Karliczek: „Wir brauchen einen Aufbruch in der Bildungspolitik“

Beim PISA-Test für 2018 liegt Deutschland zwar weiterhin über dem OECD-Durchschnitt. Trotzdem fordert Bundesbildungsministerin Anja Karliczek eine „nationale Kraftanstrengung“. Denn: „Mittelmaß ist zu wenig“, so die Ministerin.

Alle drei Jahre steigt die Spannung in Bildungsdeutschland. Denn dann wird das Schulsystem einmal selbst benotet: mit den Ergebnissen der sogenannten PISA-Studie, dem größten internationalen Schulvergleichstest überhaupt. Er wird von der OECD vorgenommen und testet Fünfzehnjährige in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Unvergessen der sogenannte „PISA-Schock“ nach der ersten Auflage für das Jahr 2000, als sich herausstellte, dass Deutschland nicht wie angenommen an der Spitze der OECD, sondern allenfalls im Mittelfeld lag.

An diesem Dienstag (3.12.) war es wieder soweit: In der Bundespressekonferenz wurden die Ergebnisse für das Jahr 2018 vorgestellt. Wie hat sich das Bildungssystem diesmal geschlagen?

Zusammengefasst lässt sich sagen: Ganz in Ordnung. Mehr aber auch nicht. Die Fünfzehnjährigen in Deutschland liegen in allen drei Bereichen weiterhin signifikant über dem OECD-Durchschnitt in einer Gruppe mit Australien, Belgien, Frankreich, Norwegen, Slowenien, Schweden, Großbritannien und den USA. Allerdings ist der OECD-Durchschnitt zuletzt gesunken. Gleichzeitig gibt es aber eine Spitzengruppe, von der Deutschland ein ganzes Stück entfernt ist. Dazu gehören, mit großem Abstand, vier chinesische Provinzen und Singapur. Bei den europäischen Ländern liegen Estland und Finnland deutlich vor Deutschland. Auch Polen schneidet in allen drei Fächern besser ab.

Vorstellung der PISA-Studie 2018 in der Bundespressekonferenz.
Vorstellung der PISA-Studie 2018 in der Bundespressekonferenz. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

„Nach dem PISA-Schock gab es eine große Dynamik in unserem Land. Davon sind wir aber momentan ein Stück weit entfernt. Durchschnitt darf nicht unser Anspruch sein. Wir brauchen einen Aufbruch in der Bildungspolitik. Mittelmaß – selbst gehobenes Mittelmaß - ist für ein Land wie Deutschland ohne nennenswerte Rohstoffe zu wenig“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Lesen war bei PISA 2018 zum dritten Mal der zentral getestete Kompetenzbereich, auch als Hauptdomäne bezeichnet. Die Leistungen bewegen sich auf einem ähnlichen Niveau wie 2009 und deutlich über den ersten Ergebnissen im Jahr 2000 – den beiden Jahren, in denen Lesen ebenfalls Schwerpunkt war.

Karliczek dankte allen Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland: „Wir haben in Deutschland gute Schulen. Überall im Land bereiten Schulen die Schülerinnen und Schüler gut für den Lebensweg vor und leisten damit viel für unsere Gesellschaft. Das ist vor allem den Lehrerinnen und Lehrern zu verdanken. Sie leisten oft Unglaubliches – für unsere Kinder, für uns alle. Viel zu oft wird das vergessen.“

Doch es gibt auch besorgniserregende Entwicklungen. So ist der Anteil der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler – also derjenigen, die das Mindestniveau in den jeweiligen Domänen nicht erreichen – seit 2015 erstmals in allen drei Bereichen wieder gestiegen. Der Wert liegt bei rund 20 Prozent. Zeitweise war er auf rund 15 Prozent gesunken. „Besonders bedenklich ist, dass jeder fünfte Fünfzehnjährige nicht einmal auf Grundschulniveau lesen kann. Das ist alarmierend, weil dadurch auch die Zahl von über sechs Millionen funktionalen Analphabeten nicht sinken wird. Das passt auch nicht zu unserem Ziel, niemanden zurückzulassen“, so Karliczek.

Die wichtigsten Ergebnisse im Bereich Lesen

Deutschland liegt mit 498 Punkten signifikant über dem OECD-Durchschnitt von 487 Punkten. Die OECD-Spitzenstaaten sind Estland (523), Kanada (520), Finnland (520), Irland (518) und Korea (514). Seit der ersten PISA-Erhebung 2000 ist der Kompetenzmittelwert für Deutschland damit um 14 Punkte gestiegen. Im Vergleich zu 2009 (497 Punkte) bleibt er ähnlich. Seit 2009, als Lesen zuletzt Hauptdomäne war, ist der Anteil der Leistungsstarken von 7,6 auf 11,3 Prozent deutlich gestiegen. Der Anteil der Leistungsschwachen ist im Vergleich zu 2009 von 18,5 auf 20,7 Prozent leicht, aber nicht signifikant, gestiegen.

Die Befunde im Bereich Lesen seien „wenig überraschend“ und hätten sich angedeutet, sagte Ministerin Karliczek. Das BMBF versuche daher bereits neue Akzente in der Leseförderung zu setzen. „Vor wenigen Tagen habe ich zusammen mit der Stiftung Lesen das neue Programm ‚Lesestart 1-2-3‘ gestartet, mit dem wir bereits im Kleinkindalter das Vorlesen durch die Eltern fördern. In Kinderarztpraxen bekommen die Eltern Pakete zur Leseförderung. Davon versprechen wir uns einiges auf lange Sicht“, sagte sie. Weitere Beispiele seien die Förderung von Flüchtlingskindern und die Leseförderung durch Ehrenamtliche. Außerdem forderte Karliczek verbindliche Sprachtests vor Schuleintritt.

Die wichtigsten Ergebnisse im Bereich Mathematik

Deutschland liegt mit 500 Punkten signifikant über dem OECD-Durchschnitt von 489 Punkten. Die OECD-Spitzenstaaten sind Japan (527), Korea (526), Estland (523), Niederlande (519) und Polen (516). Gegenüber PISA 2012, als Mathematik zuletzt Hauptdomäne war, sind die Leistungen in Deutschland um 13 Punkte signifikant zurückgegangen. Seit 2012 ist der Anteil der Leistungsstarken von 17,5 auf 13,3 Prozent signifikant gesunken. Der Anteil der Leistungsschwachen ist seit 2012 von 17,7 auf 21,1 Prozent signifikant gestiegen.

Die wichtigsten Ergebnisse in den Naturwissenschaften

Deutschland liegt mit 503 Punkten signifikant über dem OECD-Durchschnitt von 489 Punkten. Die OECD-Spitzenstaaten sind Estland (530), Japan (529), Finnland (522), Korea (519) und Kanada (518). Im Vergleich zu 2015, als die Naturwissenschaften zuletzt Hauptdomäne waren, sind die Leistungen in Deutschland stabil geblieben. Der Anteil der Leistungsstarken ist mit 10 Prozent seit 2015 stabil, der Anteil der Leistungsschwachen steigt von 17,7 auf 19,6 Prozent.

An PISA 2018 haben 79 Staaten und Regionen teilgenommen. Weltweit wurden mehr als 600.000 Schülerinnen und Schüler getestet, die repräsentativ für rund 32 Millionen stehen. In Deutschland waren es 5451 an 223 Schulen. PISA 2018 wurde zum zweiten Mal nach 2015 in Deutschland am Computer durchgeführt und bewertete unter anderem auch, ob die Jugendlichen in der Lage sind, Informationen aus dem Internet zu bewerten und zu gewichten.

Die Studie lag in der Verantwortung des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB), einem von Bund und Ländern gemeinsam getragenen Verbund der Technischen Universität München (TUM), des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) und des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik an der Universität Kiel (IPN).

Die wichtigsten Ergebnisse zur Leistungsverteilung

Im Bereich Lesen haben sich die Jungen im Vergleich zu 2009 leicht verbessert, die Mädchen etwas verschlechtert, wodurch die Geschlechterdifferenz um 19 Punkte abnimmt. In Mathematik haben sich die Jungen im Vergleich zu 2012 signifikant um 17 Punkte und die Mädchen leicht verschlechtert. Dadurch hat sich die Geschlechterdifferenz etwas abgeschwächt. In den Naturwissenschaften haben sich die Jungen um 12 Punkte signifikant verschlechtert, während die Leistungen der Mädchen unverändert bleiben und sie nun erstmals einen geringfügigen Vorsprung aufweisen. Wie in allen Staaten gibt es in Deutschland weiterhin einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status der Eltern und den PISA-Ergebnissen der Schülerinnen und Schüler. Der Zusammenhang ist stärker als im OECD-Schnitt und über dem Niveau von 2009. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungshintergrund ist seit 2009 von 26 auf 36 Prozent gestiegen. Laut OECD hat etwa die Hälfte dieser Jugendlichen einen sozioökonomisch niedrigen Status. Jugendliche, die in Deutschland geboren wurden und deren Eltern zugewandert sind, erreichen im Bereich Lesen im Schnitt 477 Punkte. Ist nur ein Elternteil zugewandert, erreichen die Kinder 497 Punkte. Jugendliche der sogenannten ersten Generation, die im Ausland geboren wurden und mit ihren Eltern nach Deutschland eingewandert sind, erreichen 405 Punkte.

„Der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft ist in unserem Land weiterhin zu hoch. Mit unserem Programm ‚Kultur macht stark‘ fördern wir seit einigen Jahren gezielt entsprechende Angebote für Bildungsbenachteiligte“, sagte Ministerin Karliczek. „Aber auch hier gibt es bereits etwas Neues: Gerade ist die Bekanntmachung zu unserm neuen Programm ‚Schule macht stark‘ veröffentlicht worden. Damit unterstützen wir – wissenschaftlich gestützt – Schulen in schwierigen sozialen Lagen.“