Kinderschutz-Kongress in Rom

Rede der Staatssekretärin im Bundesministerin für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, beim Kinderschutz-Kongress in Rom.

Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Boschi, sehr geehrter Pater Zollner, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Die Würde des Menschen zu achten und zu schützen: Das ist der Kern ethischen Handelns. Staat und Gesellschaft müssen sich daran messen lassen. Gemeint ist die Würde aller Menschen, und damit gerade auch derjenigen, die in besonderer Weise auf andere angewiesen sind: Kinder und Jugendliche.

Wenn wir von Child Dignity sprechen, fallen uns allen so viele Beispiele ein, wo die Würde verletzt wurde und noch verletzt wird, wo der Schutz versagt. Wir müssen alles daran setzen, ihn nachhaltig zu verbessern. Das gilt ganz besonders dort, wo Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahrzehnten auf schändliche Weise Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind: In kirchlichen und staatlichen Institutionen und in Familien. Und es gilt in der digitalen Welt, wo unbegrenzte Möglichkeiten und neue Formen sexualisierter Gewalt ganz nahe beieinander liegen.

Wie es uns gelingt, die Würde der Kinder zu wahren und ihren Schutz zu verbessern, darüber tauschen wir uns hier beim Kongress „Child Dignity in the Digital World" über Länder- und Fachgrenzen hinweg aus. Ich danke Ihnen, Pater Zollner, dafür, diesen breiten Ansatz gewählt zu haben. Mit der Unterstützung dieses Kongresses wollen wir als Bundesministerium für Bildung und Forschung auch Ihre wichtige Arbeit am „Centre for Child Protection" (CCP) an der Gregoriana fördern.

Wir müssen uns den Tatsachen stellen.

Tatsache ist, dass 20 % aller Kinder und Jugendlichen sexualisierte Gewalt erfahren. Zuhause, in der Schule, in der Freizeit oder eben auch in der digitalen Welt.

Tatsache ist, dass zwar in vielen Ländern und Institutionen die Aufklärung und Aufarbeitung Fortschritte gemacht hat, in anderen aber nicht oder nur zögerlich. Vertrauen gewinnt nur zurück, wer aufklärt, sich zu seiner Schuld und Verantwortung bekennt und die Opfer unterstützt.

Tatsache ist schließlich, dass wir über sexualisierte Gewalt, gerade auch in der digitalen Welt, längst noch nicht genug wissen, um sie wirksam bekämpfen zu können. Wie befähigen wir Kinder und Jugendliche zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien? Wie bewahren wir sie vor den Gefahren von Cybermobbing oder der Anbahnung sexueller Kontakte im Internet? Und wie können wir erreichen, dass strafbare Inhalte in Netzwerken zuverlässig gelöscht werden, ohne die Meinungsfreiheit zu gefährden?

Diese Fragen zeigen: Der Schutz von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt verlangt eine gemeinsame Herangehensweise: Information und Prävention gehören genauso dazu wie die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, pädagogische Angebote, rechtliche Regelungen und vor allem die konkrete Unterstützung von Opfern, aber auch von potentiellen Tätern.

Dabei sind die Kernpunkte, wie wir den Schutz von Kindern und Jugendlichen verbessern, in der digitalen Welt dieselben wie in der analogen Welt. Die Kernpunkte lauten für mich:

  1.  Erstens: Kinder und Jugendliche stärken.
  2.  Zweitens: Institutionen in die Verantwortung nehmen und dazu befähigen, die ihnen anvertrauten Kinder zu schützen.
  3.  Drittens: Gewalt gegen Kinder zur Sprache bringen und als politische und gesellschaftliche Herausforderung annehmen.

I Kinder und Jugendliche stärken

Wenn wir von guter Bildung sprechen, dann meinen wir damit im Kern Bildung zur Selbstbildung: zur Entwicklung einer selbstbestimmten, selbstreflektierten, selbstbewussten Persönlichkeit. Das gilt auch in einer sich wandelnden, digitalen Welt. Sie bietet große Chancen für die Bildung. Aber diese Chancen kann nur nutzen, wer sich souverän und selbstbewusst in der digitalen Welt bewegt. Das ist eine Frage der Kompetenz, nicht nur im Sinne des technischen Verständnisses, sondern auch im Sinne eines kritischen Umgangs: Wie glaubwürdig sind Informationen, Portale oder Personenprofile im Internet? Wie kann ich mich absichern, wem kann ich vertrauen?

Um den bildungspolitischen Herausforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden, hat mein Ministerium vor zwei Jahren die „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft" gestartet. Damit adressieren wir die gesamte Bildungskette von der frühkindlichen Bildung über Schule und Hochschule bis zur beruflichen Weiterbildung. Wir fördern die Vermittlung digitaler Kompetenzen und verankern das Lernen mit den digitalen Medien in der Breite.

Denn diese umfassend verstandene Medienkompetenz ist ein Schlüssel für den produktiven Umgang mit den Chancen und den Risiken der digitalen Welt. Sie ist zugleich ein Schlüssel für den Schutz vor sexualisierter Gewalt in der digitalen Welt.

Medienkompetenz muss früh vermittelt werden. Gefragt sind die Eltern und vor allem die Schulen. Kinder und Jugendliche vor sexualisierter Gewalt zu schützen, gelingt aber nur, wenn alle, die mit ihnen umgehen, sensibilisiert und in der Lage sind, richtig zu handeln. Nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, auch Erzieherinnen und Erzieher, Pfarrer, ehrenamtliche Jugendleiter, Ärztinnen und nicht zuletzt die Strafverfolger müssen geschult werden, um sexualisierte Gewalt zu erkennen und zu handeln.

Dafür brauchen wir ebenso exzellente und interdisziplinäre Forschung wie für die Entwicklung von Medienkompetenz oder zu den Auswirkungen der Nutzung digitaler Medien. Seit 2011 fördert mein Ministerium mit rd. 63 Euro Forschung zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, zu Ursachen, Folgen, Prävention und Therapie, und zwar sowohl im pädagogischen wie im medizinischen Bereich. Wichtig ist uns dabei, nicht nur einzelne Projekte zu fördern, sondern dauerhafte Strukturen wie beispielsweise Lehrstühle zu schaffen und dafür zu sorgen, dass der Umgang mit sexualisierter Gewalt Eingang in alle relevanten Curricula findet.

Unbestritten ist: Um Kinder stark zu machen, brauchen wir starke Persönlichkeiten; starke Persönlichkeiten brauchen starke Institutionen. Ich komme zu meinem zweiten Punkt:

II Institutionen in die Verantwortung nehmen und dazu befähigen, die ihnen anvertrauten Kinder zu schützen.

Dass wir als Verantwortliche in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche hier in Rom zusammenkommen, um über den besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierte Gewalt zu sprechen, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Betroffenen selbst. Sie haben das Schweigen gebrochen und uns damit gezwungen, hinzuschauen und zu handeln.

Verantwortlich für ihr Leid sind einzelne Personen. Verantwortlich sind aber auch Institutionen. Verharmlosung, Vertuschung, Versuche, Opfer zum Schweigen zu bringen, auch im Namen eines falsch verstandenen Ansehens der Institution: Das alles hat es gegeben und gibt es weiterhin.

Notwendig ist ein Kulturwandel, der in Teilen bereits begonnen hat:

  1.  Die Aufarbeitung muss systematisch, professionell und unter Mitwirkung der Betroffenen geschehen.
  2.  Wir dürfen die Betroffenen nicht allein lassen. Sie brauchen rechtliche, therapeutische und finanzielle Unterstützung.
  3.  Professionelle Hilfe benötigen auch Täter oder potenzielle Täter.
  4.  Und nötig sind Sanktionen. Täter müssen in der Institution und strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Es darf nicht sein, dass Täter in dem Aufgabenfeld tätig bleiben, wo sie waren und dass sie weiterhin für Kinder Verantwortung tragen.

Um diese Ziele zu erreichen, sind Regelungen auf verschiedenen Ebenen notwendig: Vom staatlichen Rechtsrahmen und staatlicher Unterstützung bis hin zu den einzelnen Einrichtungen, die Regelungen und Schutzkonzepte entwickeln müssen, deren Umsetzung überwacht wird.

Drei Beispiele aus Deutschland:

Beim weltberühmten Knabenchor „Regensburger Domspatzen" haben zwischen 1945 und 1992 mindestens 500 Chorkinder körperliche Gewalt erlitten, mindestens 67 sexuelle. Zunächst wurde darüber der Mantel des Schweigens gebreitet. Als immer mehr Betroffene sich zu Wort meldeten, vergingen weitere fünf Jahre, bis eine systematische Untersuchung durch einen Sonderermittler unter Einbeziehung der Betroffenen in die Wege geleitet wurde.

Auf der Grundlage seines Abschlussberichts erhalten die Betroffenen jetzt auch sogenannte Anerkennungsleistungen (zwischen 5.000 und 20.000 Euro). Außerdem sind solche Taten verpflichtendes Thema im Unterricht der Chorkinder.

Zweites Beispiel: Unser normales Sozialversicherungssystem reicht nicht immer aus, um die Kosten der notwendigen medizinischen und therapeutischen Unterstützung der Betroffenen abzudecken. Deshalb haben sich Bund und Länder darauf verständigt, Betroffene zusätzlich zu unterstützen. Die Kirchen und karitative Einrichtungen beteiligen sich zudem an einem ergänzenden Hilfsfonds. Das ist wichtig, denn so leisten sie den Betroffenen eine freiwillige finanzielle Anerkennung.

Ein weiteres Beispiel: Der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs hat mit allen 16 Kultusministerien in unserem föderalen Staat ausgehandelt, dass jede Schule ein Schutzkonzept entwickelt und umsetzt. Jetzt wird es darauf an-kommen, die Umsetzung zu begleiten.

Alle drei Beispiele veranschaulichen den notwendigen Kulturwandel.

Damit komme ich zu meinem dritten Punkt.

III Gewalt gegen Kinder zur Sprache bringen und als politische und gesellschaftliche Herausforderung annehmen.

Dieser Kulturwandel kann nicht allein in der Verantwortung einzelner Einrichtungen, schon gar nicht einzelner Engagierter liegen. Er liegt in der gemeinsamen Verantwortung von Staat, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften. Sexualisierte Gewalt darf kein Tabu mehr sein. Statt einer Unkultur des Schweigens brauchen wir eine Kultur des Sprechens auch über das, was zu sagen schwer fällt.

Für Deutschland kann ich sagen: Wir haben relativ früh und aus meiner Sicht erfolgreich versucht, eine gemeinsame Sprache dafür zu finden. Dazu hat wesentlich beigetragen, dass wir das Thema von Anfang an innerhalb der Bundesregierung verankert und damit zur Chefsache gemacht haben.

Als erste politische Antwort auf die Berichte der Betroffenen hat die Bundesregierung mit Beschluss des Bundeskabinetts im März 2010 einen Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch" eingerichtet. Er hat einen breiten gesellschaftlichen Diskurs über das Geschehene und über notwendige Konsequenzen befördert.

Ebenfalls 2010 hat die Bundesregierung das Amt des „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs eingerichtet". Der Amtsinhaber macht sich gegenwärtig auch den „digitalen Kinder- und Jugendschutz" zu Eigen.

2011 haben wir dann einen „Aktionsplan der Bundesregierung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung" verabschiedet, der auch viele der Empfehlungen des R.T. wie des Beauftragten aufgreift.

Der Deutsche Bundestag – unser Parlament hat in diesem Sommer erneut wichtige Gesetze beschlossen:

Das Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen verbessert die Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen, die vor Ort in Bildung, Betreuung und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen tätig sind. Dadurch werden sie auch besser vor sexualisierter Gewalt geschützt.

Bei der Bekämpfung von Kinderpornografie im Internet setzten wir auf eine konsequente Strafverfolgung der Täter und auf die Löschung von Inhalten. Die Betreiber von Internet-Plattformen haben wir per Gesetz verpflichtet, strafbare Inhalte zu löschen.

Ein wichtiges Thema bleibt die Aufarbeitung des Geschehenen. Die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs", die der Deutsche Bundestag 2015 eingesetzt hat, hört Betroffene an, die in Familien, Schulen, Internaten und Heimen Missbrauch erfahren haben und wird im kommenden Jahr einen eigenen Bericht vorlegen.

Nicht nur der Staat, gerade auch die Zivilgesellschaft trägt dazu bei, Missbrauch aufzudecken, zu verhindern und den Opfern zu helfen. Das zeigt auch ihre Teilnahme an dieser Konferenz. Ich bin Stiftungen, NGOs und Opferverbänden für dieses unermüdliche Engagement sehr dankbar.

IV Schluss

Immer wieder war und ist zu hören: Nun müsse es auch einmal wieder gut sein mit der Aufarbeitung und den Schuldbekenntnissen. Die Antwort darauf ist eindeutig: Es kann so lange nichts „wieder gut sein", wie Fälle von Missbrauch noch nicht aufgeklärt wurden, Betroffene keine Anerkennung ihrer Leidensgeschichte gefunden haben, Täter nicht zur Rechenschaft gezogen, Institutionen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Zugleich müssen wir alle wachsam sein, um neue Gefahren, wie sie beispielsweise im Internet lauern, zu erkennen und zu bekämpfen.

Kinder und Jugendliche zu schützen und zu stärken ist eine der vornehmsten Aufgaben von Staat und Gesellschaft. Dort, wo das Gegenteil der Fall war und zum Teil noch ist, darf keine falsche Zurückhaltung, keine Tabuisierung herrschen. Ich bin dankbar, dass Papst Franziskus dies immer wieder nachdrücklich betont.

Von der Erkenntnis, dass Missbrauch aufgearbeitet und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen, ist es ein langer und steiniger Weg, bis Glaubwürdigkeit wieder hergestellt und Vertrauen wiedergewonnen wird. Es ist ein Weg, den zu gehen wir den Betroffenen schuldig sind. Wir müssen offen über das Leid, über Verantwortung und Versäumnisse sprechen. Wir müssen Einrichtungen schaffen, an die sich Opfer, aber auch Täter und potenzielle Täter vertrauensvoll wenden können. Wenn wir beides konsequent tun, dann können wir hoffentlich den Missbrauch auch dort bekämpfen, wo er am wenigsten zugänglich ist: In den Familien, im Freundeskreis und im Internet. „Eine Gesellschaft lässt sich danach beurteilen, wie sie ihre Kinder behandelt" – mit diesem Zitat von Papst Franziskus ist die Erklärung von Rom überschrieben, die wir ihm zum Abschluss dieser Konferenz übergeben. Begreifen wir sie als gemeinsamen Auftrag, die Würde unserer Kinder und Jugendlichen zu achten und zu schützen.

Vielen Dank.