Kleine Gärten mit großer Wirkung

Kleingartenanlagen haben positive Auswirkungen auf den städtischen Lebensraum. Im COST-Projekt „Urbane Kleingärten in europäischen Städten“ konnten sich Forschende international und interdisziplinär vernetzen, um das Phänomen umfassend zu erforschen.

Junge Frau arbeitet zur Frühlingszeit im Garten
Junge Frau arbeitet zur Frühlingszeit im Garten © Adobe Stock/ Günter Menzl

Es ist der grüne Schatz auf engem Raum, der Menschen aller Generationen im städtischen Umfeld quer durch Europa umtreibt: Enthusiastisch begrünen sie auch kleinste Flächen, um die Freizeit in einem selbst gestalteten Stück Natur zu verbringen, gesundes Gemüse anzubauen, oder um einen persönlichen Beitrag zum Natur- und Klimaschutz zu leisten. Dabei haben Schrebergärten und andere Formen des nicht kommerziellen Gärtnerns ihr einst angestaubtes Image längst abgelegt. 

Mit diesem auffallend starken Gartentrend haben sich von 2012 bis 2016 im COST-Projekt „Urbane Kleingärten in europäischen Städten“ (UAG, für „Urban Allotment Gardens in European Cities“) insgesamt 170 Teilnehmende aus 31 europäischen Ländern sowie aus Neuseeland wissenschaftlich befasst. Gemeinsam konnten sie unter der Leitung der Architektin Runrid Fox-Kämper vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund die gesamte Palette unterschiedlicher Traditionen und Praktiken des Kleingärtnerns in Europa genauestens unter die Lupe nehmen.

Beteiligte am COST-Projekt aus Wissenschaft und Praxis erforschen Kleingärten und deren Auswirkungen auf Städte, Menschen und Umwelt. Hier bei einem Treffen in Thessaloniki 2016 .
Beteiligte am COST-Projekt aus Wissenschaft und Praxis erforschen Kleingärten und deren Auswirkungen auf Städte, Menschen und Umwelt. Hier bei einem Treffen in Thessaloniki 2016 . © ILS- lnstitut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung

Urbane Gärten entstehen vor allem in Krisenzeiten und haben vielseitige positive ökologische Auswirkungen

Mit verschiedenen fachlichen Perspektiven von Gartenbau und Bodenkunde bis hin zu Ökologie, Soziologie, Architektur und Stadtplanung hat das Forschungsnetzwerk das Thema multidisziplinär beleuchtet. Auch aktuelle Gesetzeslagen und planungsrechtliche Aspekte des urbanen Gärtnerns wurden in die Betrachtungen miteinbezogen: So konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufzeigen, dass Kleingärten als wichtige Verbindungen von Lebensräumen dienen und sie für die biologischen Vielfalt besonders bedeutend sind. Aber auch auf den Wasserkreislauf und die Regulierung des Mikroklimas haben die grünen Inseln erhebliche, positive Auswirkungen. Durch ihre geringe Flächenversiegelung und ihre stadtmorphologische Lage in Frischluftschneisen tragen sie zur Vermeidung städtischer Hitzeinseln bei.

Mithilfe umfangreicher Fallstudien in verschiedenen Städten Europas stellten die Forschenden fest, dass urbane Gärten bis heute vor allem in Krisenzeiten entstehen. So wurden die meisten Kleingartenanlagen in Deutschland in und zwischen den beiden Weltkriegen gegründet. Perioden wirtschaftlichen Abschwungs und wachsendes Ungleichgewicht in städtischen Gesellschaften sind starke Treiber für das Interesse am urbanen Gärtnern. Aktuelle Entwicklungen bestätigen: Die Nachfrage nach Kleingartenparzellen war noch nie so groß wie während der Corona-Pandemie.

Außerdem hat das Forschungsnetzwerk die Beziehungen zwischen verschiedenen sozialen, kulturellen und ethnischen Gruppen und den damit verbundenen gärtnerischen Praktiken untersucht. So gewann es wichtige Erkenntnisse über die soziale Integration, zu der Kleingärten und Gemeinschafsgärten ebenfalls beitragen. Urbane Gärten ermöglichen Freizeitaktivitäten für verschiedene Lebensstile und bieten Raum für Begegnungen und Austausch, meist in der Nähe der Wohnung. So gaben über 70% der Gärtnerinnen und Gärtner in einer Untersuchung zu zwischen 2008 und 2012 neu entstandenen Gemeinschaftsgärten in London an, dass sie neue Freundschaften mit einer Person aus der Nachbarschaft geschlossen haben. 

Spaten steckt in der Erde
Spaten steckt in der Erde © Adobe Stock/M.Dörr & M.Frommherz

Sichtbare Erkenntnisse für Wissenschaft und Gesellschaft helfen dabei, städtische Lebensräume positiv zu verändern

Mit einer internationalen Abschlusskonferenz, zahlreichen Fachbeiträgen und einer wissenschaftlichen Buchpublikation wurden die Ergebnisse des COST-Projekts – auch über die Fachwelt hinaus – in die Öffentlichkeit getragen. Eine Reihe von Informationsblättern richtet sich inhaltlich insbesondere an Praktikerinnen und Praktiker aus Stadtpolitik und Gartenorganisationen. Sie wurden in 13 Sprachen übersetzt und sind auf der Website „Urban Allotment Gardens“ frei zugänglich.

Über teiloffene Arbeitsgruppentreffen und Training Schools in den beteiligten Ländern konnten sich auch lokale Vertreter aus den Städten vor Ort über urbanes Gärtnern informieren. Dadurch wurde das Bewusstsein für die jeweilige Situation des städtischen Kleingartenwesens – insbesondere auch in Ländern ohne Tradition in urbaner Landwirtschaft – gestärkt: In Griechenland, Malta oder Zypern zum Beispiel konnten wertvolle Impulse für eine Verbreitung urbaner Gärten gesetzt werden. In Ländern, in denen das Kleingartenwesen bisher unreguliert war, wurden die Veranstaltungen des Netzwerkprojekts zum Anlass genommen, die rechtlichen und planerischen Regelungen für Kleingärten zu verbessern.

So trug das UAG-Netzwerk entscheidend dazu bei, das auf vielfältige Weise bereichernde urbane Gärtnern besser zu verstehen und professionell voranzutreiben. Denn erst mit möglichst facettenreichen grünen Inseln bleibt der durch Klimawandel und baulicher Verdichtung veränderte städtische Lebensraum für Mensch und Tier nachhaltig attraktiv und lebenswert.

Nachhaltig bleibt auch die Zusammenarbeit in Projekten, die mit der COST-Aktion begonnen wurde: Etliche der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in neuen Konstellationen zusammengefunden, gemeinsam Fachartikel veröffentlicht und Forschungsprojekte auf internationaler und europäischer Ebene (z.B. „FEW-Meter“ und „FoodE“) angestoßen. 

COST – Initiative für wissenschaftliche Zusammenarbeit in Europa

COST ist ein eigenständiges zwischenstaatliches Förderprogramm, das seit 1971 von den Mitgliedstaaten über die europäische Union hinaus gestaltet und betreut wird. Ein zentrales Merkmal ist dabei die Themenoffenheit („bottom up“): Zu allen wissenschaftlichen Themen aus Grundlagen- und angewandter Forschung vernetzen sich Forschende und je nach Bedarf andere Akteurinnen und Akteure in sogenannten COST-Aktionen. Über vier Jahre entwickeln die Teilnehmenden Grundlagen für eine weitere Zusammenarbeit. Als Resultat der Forschungsergebnisse finden Empfehlungen und Entwicklungen Eingang in den Alltag der Menschen in Europa.
COST stärkt die Kooperation der Forschung in Europa, insbesondere zwischen den traditionell forschungsstärkeren und bislang -schwächeren Staaten, wie zum Beispiel zwischen Mittel- und Osteuropa. Darüber hinaus fördert COST besonders Nachwuchsforschende. Ebenso wird in COST-Aktionen auf eine ausgewogene Beteiligung von Frauen und Männern geachtet.