Kinder sind Teil der Pandemie, aber keine Treiber

An allen Schulen in Deutschland wird getestet, um das Infektionsrisiko mit dem Corona-Virus niedrig zu halten. Doch wie effektiv ist das und wie geht es den Schülern und Schülerinnen damit? Wir haben drei Forschende dazu befragt.

Kinder mit Gesichtsmaske zurück in der Schule nach Quarantäne
Kinder mit Gesichtsmaske zurück in der Schule nach Quarantäne © Adobe Stock/ Halfpoint

Prof. Dr. Jörg Dötsch
Prof. Dr. Jörg Dötsch © MFK Uniklinik Köln

Prof. Jörg Dötsch ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und leitet die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Köln.

Herr Dötsch, wie schätzen Sie als Kinderarzt die aktuelle Corona-Lage für Kinder und Jugendliche ein? Sind Schulen und Kitas Treiber der dritten Welle?

Wir sehen die Kinder und Jugendlichen in den Schulen als Teil der Pandemie und auch als Teil der dritten Welle - aber nicht als Treiber.

Hintergrund sind zum einen unsere eigenen Daten aus der B-FAST-Studie, die gezeigt haben, dass alle Kinder, die wir identifizieren konnten, unterschiedliche Varianten des Virus in sich trugen. Das bedeutet, dass sie sich nicht gegenseitig, zumindest nicht im Testzeitraum, in der Schule angesteckt zu haben scheinen.

Zum zweiten wissen wir aus einer ganzen Reihe von Untersuchungen, dass Kinder, sofern sie die geltenden AHA-Regeln einhalten, nicht ansteckender sind als Erwachsene - im Gegenteil: Sie sind höchstwahrscheinlich sogar weniger ansteckend. Zudem hat eine neue Arbeit im Deutschen Ärzteblatt gezeigt, dass die Anzahl der Superspreader mit dem Alter und mit dem Bodymaßindex zunimmt. Hier sind natürlich Kinder glücklicherweise sehr viel seltener betroffen. Mittlerweile liegen auch Daten vor die zeigen, dass auch die britische Variante unter Kindern weniger ansteckend ist als unter Erwachsenen.

Welche Kriterien würden Sie empfehlen, nach denen entschieden werden sollte, ob Präsenzunterricht durchgeführt werden kann oder nicht? Reicht hier die Inzidenzzahl?

Wenn wir über eine Inzidenzzahl verfügen würden, könnte diese ein Maßstab sein. Allerdings verfügen wir nur über Meldeinzidenzen, wie auch das Robert-Koch-Institut zum Ausdruck bringt.

Insgesamt ist es daher sehr hilfreich, dass wir in den Schulen so konsequent testen, denn dadurch verfügen wir in dieser Gruppe im Gegensatz zu den Erwachsenen über erheblich validere Daten. In der Konsequenz wäre es auch aus epidemiologischer Sicht zur Pandemiebeherrschung nicht sinnvoll, den Präsenzunterricht mit den damit verbundenen Testungen einzustellen. Ganz abgesehen davon wissen wir aus zahlreichen Untersuchungen, dass Kinder sehr unter den Schulschließungen leiden. Und das nicht nur im Hinblick auf die Pädagogik, sondern vor allem auch in Bezug auf psychologisch-psychiatrische Folgen und auf körperliche Erkrankungen, die zu spät erkannt werden. Die Folgen durch Vernachlässigung oder gar Misshandlung können wir bei der hohen Dunkelziffer im Moment noch gar nicht abschätzen. Daher halten wir es für geboten, sowohl zur Kontrolle der Pandemie als auch im Sinne der Schülerinnen und Schüler, den Präsenzunterricht fortzuführen und nicht an einer Meldeinzidenz zu orientieren.

Welche Schutzkonzepte empfehlen Sie, damit Kinder und Jugendliche in Bildungseinrichtungen sicher lernen können? Wie häufig sollten die Kinder und Jugendlichen pro Woche getestet werden?

Wir glauben, dass es gelungen ist mit den von uns gemeinsam entwickelten Testverfahren, die hier auf der B-FAST-Studie basieren, zusätzliche Sicherheit in die Bildungseinrichtungen zu bringen. Die Testverfahren haben den großen Vorteil, dass sie über eine hohe Sicherheit verfügen und darüber hinaus eine Stigmatisierung von Kindern und Jugendlichen in den Bildungseinrichtungen verhindert wird.

Je nach Möglichkeit sollte daher in den Einrichtungen mindestens zwei Mal wöchentlich getestet werden. Das hilft uns auch sehr einen Überblick über das Pandemiegeschehen zu entwickeln und damit auch symptomatische Träger rechtzeitig isolieren zu können.

Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer
Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer © Michael Wodak

Wir wollten wissen, wie die Aussagen von Prof. Dötsch in praktischen Tests umgesetzt wurden und haben dazu mit Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Köln gesprochen. Er hat mit seinem Team in einem Pilotprojekt (https://schoco.org/) gezeigt, wie Schulen mit einer Kombination aus Speichel-Abstrich und Pool-Testung systematische Testungen auf SARS-CoV-2 einfach selbst durchführen können.

Herr Fätkenheuer, für diese Testungen ist nach Ihren Angaben nur ein sehr geringes Maß an Unterstützung von außen nötig. Die notwendigen Abläufe vor Ort müssen aber gut geplant und organisiert werden. Welche Erfahrungen haben Sie mit SCHOCO („Schul-Observation auf Corona“) sonst noch sammeln können?

Ziel des Projekts SCHOCO war es, ein Testverfahren zu etablieren, das von den Schulen weitestgehend selbstständig angewendet werden kann. Das ist uns, so denke ich, auch sehr gut gelungen. Jedenfalls haben wir von den Schulen sehr positive Rückmeldungen bekommen. Insbesondere von den Leitern und Leiterinnen von Grundschulen wurden die Vorteile gegenüber den Antigen-Schnelltests hervorgehoben: Mit dem Lolli-Verfahren geht das Testen sehr schnell, birgt keinerlei Infektionsgefahren für die Lehrenden, und die für die Kinder extrem unangenehme Situation eines positiven Testergebnisses vor den Augen der ganzen Klasse wird vermieden.

Mit SCHOCO haben Sie also die sogenannte „Lolli-Methode“ getestet. Wie effektiv und vor allem: Wie zuverlässig ist diese Art von Corona-Schnelltest?

Mit der Lolli-Methode können SARS-CoV-2 Infektionen sehr zuverlässig erkannt werden. Dies wurde im Vorfeld von SCHOCO im Virologischen Institut der Uniklinik in Köln eingehend untersucht. Dabei zeigte sich, dass die Lolli-Methode, also die Probengewinnung mittels eines Speicheltupfers mit nachfolgendem PCR-Test, deutlich sensitiver ist als die Untersuchung mit Antigentests. Insgesamt funktioniert die Lolli-Methode in der Praxis viel besser und zuverlässiger als die Antigentests.

Können Sie uns zuletzt noch das „PCR-Pool“-Verfahren erläutern. Und welche Vorteile es aus Ihrer Sicht im Gegensatz zu Einzeltestungen mit sich bringt?

Mittels des Pool-Verfahrens werden mehrere Personen auf einmal getestet. Mit dem bei SCHOCO verwendeten Verfahren können bis zu 30 Proben mit einem Pool-PCR Test untersucht werden. Das erspart natürlich Ressourcen und damit Kosten. Bei einem negativen Pool-Ergebnis sind alle Personen des Pools negativ. Fällt das Ergebnis positiv aus, müssen alle Teilnehmenden noch einmal einzeln getestet werden. Das Verfahren ist also besonders effektiv, wenn die Inzidenz der Infektion in der zu testenden Bevölkerung gering ist, die Pool-Tests also sehr häufig ein negatives Ergebnis zeigen. Bei hoher Inzidenz geht der Vorteil der Pool-Testung verloren, da dann viele Einzeltestungen nachfolgen müssen.

Dr. Claudia Denkinger
Dr. Claudia Denkinger © Tamara von Rechenberg

Angesichts dieser Vorschläge für Teststrategien an Schulen – deren Konzept zum großen Teil auf Selbsttests von Schülerinnen und Schülern beruht – vertiefen wir das mit jemandem, der sich mit Antigen-Schnelltests bestens auskennt. PD Dr. Claudia Denkinger ist Leiterin der Klinischen Tropenmedizin am Uniklinkum Heidelberg. Sie prüft Corona-Schnelltests unabhängig von Herstellern und unterhält dafür eine eigene Internetseite. Außerdem hat sie in einer Studie Menschen beobachtet, die als medizinische Laien sich selbst getestet haben. Das Ergebnis: Die Testpersonen konnten die Tests ausreichend gut durchführen, machten aber auch Fehler.

Frau Denkinger, wenn wir jetzt über umfassende Selbsttests an Schulen reden: Können sich beispielsweise Erstklässler zuverlässig selbst testen?

Ich denke, dass dies in Verbindung mit einer adäquaten Aufklärung der Eltern und Kinder möglich ist. Wir führen aktuell eine Studie durch, in der wir die Durchführung eines Antigen-Schnelltests als Selbsttests mit einem Abstrich in der vorderen Nase begleiten. Die Kinder testen sich dabei zuhause – so wird auch eine mögliche Stigmatisierung im Falle eines positiven Testergebnisses vermieden. Es zeigt sich eine hohe Akzeptanz und Machbarkeit. Sicherlich machen die Personen auch den einen oder anderen Fehler, aber die beeinflussen das Ergebnis der Tests in den wenigsten Fällen.

Sie und ihr Team haben auch Unterschiede zwischen Tests in der Nase und Tests im Rachen untersucht. Welche Ergebnisse haben diese Untersuchungen gebracht?

Wir haben in den Studien gezeigt, dass der Unterschied zwischen einem Nasen- und einen Nasenrachenabstrich minimal ist, was die Genauigkeit anbelangt. Der Nasenabstrich wird viel besser akzeptiert und toleriert und deshalb auch besser durchgeführt. Dies kompensiert wahrscheinlich die geringere Viruslast in der vorderen Nase und führt dazu, dass die Genauigkeit vergleichbar ist.

Ersetzt ein Selbsttest einen PCR Test?

Der PCR-Nachweis ist der Goldstandard zur Diagnostik von SARS-CoV-2 und zeichnet sich durch eine hohe Sensitivität und Spezifität aus. Durch den großen personellen und materiellen Aufwand sind jedoch auch jetzt noch PCR-basierte Tests eine begrenzte Ressource. Antigenbasierte Schnelltests lassen sich mit deutlich weniger Aufwand und auch in der Selbsttestung durchführen und liefern ein Ergebnis in kürzerer Zeit. Sie haben allerdings den Nachteil einer geringeren Sensitivität und Spezifität.