Kleines Meer, große Forschung

An der Universität Greifswald entsteht ein neues Forschungszentrum, in dem Wissen über die Ostsee und ihre Anrainerstaaten gebündelt wird. Warum das wichtig ist und welche Themen im Fokus stehen, erklärt Rektorin Johanna Weber im Interview.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek übergibt den Förderbescheid für das IFZO an Rektorin Johanna Weber. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Bmbf.de: Frau Weber, Sie bauen ein neues, interdisziplinäres Forschungszentrum für den Ostseeraum auf. Warum?

Johanna Weber: Wir möchten die Expertise, die wir schon jetzt in ganz unterschiedlichen Feldern zum Ostseeraum haben, bündeln. Die Themen dabei sind vielfältig: Es geht unter anderem um Politik, Sicherheit, Energiewirtschaft, Geschichte, Gegenwart des kulturellen Erbes. Für andere Regionen der Welt finden sich solche Einrichtungen schon längst. Für den Ostseeraum gibt es bislang aber nichts Vergleichbares.

Professorin Johanna Weber ist Rektorin der Universität Greifswald. © Kilian Dorner Universität Greifswald

Viele Menschen denken bei der Ostsee an Urlaub, aber auch an Überfischung und Klimawandel. Spielen diese Themen eine Rolle?

Unsere große Sorge ist die ökologische Gefährdung der Ostsee. Nachhaltigkeit und biobasiertes Wachstum gehören daher zu unseren Themen. Wir erforschen, was die Anrainerstaaten tun können, um diesen einzigartigen Lebensraum zu erhalten.

Wie grenzen Sie Ihr Forschungsprojekt ab?

Zum Ostseeraum gehören nach unserer Definition alle Anrainerstaaten, die Mitgliedsstaaten in den Ostseeinstitutionen sowie natürlich das Meer dazwischen, die Ostsee. Ein eher kleines Meer, das aber viele verschiedene Kulturen miteinander verbindet.

Gibt es eine besondere Beziehung Ihrer Universität zu diesen Ländern?

Ja, alleine schon aufgrund der geographischen Lage und unserer Geschichte. Die Universität Greifswald ist die älteste Universität Schwedens. Das liegt daran, dass die uns umgebende Region von 1648 bis 1815 zu Schweden gehörte. Wir stehen schon heute mit vielen Zentren in Skandinavien, aber auch dem Baltikum, in regem Austausch. Jetzt wollen wir den nächsten Schritt gehen und eine Keimzelle des Wissens zum Ostseeraum werden.

Was zeichnet das Programm aus?

Wir schaffen neue Stellen, für neue große Forschungsprojekte und für die Koordination des Zentrums. Die einzelnen Forscherinnen und Forscher verbleiben in ihren Fachbereichen, aber sie werden unter einem Dach versammelt. Und wir entwerfen gerade einen auf den Ostseeraum bezogenen Master-Studiengang.

Das neue Zentrum wird einen Schwerpunkt auf geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung legen. Was sind aus Ihrer Sicht drängende Fragen im Ostseeraum?

Neben den genannten Themen wie Nachhaltigkeit Energiewirtschaft und kulturelles Erbe halte ich das Thema des Stellenwertes von Identität, Heimat und Nation für besonders wichtig. Die Frage nach der Bedeutung von Nationen wird in allen Anrainerstaaten gestellt, aber teils unterschiedlich beantwortet.

Auch Russland ist einer der Anrainerstaaten …

Natürlich ist die Geschichte dieser Region auch von vielen Konflikten geprägt, etwa zwischen dem Baltikum und Russland, aber auch zwischen Deutschland und Polen. Dem gegenüber steht die Blütezeit der Hanse, als viele Länder kooperierten. Für uns lautet die spannende Frage: Wie können Austausch und Kooperation im Ostseeraum verstärkt werden, um Spannungen und Konflikten vorzubeugen?

Frau Weber, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hintergrund

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert die Etablierung des „Interdisziplinären Forschungszentrums Ostseeraum“ (IFZO) an der Universität Greifswald. Dafür werden in einer zweijährigen Konzeptphase Forschungsprojekte in sechs Rahmenthemen entwickelt. Das IFZO wird mit Forschungspartnern in Deutschland sowie in den Staaten des Ostseeraums zusammenarbeiten. Das Vorhaben fügt sich in die umfangreiche Förderung der Regionalstudien durch das BMBF ein.