Kleine Museen, weltweite Bühne: Forschende digitalisieren Museumsschätze

In Museen schlummern oft verborgene Schätze, die bisher kaum beachtet wurden. In Schleswig-Holstein wollen Forschende das ändern – und 16.000 ethnologische Objekte digitalisieren. Über das Projekt sprach bmbf.de mit der Archäologin Tanja Hörmann.

Figur aus Wurzelholz (China): Darstellung des taoistischen Unsterblichen Han Zhongli. Er soll ein chinesischer General gewesen sein, der in der Han-Zeit (206 v.Chr. – 220 n.Chr.) gelebt hat. In seiner runden Form soll es außerdem bedeuten: "Lebe eine volle Lebensspanne und sterbe einen natürlichen Tod“. © Nordfriesland Museum, Husum
Die Malerei auf Glimmer könnte aus Varanasi (Benares) stammen. Es gehört zu einer Serie von 12 Bildern. Es ist eine sogenannte chandol-Sänfte zu sehen, die von 4 Männern getragen wird. Neben der Sänfte geht eine Frau. Malereien auf Glimmer waren seit dem 18. Jahrhundert begehrte Andenken, die ausschließlich für ein europäisches Publikum hergestellt wurden. © Nordfriesland Museum, Husum
Das in burmesischer „eckiger Schrift“ verfasste kammavaca-Manuskript ist in Pali-Sprache geschrieben. Es enthält in der Regel Passagen aus dem Kanon des besonders in Südostasien verbreiteten Theravada-Buddhismus, die sich u. a. auf die Ordination von Novizen und von Mönchen beziehen. © Nordfriesland Museum, Husum

Bmbf.de: Frau Hörmann, Sie wollen fast 16.000 Objekte und Fotos aus 21 Museen digitalisieren, in einer Datenbank erfassen und auch noch mit sogenannten Metadaten anreichern: Wie gehen Sie mit dieser schieren Masse an Objekten um?

Tanja Hörmann: Da hilft nur ein systematisches Vorgehen: Zunächst ist zu klären, was genau ethnografische Objekte sind – also Gegenstände, aus denen wir Rückschlüsse auf die Kultur vergangener oder fremder Gesellschaften ziehen können. Dazu müssen wir alle Sammlungen sichten, entsprechende Objekte vermessen, fotografieren oder scannen – und bei Bedarf mit Inventarnummern versehen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Arbeit noch überschaubar.

… und dann geht der eigentliche Aufwand los?

Tanja Hörmann und ihr Team digitalisieren Museumsschätze. © Tanja Hörmann

Genau. Wir müssen die Fotografien bearbeiten und in Bibliotheken zu jedem Objekt die sogenannten Metadaten recherchieren: Wie heißt das Objekt, wer ist der Urheber, wann und wo ist es entstanden und vieles mehr. Das alles geben wir dann in die Datenbank DigiCult ein – entwickelt von einem Verbund von Museen zur digitalen Erfassung und Publikation von Museumsbeständen.

Wie kommt es, dass so viele kaum beachtete Schätze in den Museen schlummern?

Viele Gegenstände sind Mitbringsel von Seefahrern, Kolonialisten und Weltreisenden, die über Schenkungen und Nachlässe in die Sammlungen kamen – und leider zumeist nicht systematisch erfasst wurden.

Lohnt sich der Aufwand, das jetzt nachzuholen?

All diese Objekte gehören zum kulturellen Erbe. Sie sind für die Forschung wie auch für die Lehre unersetzlich: Denn sie können uns verraten, wie Menschen in aller Welt zu verschiedenen Zeiten gelebt haben, an was sie glaubten und welche Werte ihr Zusammenleben prägten. Sie geben uns darüber Aufschluss, wie die Schleswig-Holsteiner sich in der Welt positioniert haben und diese bereist und ergründet haben.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Keramikgefäße aus der peruanischen Nasca-Kultur: Darauf finden sich bunte Bilder, die Rückschlüsse auf die Lebensweise und Glaubensvorstellungen dieser Kultur geben. Auch zahlreiche Darstellungen von Tieren – meist Vögel – sind zu finden. Die Malereien sind so detailgenau, dass mehr als 20 verschiedene Vogelspezies bestimmt werden konnten – darunter sogar eine noch nicht bestimmte Vogelart. Würden wir die Objekte nicht systematisch erfassen, wäre solches Wissen verloren.

… oder es würde in kleinen Regionalmuseen verstauben. Geben Sie diesen Museen jetzt eine weltweite Bühne?

Unser Ziel ist es, alle Digitalisate in einer umfangreichen ethnographischen Datenbank zu veröffentlichen – damit Interessierte jederzeit und allerorts darauf zugreifen können. Wir bemerken schon jetzt, dass uns dadurch auch der Anschluss an die internationale Forschung gelingt: Kontakte zu ersten international agierenden Experten sind bereits entstanden. Am Ende wird die Erschließung dieser neuen Quellen einer Vielzahl von Fächern neue Impulse geben, unter anderem der Landesgeschichte Schleswig-Holsteins, der Kolonialismusforschung, der Touristik sowie der Ethnologie.

BMBF fördert die Digitalisierung des materiellen Kulturerbes

In vielen Hochschulen, Museen und Archiven in Deutschland lagern wissenschaftlich bedeutsame Objekte des kulturellen Erbes. Sie sind für die Forschung wie auch für die Lehre unersetzlich, aber häufig schwer aufzufinden. Mit der Förderlinie „eHeritage“ unterstützt das Bundesforschungsministerium die Digitalisierung solcher Objekte – damit sie besser erschlossen, auffindbar und somit „sichtbar“ werden. Darüber hinaus stärkt das Bundesforschungsministerium die Sicherung und Erforschung des kulturellen Erbes mit weiteren Förderprogrammen, wie beispielsweise „Die Sprache der Objekte“. Im Europäischen Kulturerbejahr 2018 steht das reichhaltige kulturelle Erbe in Europa besonders im Fokus der Aufmerksamkeit.