Karliczek: „Unser Leben ist auf den Kopf gestellt“

Die Welt wartet auf einen Impfstoff gegen das Coronavirus. Auch deutsche Einrichtungen sind an der Erforschung beteiligt. Im Interview mit den "Westfälischen Nachrichten" spricht Bundesforschungsministerin Karliczek über die Entwicklung.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview erschien am 1. April 2020 in den "Westfälischen Nachrichten" und der "Allgemeinen Zeitung". Das Gespräch führte Frank Polke.

Frage: Die Welt schaut mit größter Sorge auf die Ausbreitung der Corona-Pandemie. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Karliczek: Das Coronavirus hat unser gesamtes Leben und unser soziales Miteinander völlig auf den Kopf gestellt. Wir sind alle davon betroffen. Und noch wissen wir nicht, wie sich die Pandemie weiterentwickelt. Jetzt ist von uns allen gemeinsames und solidarisches Handeln gefragt. Dazu zählt, dass wir die Beschränkungen, die im Moment für unser Leben gelten, ernst nehmen. Nur so kann es gelingen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Und auch wenn derzeit bei vielen die Fragen und Sorgen überwiegen, so bin ich doch voller Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Menschen, auf deren unermüdlichen Einsatz wir in diesen Tagen noch mehr als sonst zählen dürfen. Ich kann hier gar nicht all die wichtigen Berufsgruppen nennen. Es sind vor allem die Beschäftigten im Gesundheitswesen. Aber auch alle, die im Moment unter Hochdruck an Medikamenten und Impfstoffen gegen das Virus forschen, leisten Beeindruckendes. In schwieriger Zeit zeigt sich die Stärke unseres Gemeinwesens.

Hätten wir – also Deutschland und Europa – nicht schneller die Gefahr erkennen können? Spätestens als die ersten schlimmen Meldungen aus der Lombardei auftauchten, war doch klar, dass dieses Virus nicht an der Grenze haltmachen wird. Viele Menschen sind da noch fröhlich in den Ski-Urlaub gefahren.

Wir werden aus der Corona-Pandemie sicher für die Zukunft lernen müssen. National, europäisch und global. Eine Pandemie bewältigen wir nur gemeinsam – als Gesellschaft und als Staatengemeinschaft. Wir verbessern bereits unsere Strukturen. Gerade erst habe ich ein neues Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin vorgestellt, das auch alle Maßnahmenpläne, Diagnostik- und Behandlungsstrategien zusammenführen soll. Für diese Stärkung der deutschen Universitätsmedizin stellen wir 150 Millionen Euro zusätzlich bereit. Von diesem Netzwerk werden wir nicht nur in der aktuellen Krise, sondern auch danach profitieren.

Deutsche Unternehmen und Einrichtungen forschen an Medikamenten und Impfstoffen. Wie sehen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass es in absehbarer Zukunft ein Medikament gibt, das wenigstens die schlimmsten Folgen verhindert. Viele sprechen über ein Malaria-Medikament, das vielleicht schon im Herbst eingesetzt werden kann.

Weltweit wird derzeit in vielen Projekten nach Medikamenten und Impfstoffen gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 geforscht. Auch deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen sind daran maßgeblich beteiligt. Das zeigt die hohe Innovationskraft der deutschen Pharma- und Biotechbranche. Ich bin froh, dass mein Ministerium bereits seit vielen Jahren die Forschung an Coronaviren kontinuierlich unterstützt hat. Das zahlt sich jetzt aus.

Die Forscherinnen und Forscher können auf eine ganze Menge an Vorwissen aufbauen. Zwar gibt es in diesen Tagen viele Meldungen über Medikamente, die womöglich gegen das neuartige Coronavirus wirken könnten. Noch stehen wir aber am Anfang der notwendigen klinischen Studien. Bereits Anfang März haben wir weitere Mittel zur Verfügung gestellt, damit an schon zu­gelassenen Medikamenten noch intensiver geforscht werden kann.

Die Forschung, ihre finanzielle Unterstützung und ihre Relevanz war seit Jahren ein eher unbedeutender Teil der öffentlichen Debatte. Andere Themen dominierten den öffentlichen Diskurs. Glauben Sie, dass dies sich jetzt nicht nur in dieser Zeit ändert, sondern vielleicht dauerhaft?

In der aktuellen Situation ist wichtig, dass wir besonnen bleiben, uns von Vernunft leiten lassen und auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse handeln. Wissenschaftlicher Rat ist in diesen überaus dynamischen Wochen und Monaten mehr denn je gefragt. Das Interesse an Wissenschaft und Forschung ist gestiegen, das spüre ich. Von Wissenschaft und Forschung profitieren wir alle schon immer. Ein großer Teil des heute so selbstverständlichen Fortschritts haben wir Wissenschaft und Forschung zu verdanken. Ich freue mich sehr, wenn nun vielen Menschen bewusster wird, was Forscherinnen und Forscher für unsere Gesellschaft leisten. Und ich bin zuversichtlich, dass dieses Bewusstsein auch nach der Bewältigung der aktuellen Krise präsent sein wird.

Welche Erkenntnisse oder Lehren sollten für die europäische und internationale Zusammenarbeit in der Forschung gezogen werden?

Wichtig ist, dass wir schauen, wie wir uns in der Viren- und Pandemieforschung für die Zukunft noch besser aufstellen können. Hier müssen wir unsere eigene Aufstellung prüfen, aber auch mit unseren europäischen und internationalen Partnern gemeinsame Antworten finden. Mit dem ­CEPI-Netzwerk ist ja vor ­einigen Jahren schon eine globale Institution geschaffen worden, die die Impfstoffforschung vorantreibt. Globale Herausforderungen benötigen globale Antworten. Ausgangspunkt war damals die Ebola-Epidemie. Durch die Investitionen von CEPI sind wir heute schon so weit, dass wir damit rechnen können, innerhalb eines Jahres einen Impfstoff zu bekommen.

Man muss wissen, dass der Weg von der Problembeschreibung bis zum zugelassenen Impfstoff in der Regel zehn Jahre dauert. Deutschland ist Gründungsmitglied bei CEPI. Auch in dieses Netzwerk haben wir allein für dieses Jahr noch einmal 140 Millionen Euro gegeben, um mehr Forschungslinien fördern zu können und so schneller zum Erfolg bei der Impfstoffsuche zu kommen. Ich gehe aber davon aus, dass wir dieses Thema noch einmal auf europäischer Ebene behandeln. Ich werde die Forschung zu globaler Gesundheit in der deutschen EU-Ratspräsidentschaft zum Thema machen, die am 1. Juli beginnt.