Karliczek: „Zurückgewonnene Freiheit hängt an unserer Disziplin"

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat davor gewarnt, angesichts der Lockerungen von Anti-Corona-Maßnahmen zu vergessen, dass die Pandemie andauert. Das Virus sei nicht weg, betonte sie im Interview mit der „Passauer Neuen Presse“.

Anja Karliczek
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © BMBF/Laurence Chaperon

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek appelliert in der Corona-Krise an die Vernunft und Eigenverantwortung der Menschen. Wer jetzt weitere Lockerungen fordere, dürfe nicht ausblenden, dass die Pandemie nicht beendet sei, sagte sie im Interview mit der „Passauer Neuen Presse“. „Wir beschäftigen uns derzeit sehr damit, wann und wie die bisherigen Einschränkungen gelockert werden können", so die Ministerin. Dabei würde aber ein wenig vergessen, dass das Virus nicht weg ist. „Unsere zurückgewonnene Freiheit hängt an unserer Disziplin – in der Hygiene, im Abstandhalten, im Maskentragen", sagte Karliczek. Covid-19-Erkrankungen hätten zum Teil schwere Verläufe, außerdem sei über mögliche Spätfolgen der Krankheit noch zu wenig bekannt.

Optimistisch zeigte sich die Ministerin in der Frage nach einem bald verfügbaren Impfstoff. "Deutschland unterstützt die Impfstoffentwicklung breit – international wie national – insgesamt mit fast einer Milliarde Euro. Das ist gut angelegtes Geld", sagte Karliczek. "Mit der Zulassung und Massenproduktion eines Impfstoffs sollte man auch im günstigsten Fall jedoch nicht vor dem nächsten Sommer rechnen."

Bei der Entwicklung von wirksamen Arzneipräparaten gegen Covid-19 sieht Karliczek "erste ermutigende Ergebnisse über den Einsatz von Medikamenten, die zur Behandlung anderer Krankheiten entwickelt oder bereits zugelassen sind".

Karliczek rief zudem dazu auf, die Pandemie als Weckruf zu verstehen und sich auf künftige Erkrankungen und Krisen besser vorzubereiten. "Diese Pandemie ist eine Lehre für alle und darf auch dann, wenn sie einmal überwunden ist, nicht einfach zu den Akten gelegt werden", forderte Karliczek, denn man müsse sich darauf einstellen, dass Pandemien jederzeit auftreten könnten. "Die Covid-19-Pandemie muss für jedes Land, für jeden Kontinent, für die Welt der Anlass sein, sich für die Zukunft besser auf solche globalen Viruserkrankungen vorzubereiten." Dass die internationale Zusammenarbeit enger werden müsse, „werden auch die Staaten erkennen, die heute meinen, dass sie mit Alleingängen besser fahren", so die Ministerin.

Zu den Schulschließungen sagte Karliczek, dass digitales Lernen zu Hause die Situation abfedern, aber den Präsenzunterricht nicht ersetzen könne. „Das Homeschooling ist ein Stresstest für alle Beteiligten – für die Schülerinnen und Schüler, für die Eltern, für die Lehrkräfte." Zudem sei die digitale Entwicklung an den Schulen ganz unterschiedlich weit. Sie forderte die Länder auf, die Mittel aus dem Digitalpakt abzurufen. "Mit dem Digitalpakt Schule, für den der Bund fünf Milliarden Euro zur Verfügung stellt, gibt es an sich einen großen Finanztopf und damit kräftigen Schub für den Ausbau der notwendigen Infrastruktur. Es ist jetzt an den Ländern, die Mittel abzurufen“, so die Ministerin.

Von einem verlorenen Schuljahr möchte Karliczek trotzdem nicht sprechen. „Ein „verlorenes Schuljahr“ ist ein großes Wort. Richtig ist: Nicht alles lässt sich digital kompensieren. Das zweite Schulhalbjahr 2019/2020 war kein normales Schulhalbjahr – und auch das erste Schulhalbjahr 2020/2021 wird keines sein, wie wir es bislang gekannt haben“, sagte sie. Die nächste Zeit und auch ein Teil der Sommerferien müsse dafür genutzt werden, das nächste Schuljahr zu organisieren. „Dabei sollte speziell an die Kinder und Jugendlichen gedacht werden, die zu Hause keine günstigen Lernbedingungen vorfinden. Spätestens zu Beginn des Schuljahres werden sich die Lehrerinnen und Lehrer sicher auch ein Bild machen, wo ihre Schülerinnen und Schüler stehen“, so Karliczek.