Klimawandel in der Arktis: "Wir wissen darüber immer noch nicht genug"

Arktiskonferenz: "In der Arktis fällt es der Forschung noch schwer, sichere Klimaprojektionen zu erstellen", sagt Bundesministerin Karliczek. Denn bisher verstünden wir wesentliche Dynamiken zwischen Atmosphäre, Ozean und Eis nicht ausreichend.

Anja Karliczek eröffnet die Konferenz
Anja Karliczek eröffnet die Konferenz © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

die Arktis verändert ihr Gesicht in beispielloser Weise und in einer Geschwindigkeit, wie wir es vor einigen Jahren kaum für möglich gehalten hätten. Nicht zuletzt der Sonderbericht des IPCC ist ein Weckruf, den niemand mehr überhören darf. Er zeigt die gravierenden Folgen der globalen Erwärmung.

Wo das Meereis verschwindet, ändert sich nicht nur das Leben unter Wasser grundlegend. Auch das Leben an Land verändert sich.

Aber wir müssen zugeben: Wir wissen darüber immer noch nicht genug. Gerade in der Arktis fällt es der Forschung noch schwer, sichere Klimaprojektionen zu erstellen. Wesentliche Dynamiken zwischen Atmosphäre, Ozean und Eis sind in Klimamodellen nicht ausreichend integriert. Weil wir sie nicht ausreichend verstehen.

Hier müssen wir besser werden und alle Ressourcen nutzen. Zum Beispiel die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Sie kann uns in den nächsten Jahren große Schritte voranbringen.

Denn wir brauchen verlässliche wissenschaftlich fundierte Vorhersagen darüber, wie sich klimatische Veränderungen in den Polarregionen auf unser Leben auswirken. Sie sind Voraussetzung dafür, dass wir in unseren Regierungen die richtigen nachhaltigen politischen Weichenstellungen vornehmen. Und sie sind Voraussetzung dafür, dass wir die Bürger in unseren Ländern überzeugen können, dass diese Entscheidungen richtig sind.

Deutschland engagiert sich seit langem in diesem Bereich. Seit fast anderthalb Jahrhunderten forschen wir in den Polarregionen. Weil wir uns natürlich darüber im Klaren sind, dass ein Land alleine die Erderwärmung nicht aufhalten kann. Deswegen setzt sich Deutschland als Beobachter im Arktischen Rat immer dafür ein, dass staatenübergreifend geforscht wird. Und auch dafür, dass die lokale Bevölkerung, insbesondere die indigenen Völker der Arktis, eingebunden werden.

Miteinander eine gemeinsame Herausforderung anpacken – darum geht es.

Denn nur gemeinsam haben wir überhaupt eine Chance, diese Herausforderung zu meistern.

Deswegen treffen wir uns zum zweiten Mal in diesem Format. Seit der ersten Arktisministerkonferenz vor zwei Jahren ist viel passiert. Drei Beispiele für erfolgreiche gemeinsame Forschung in der Arktis, bei der Deutschland eine Führungsrolle einnimmt, möchte ich nennen.

  1. Die beiden Landstationen in der Arktis, AWIPEV und Insel Samoylow. Wir betreiben diese wichtigen Forschungsinfrastrukturen gemeinsam mit unseren Partnern aus Frankreich und Russland. Dazu kommen erhebliche Investitionen in die autonome Beobachtung des Arktischen Ozeans und des Meereises einschließlich ihrer Lebensvielfalt. So liefern wir Langzeitbeobachtungsdaten, um die Auswirkungen der Klimaänderungen auf die arktische Umwelt und die Ökosysteme besser zu verstehen.
  2. Das Jahr der Polarvorhersage (YOPP). Dies ist eine international koordinierte Forschungsperiode zur Verbesserung der Vorhersagefähigkeiten in den Polarregionen. Die Gesamtkoordination liegt beim Alfred-Wegener-Institut.
  3. Ganz besonders freut mich, dass Deutschland die größte Arktisexpedition aller Zeiten koordiniert. Wir stellen dafür unseren Forschungseisbrecher POLARSTERN bereit. Bei der vom Alfred-Wegener-Institut geleiteten Expedition werden ab Herbst 2019 Wissenschaftler aus 17 Nationen die Arktis ein Jahr lang erforschen. Wir erwarten davon einen Durchbruch beim Verständnis der Ursachen und Auswirkungen arktischer Klimaänderungen darstellen.

[Außerdem fördern wir derzeit allein innerhalb der wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit mit Großbritannien, Russland und China 17 klimarelevante Forschungsprojekte. Hinzu kommen zwei weitere große internationale Projekte.

Sie beschäftigen sich mit Atmosphären- und Oberflächenprozessen und deren Wechselwirkungsprozessen zwischen dem Ozean und dem grönländischem Eisschild.]

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

wir erwarten von der Zweiten Arktiswissenschaftsministerkonferenz, dass wir unsere Anstrengungen noch stärker bündeln:

Damit wir in Zukunft klimatische Veränderungen verlässlicher vorhersagen können.

Damit wir belastbare wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen haben.

Damit wir sie gemeinsam analysieren und in die Tat umsetzen.

Bevor es zu spät ist und die Arktis ihr Gesicht, so wie wir es kennen, verloren hat.