Karliczek: „Wir brauchen Brücken zwischen Forschung und Praxis“

Die Falling Walls Konferenz verbindet Wissen und Menschen. Das sei heute wichtiger denn je, sagt Bundesforschungsministerin Karliczek: „Kluge Ideen dürfen nicht in den Laboren stecken bleiben. Wir müssen sie noch intensiver nutzen“, so Karliczek.

"Seit fast zehn Jahren bringt die Fallings Walls Conference hochkarätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt zusammen. In der Welt des Wissens, der klugen Fragen und mutigen Ideen ist sie damit ein wertvolles Format", sagt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek (MdB), anlässlich der Falling Walls Conference am 9. November 2018 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Mlynek,

sehr geehrter Herr Professor Turner,

sehr geehrte Damen und Herren,

heute, am 9. November, denken wir an das Jahr 1989 zurück. Alle haben wir staunend beobachtet, was bis dahin unmöglich schien. Deutschland - ein Land, das damals auf jeder Karte dieser Welt in zwei Teilen ausgewiesen war - wird wieder eins.

Nach vielen Jahren des Status Quo beschleunigten sich damals die Dinge innerhalb eines Jahres, innerhalb einiger Monate ungeheuerlich. Vieles wurde umgekehrt. Nicht nur in Deutschland, auch in den anderen Staaten des sowjetischen Imperiums.

Im nächsten Jahr jährt sich der Tag des Mauerfalls zum 30. Mal. Seitdem haben wir in Europa - im Großen und Ganzen - Frieden, Freiheit und Wohlstand. Die junge Generation kennt Mauer, Stacheldraht und die Spaltung des Kontinents nur noch aus Erzählungen.

30 Jahre, das ist eine lange Zeit und wir sollten dankbar dafür sein.

Aber es ist nicht so, dass die Welt still steht. Im Gegenteil. Auch heute erleben wir ungeheure Beschleunigungen, wenn auch in anderen Bereichen. Schauen wir, was heute während einer Minute passieren kann, erst recht während einer Minute im Internet. Die Zahlen habe ich aus einer aktuellen Untersuchung von Lori Lewis, Vice President Social Media beim Medienkonzern Cumulus Media, und dem YouTuber Chadd Callahan, die ich bei Twitter entdeckt habe.

Wie viel Zeit vergeht, bis bei Amazon, Zalando und anderen Shopping-Portalen 862.823 US-Dollar ausgegeben worden sind? Was meinen Sie? Einen Tag? Eine Stunde? Ich verrate es Ihnen: eine Minute! In nur einer Minute geben wir weltweit beim Online-Shopping über 860.000 US-Dollar aus.

Noch interessanter werden die Zahlen, wenn wir sie mit denen des Vorjahres vergleichen. Ob bei Suchanfragen, Videoklicks oder Logins – überall sehen wir rasante Steigerungen. Und noch eine Zahl: Während vor einem Jahr noch rund um den Globus 70.017 Stunden an Serien und Filmen auf Netflix gestreamt wurden, sind es 2018 bereits 266.000 Stunden – eine Vervierfachung in 365 Tagen!

Das macht deutlich, wie rasant der Prozess der Digitalisierung voranschreitet. Wie werden die Zahlen im nächsten Jahr aussehen?

Die Digitalisierung birgt Chancen und Risiken. Sie verändert die Weise, wie wir Wissen schaffen, wie wir Wissen austauschen und wie daraus neues Wissen entsteht. Die grenzüberschreitende Natur der Digitalisierung hat enorme Wirkungen. Eines der großen Potentiale des Internets liegt in der digitalen Demokratisierung des Wissens dort, wo bisher Wissensmonopole oder sogar Wissensdiktaturen herrschen.

Wir erinnern uns: Vor 500 Jahren wurde mit der Erfindung des Buchdrucks ganz allgemein die Demokratisierung des Wissens begründet. Dies war sprichwörtlich eine fallende Mauer, ein Durchbruch in der Geschichte der Menschheit. Damals sprach man von einer Zeitenwende, es war die Zeit der Renaissance. Ebenso wie damals denke ich, leben wir heute wieder in einer Zeit des Umbruchs.

Beispielhaft für eine der großen Herausforderungen dieser Umbruchszeit möchte ich die Gestaltung der Maschinenintelligenz, die so genannte künstliche Intelligenz, erwähnen.

Die künstliche Intelligenz hat das Potenzial, unser aller Zusammenleben völlig zu verändern. Disruptive Veränderung sagen wir dazu.

Darauf müssen wir uns vorbereiten. Die Zeit, in der KI allein in unseren Wissenschaftseinrichtungen zu Hause war, ist vorbei. Mittlerweile nutzen viele Unternehmen diese Technologie. Und diese Entwicklung wird sich fortsetzen.

Deshalb ist die Politik gefordert. Wir müssen den ethischen Rahmen definieren. Wir müssen die Menschen in unseren Ländern darauf vorbereiten. Wir müssen sie mitnehmen.

Wir müssen auch die Frage des Umgangs mit Daten ganz neu klären. Datensparsamkeit war gestern. Es geht um die Frage, wie wir aus den Datenmengen, ja Datenfluten, Datenreichtum werden lassen können. Das ist keine Absage an die Datensouveränität, im Gegenteil. Aber wir werden neue Wege gehen müssen, um das zu erreichen. Einfach zu versuchen, so wenig Daten wie möglich entstehen zu lassen, wird nicht funktionieren.

Alle diese Fragen sind Fragen, die die freie Welt gemeinsam bewegen. Es sind Fragen, auf die wir überzeugend nur gemeinsam eine Antwort geben können. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns in unseren Ländern, aber genauso über die Nationen und Erdteile hinweg, zwischen Wissenschaft und Gesellschaft immer wieder austauschen, dass wir miteinander sprechen, dass wir uns besuchen, dass wir miteinander arbeiten.

Die Zeit des Umbruchs gilt es zu gestalten und dabei niemanden zurückzulassen. Veränderungen werden von vielen zuweilen mehr als Bedrohung denn als Chance für ein besseres Leben wahrgenommen.

Die freie westliche Welt steht unter Druck. Immer mehr Menschen zweifeln, ob unsere Art zu leben noch zukunftsfähig ist. Die Komplexität unseres Lebens lässt bei einigen Menschen den Wunsch nach starker Führung aufkommen.

Das macht mir Sorge. Denn die Individualität unseres Lebens, die Freiheit unseres Miteinanders und der demokratische Diskurs sind nicht selbstverständlich.

Sie müssen täglich neu erarbeitet werden. Wir müssen dafür werben und darum kämpfen. Sonst sind Freiheit, Demokratie und Mitmenschlichkeit sehr schnell Geschichte.

Wir müssen lernen, die Werte einer liberalen, weltoffenen Demokratie, die uns angesichts des wachsenden Autoritarismus in der Welt zusammenschweißen, gemeinsam zu verteidigen. Das deutlich auszusprechen, ist mir gerade auch heute, am 9. November, ein wichtiges Anliegen.

Dabei ist die Falling Walls Konferenz ein wichtiger Brückenbauer. Sie reißt Mauern ein, verbindet Wissen und Menschen. Seit fast zehn Jahren bringt sie hochkarätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt zusammen. In der Welt des Wissens, der klugen Fragen und mutigen Ideen ist sie damit ein wertvolles Format.

Wir brauchen solche Brückenbauer heute mehr denn je – in vielerlei Hinsicht. Wir brauchen Brücken zwischen Forschung und Praxis.

Kluge Ideen dürfen nicht in Laboren stecken bleiben. Wir müssen sie noch intensiver nutzen, um Krankheiten zu bekämpfen, den Klimawandel zu begrenzen, die Energieversorgung zu sichern. Wir müssen aus Forschungsergebnissen innovative Produkte machen. Auch um unsere Wirtschaftskraft zu erhalten – die Grundlage für unseren Wohlstand.

Wir brauchen Brücken über Ländergrenzen hinweg. Seit jeher verbindet Wissenschaft Nationen. Gerade in einer Zeit, in der vielerorts nationalistische Abschottung erstarkt, hat Wissenschaft eine wichtige verknüpfende Funktion. Und nur gemeinsam können wir die globalen Herausforderungen unserer Zeit meistern.

Die Falling Walls Konferenz ist ein guter Ort, um dazu ins Gespräch zu kommen.

Ich habe mit einem Bild begonnen und möchte auch mit einem Bild schließen. Die Darstellung gefällt mir deshalb gut, weil sie zusammenfasst, worüber ich eben gesprochen habe.

Ich habe den Gedanken von Professor Ulrich Weinberg von der School of Design Thinking am Hasso Plattner Institut übernommen, aus seinem Buch „Network Thinking“. Zu sehen ist das alte, das „Brockhaus-Denken“, das Wissen in Schubladen und Kategorien zusammenfasst. Es steht für ein lineares Denken, für ein sortierendes Ordnen von A bis Z. Das Potential der Digitalisierung liegt jedoch im vernetzten Denken. Im weltweiten Austausch. Das Netzwerk als Denkmodell für das digitale 21. Jahrhundert. Das Netzwerk, das uns verbindet.

Dafür steht auch die Falling Walls Konferenz, zu der wir heute – überwiegend analog – zusammenkommen. Ich wünsche uns allen inspirierende Begegnungen. Damit Wissen Brücken baut. Damit Wissen uns verbindet.

Herzlichen Dank!