"Knotenpunkte der internationalen Wissenschaft"

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat in Berlin die Alexander von Humboldt-Professuren 2019 verliehen. „Sie sind Garant von Spitzenforschung in Deutschland“, sagte sie zu den Preisträgerinnen und Preisträgern.

Bundesministerin Anja Karliczek während ihrer Rede.
Bundesministerin Anja Karliczek während ihrer Rede. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich der Verleihung der Alexander von Humboldt-Professuren 2019 am 9. Mai 2019 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Alexander von Humboldt war und ist ein globales Phänomen:

•    An den Küsten Chiles und Perus fließt der Humboldt-Strom.
•    In Mexiko erstreckt sich die Sierra Humboldt.
•    Berge, Seen und Städte sind nach ihm benannt, in Nordchina, Südafrika, Neuseeland und in der Antarktis.

In diesem Jahr feiern wir den 250. Geburtstag dieses Ausnahmeforschers. Humboldt hat nicht wie Kolumbus einen neuen Kontinent oder wie Newton physikalische Gesetze entdeckt. Sein Ruhm beruht wesentlich auf seiner Sicht der Welt, in der für ihn alles mit allem zusammenhängt.

Er prägt bis heute unser Verständnis der Natur mit seinem Ausspruch „Alles ist Wechselwirkung!“.
Dieses Denken hat Humboldt in seinem wissenschaftlichen Arbeiten umgesetzt. Er lebte, reiste und korrespondierte global.

Er beteiligte Hunderte Wissenschaftler am Zusammentragen von Informationen und Gedanken, und das ganz ohne E-Mail, Skype oder E-Plattformen. Solche Netzwerke von Forschenden sind auch heute die Lebensadern der Wissenschaft – über disziplinäre und nationale Grenzen hinweg.

Genau dafür steht die Alexander von Humboldt Professur. Humboldt-Professorinnen und -Professoren sind Knotenpunkte der internationalen Wissenschaft. Sie bringen ihre Netzwerke mit nach Deutschland und schaffen damit neue Forschungsschwerpunkte an deutschen Hochschulen. Sie sind Garant von Spitzenforschung in Deutschland.

Humboldts Zeit erlebte eine „Explosion des Wissens“. Und er hat es mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bewältigt und trotzdem nie den Blick für das große Ganze verloren. Die heutige „Explosion des Wissens“ findet mit Hilfe von Computerchips und in grenzenlosen Datenräumen statt. Und es ist auch heute noch wichtig, bei aller Detailtiefe, die wir in der Forschung mittlerweile erreichen, den ganzheitlichen Blick zu bewahren.

Deswegen sind Entdecker mit ganzheitlichem Blick gefragt. Wir suchen und fördern Talente, die sich in der digitalen Welt und insbesondere mit Künstlicher Intelligenz auskennen. Ein wichtiger Teil unserer KI-Strategie der Bundesregierung ist, 100 neue KI-Professuren einzurichten.

Noch in diesem Jahr werden wir gemeinsam mit der Alexander von Humboldt-Stiftung eine neue Linie der Humboldt-Professur ins Leben rufen: Die „Alexander von Humboldt-Professur für Künstliche Intelligenz“.
Sie wird eng an die bestehende Humboldt-Professur angelehnt sein und sich dem Thema KI in ganzheitlicher Perspektive widmen – im Geiste Humboldts.

Die „Humboldt-Professur für Künstliche Intelligenz“ soll internationalen Spitzenforschern einen Weg ins deutsche Wissenschaftssystem ebnen. Da geht es zum einen um technische Themen:

•    Maschinelles Lernen,
•    Musteranalyse oder
•    Robotik.

Zum anderen geht es auch um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Folgen Künstlicher Intelligenz, also um

•    sozio-ökonomische,
•    ethische oder
•    juristische Aspekte.

Denn KI verändert unsere Art zu leben grundlegend. Die neuen technischen Möglichkeiten nun mit unseren Wertmaßstäben zu gestalten – das ist jetzt die Aufgabe. Um zu sehen, auf welch unterschiedliche Art und Weise KI das Leben der Menschen verändern kann, müssen wir nur den Kopf drehen und einmal nach Osten, einmal nach Westen blicken.

China nutzt KI, um die Menschen in seinem Land zu überwachen und die Macht des Staates auszuweiten.
In den USA liegt die Datenmacht bei einigen wenigen großen Unternehmen. Beides ist nicht unser Verständnis, miteinander zu leben. Beides wollen wir nicht – nicht in Deutschland,
nicht in Europa.

Wir wollen, ja wir müssen einen eigenen, einen europäischen Weg gehen. Eine Expertengruppe der EU-Kommission hat deswegen gerade ethische Richtlinien für eine vertrauenswürdige KI entwickelt:

•    Sie darf nicht diskriminieren.
•    Sie muss zuverlässig sein.
•    Sie muss Persönlichkeitsrechte achten, Machtmissbrauch verhindern und Transparenz ermöglichen.

Eine vertrauenswürdige KI stellt sicher, dass der Mensch die Kontrolle behält. Auch in Zukunft. Dies ist eine wichtige Grundlage für eine europäische Marke: „KI made in Europe“. Entwickeln werden wir eine solche gemeinsame Marke nur, wenn wir in Europa eng zusammenwirken.

Der Wettbewerb um Künstliche Intelligenz ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie wichtig es ist, dass Europa wieder näher zusammenrückt. In gut zwei Wochen wird in Europa ein neues Parlament gewählt. Es ist spürbar, dass das Interesse der Bevölkerung an diesen Wahlen größer ist als in den vergangenen Jahren. Das ist gut.

Das zeigt: Wir Europäer wissen, dass viele Fragen unserer Zukunft nur im europäischen Miteinander gelöst werden können. Das gilt auch für viele Forschungsfragen. Mit dem Europäischen Forschungsraum und durch mehr Austausch zwischen den Hochschulen können wir vieles schneller, besser und einfacher lösen.

Ich freue mich daher, dass sich die Initiative der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union, Europäische Hochschulnetzwerke aufzubauen, gut ankommt: Auf den „Call“ der Europäischen Kommission haben sich mehr als 300 Hochschulen mit insgesamt 54 geplanten Netzwerken beworben.

Und – ganz wichtig – diese Europäischen Hochschulnetze werden nachhaltig finanziert. Für 2019 stellt die EU-Kommission dafür 60 Millionen Euro zur Verfügung. 2020 verdoppelt sie den Betrag auf 120 Millionen Euro. Deutschland unterstützt dies ausdrücklich.

Denn wenn unsere Hochschulen in Lehre, Forschung, Innovation und Transfer eng kooperieren, kann Europa auch in wichtigen Zukunftsfeldern voranschreiten und den europäischen Zusammenhalt stärken.
Am Freitag haben wir in Deutschland für die kommenden zehn Jahre die Weichen für die Fortsetzung unserer drei Wissenschaftspakte gestellt. Bund und Länder investieren in den kommenden 10 Jahren über 160 Milliarden Euro in unsere Zukunft. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat es für Wissenschaft und Forschung eine so langfristige und verlässliche Perspektive gegeben.

Und damit bin ich bei der Freiheit der Wissenschaft. Wir feiern in diesem Jahr nicht nur den 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt. Wir feiern auch den 70. Geburtstag des Grundgesetzes. Es ist das Fundament für unser Zusammenleben in Freiheit und Wohlstand. Es garantiert auch die Freiheit der Wissenschaft. Sie ist unverzichtbarer Bestandteil unserer Demokratie.

Doch derzeit erleben wir, dass das Vertrauen in unser demokratisches System zurückgeht. Auch die freie Wissenschaft gerät von vielen Seiten unter Druck. Denken Sie an die öffentlichen Anfeindungen von Wissenschaftlern wie Herrn Professor Münkler und Herrn Professor Baberowski aus Berlin. Oder jüngst an Frau Professor Susanne Schröter aus Frankfurt, die gestern nur unter großen Sicherheitsvorkehrungen eine Konferenz zum Thema „Das islamische Kopftuch“ durchführen konnte.

Diese Entwicklungen machen mir große Sorgen. Denn sie sind ein Beleg dafür, dass unsere offene Streit- und Debattenkultur schon längst nicht mehr selbstverständlich ist. Die wissenschaftlichen Institutionen müssen ein Hort des exzellenten argumentativen Diskurses sein und bleiben. Aber die Fälle häufen sich. Und vielleicht ist schon morgen einer der hier Anwesenden betroffen.  

Dieser bedenklichen Entwicklung müssen wir frühzeitig entgegenwirken. Es gilt, in jedem einzelnen der Fälle genau hinzuschauen und allen Versuchen, freie Wissenschaft einzuschränken, sehr konsequent Grenzen zu setzen. Denn für unsere Gesellschaft als Ganzes und für Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen im Besonderen gilt: Wir müssen mehr miteinander und weniger übereinander reden. Und auch Argumente hören, die nicht unsere eigenen sind.

Hochschulen nehmen in unserer Gesellschaft eine Vorbildfunktion ein. Daher  ist es wichtig, dass wir uns gemeinsam jeden Tag aufs Neue für eine freie, offene und tolerante Debattenkultur an Hochschulen auch und gerade in Deutschland starkmachen.

Es ist das Wesen von Wissenschaft, kontrovers um das beste Argument zu ringen, sicher geglaubte Wahrheiten immer wieder auch in Frage zu stellen, sich sachlich auch mit Thesen auseinanderzusetzen, die man selbst für falsch hält.

Diskussionen müssen sich auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung bewegen. Veranstalter müssen Sorge dafür tragen, dass Debatten in zivilisierter Atmosphäre stattfinden können: keine Gewalt, keine massiven Ruhestörungen, keine Agitation.

Wissenschaftler müssen ihre Arbeit tun können. In dem Moment, wo Wissenschaftler in der Ausübung einer freien Wissenschaft beschränkt oder gehindert werden, sind wir alle – jeder einzelne von uns gefragt. Wir müssen als Gesellschaft den betroffenen Wissenschaftlern zur Seite stehen. Und mit ihnen gemeinsam eine zivilisierte Streit- und Debattenkultur verteidigen!

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
die Alexander von Humboldt Professur bietet Ihnen maximale Freiheit für Ihre Forschung bei einer exzellenten finanziellen Ausstattung. Nutzen Sie diese große Chance im humboldtschen Sinne. Dann ist sie nicht nur für Sie persönlich und auch nicht nur für die Wissenschaft in Deutschland eine große Bereicherung. Dann ist sie für die ganze Gesellschaft ein großer Gewinn.

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch!