Corona-Impfstoff: "Forscher kommen jeden Tag weiter"

Bundesforschungsministerin Karliczek beschreibt in der "Augsburger Allgemeinen", wie die Wissenschaft an einem Corona-Impfstoff arbeitet und welche Fortschritte dabei gemacht werden. "Das ist das beste Mittel, um das Virus zurückzudrängen", sagt sie.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung.
© BMBF/Laurence Chaperon

Dieses Interview erschien am 23. März 2020 in der "Augsburger Allgemeinen".

Frage: Frau Karliczek, auch Ihr Ministerium wird gerade vom Coronavirus überrollt. Sie haben eine Beschleunigung der Forschung angekündigt. Gibt es da schon Fortschritte zu vermelden?

Anja Karliczek: Ich habe großes Vertrauen in die Forschung. Die Forschung auch in der Bekämpfung von Viren war nie so gut aufgestellt wie heute – weltweit und gerade in Deutschland. Die Forscherinnen und Forscher arbeiten unter Hochdruck. Es geht um drei Themen: Die Wissenschaftler versuchen, das Virus in all seinen Facetten zu verstehen. Das ist wichtig, um der Bevölkerung die richtigen Ratschläge zum Schutz der Gesundheit geben zu können.

Die Forscher kommen hier jeden Tag weiter. Dann geht es um die Entwicklung neuer Medikamente. Darunter fallen auch Medikamente, die bereits bei anderen Krankheitsbildern eingesetzt werden oder nah am Einsatz waren. Auch hier laufen Projekte. Und dann geht es um die Entwicklung eines Impfstoffs. Das ist natürlich das beste Mittel, um das Virus zurückzudrängen. Die Entwicklung eines Impfstoffs ist sehr zeitaufwendig. Überall gilt: Forschung braucht Zeit.

Das Tübinger Pharma-Unternehmen CureVac rechnet mit einem baldigen Durchbruch für einen Impfstoff gegen das Coronavirus. Haben Sie Kontakt mit dem Unternehmen?

Es ist eine gute Nachricht, die uns in dieser Woche erreichte, dass die Firma nun bei Versuchen im Tiermodell angekommen ist. Das ist aber erst der Beginn der Testphase. Es folgen noch mehrere Stufen der Prüfung von möglichen Impfstoffen am Menschen. Die Richtschnur bei einer Abwägung von Risiko und Nutzen lautet: Der Impfstoff muss wirksam sein – also tatsächlich vor der Krankheit schützen. Und er muss sicher sein – das bedeutet, er darf keine Gesundheitsschäden verursachen. Darum muss ein Impfstoff ausreichend getestet werden. Es wird seine Zeit brauchen, bis der Impfstoff für alle Menschen verfügbar ist.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Versuche von US-Präsident Donald Trump, deutsches Know-how und deutsche Wissenschaftler abzuwerben oder gar aufzukaufen?

Ein wirksamer Impfstoff ist das beste Mittel, um das Virus auf mittlere Sicht einzudämmen. Daran wird überall auf der Welt mit Hochdruck gearbeitet. Auf der Liste der WHO stehen 41 Unternehmen und Institute. Eine besondere Bedeutung hat die internationale Impfstoff-Allianz CEPI. Deutschland und einige andere Länder sowie Wohltätigkeitsorganisationen tragen sie. CEPI wurde in Reaktion auf die Ebola-Epidemie gegründet.

Schon vor Wochen hat CEPI weltweit mehrere Einrichtungen mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus beauftragt. An CEPI sollte sich die Welt orientieren. Globale Probleme brauchen globale Lösungen. Nationale Alleingänge können keine Lösung sein. Auch die USA profitieren von dem Wissen, das in Deutschland geschöpft wird und umgekehrt.

Der Alice-Cooper-Klassiker „School’s Out“ ist gerade bundesweit Realität geworden. Aber eigentlich soll es ja keine „Corona-Ferien“ geben. Was raten Sie Eltern, Lehrern und Schülern, wie sie die freie Zeit am besten nutzen können?

Die Krise belastet uns alle. Unser Leben hat sich von Grund auf verändert. Wir müssen uns schützen – in unserem eigenen Interesse, aber auch im Interesse der Älteren und der Menschen mit Vorerkrankungen. Das ist jetzt das Allerwichtigste. Die Lage ist ernst. Das hat auch die Kanzlerin betont. Aber dies ist zudem eine Zeit, in der eine Gesellschaft zeigen kann, was in ihr steckt. Wir sind solidarisch, wenn wir Abstand zueinander halten – und wir müssen solidarisch sein, denn nur so retten wir Leben.

Wir sollten alle viel miteinander sprechen, auch wenn wir uns nicht so begegnen können, wie wir es gewohnt sind. Wir müssen zusammenrücken, ohne dies im wörtlichen Sinne zu verstehen. Die Fortschritte in der Kommunikation helfen uns dabei. Und natürlich können Eltern zu Hause ihren Kindern etwas beibringen und die Älteren selbst lernen. Die Lehrer bemühen sich ja, in Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern zu bleiben und ihnen Aufgaben zu übermitteln.

Glauben Sie, dass das Coronavirus grundlegende Auswirkungen auf den Schulunterricht hat? Wird es in Zukunft mehr Unterricht per Livestream geben? Oder normalisiert sich die Lage dann irgendwann wieder?

In Zeiten von Schulschließungen werden nun viele Varianten des digitalen Lernens getestet, um den Unterricht weitestgehend aufrechtzuerhalten. Wir sind mit den Ländern im Gespräch, wie wir mit dem Digitalpakt kurzfristig helfen können. Die Krise fordert jetzt von uns allen rasche und unkonventionelle Lösungen.