Konferenz „Bildungsrepublik Deutschland – Resümee des Bildungsgipfels 2008 und Ausblick“

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka am 20. Oktober 2015

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Gemeinsame Bildungsbemühungen von Bund und Ländern können gelingen. Die „Qualifizierungsinitiative für Deutschland“ liefert dafür den besten Beweis.

Mit der Qualifizierungsinitiative haben sich Bund und Länder 2008 zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik auf ein umfassendes Paket von Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen geeinigt. Dazu gehörten Maßnahmen, die sich über alle Bildungsbereiche erstrecken: frühkindliche Bildung, Schule, Berufsbildung, Hochschule und Weiterbildung. Wir haben sie mit konkreten messbaren Zielen unterlegt. Und wir haben dafür mit Blick auf das 10 Prozent-Ziel erhebliche Finanzierungsmittel zur Verfügung gestellt.

I.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Der Gradient zeigt bei all den angesprochenen Herausforderungen nach oben. Im gesamten Bildungsbereich ist eine positive Veränderung eingetreten.

Zum Beispiel bei der Zahl der Studienanfänger, für die wir jahrelang von der OECD gescholten wurden, weil die Zahl bei uns niedriger war als in anderen Ländern.

Oder bei den Weiterbildungsaktivitäten. Lebenslanges Lernen wird für einen größeren Teil der Erwachsenen zur Selbstverständlichkeit. Wir erreichen nur nicht immer die richtigen Zielgruppen, und manche fallen heraus. Und trotzdem haben wir auch dort eine positive Tendenz.

Oder bei der frühkindlichen Bildung: Die Kita-Zahlen weisen in ganz Deutschland eine positive Entwicklung auf.

Und ich erwähne auch die flächendenkenden Ganztagsschulangebote.

Das sind Punkte, die man nennen muss, aber es geht ja auch um Qualität. Ich erinnere mich an das Jahr 2000, an den PISA-Schock. Damals hat die KMK sich überlegt, was zu tun ist. Allen war klar, dass sich nicht von heute auf morgen umsteuern lässt, und dass das ein Prozess ist, der viele Jahre dauern wird. Aber laut PISA haben sich die deutschen Schüler in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Wir sind beim Lesen über dem OECD-Durchschnitt, in der Mathematik liegen wir signifikant darüber. Und auch die Leistungen der Schüler mit Migrationshintergrund sind angestiegen.

Ich halte es für sehr wichtig, dass die Zahl der Schüler mit der niedrigsten Kompetenzstufe abgenommen hat und dass die Leistungen von Schülern, die auf dieser Kompetenzstufe sind, deutlich besser geworden sind. Auf der anderen Seite sind aber weder der Anteil noch die Leistungsfähigkeit der Leistungsstarken gewachsen. Und deswegen bin ich der KMK sehr dankbar, dass wir jetzt die Chancengerechtigkeit auch für die Leistungsstarken gemeinsam angehen wollen.

Wir haben in den letzten Jahren mit Instrumenten wie dem Hochschulpakt, dem Qualitätspakt Lehre und der Änderung von Artikel 91b des Grundgesetzes, wodurch Bund und Länder im Bereich der Hochschulen und der Wissenschaft auch institutionell und dauerhaft und damit noch besser, als es bisher schon möglich war, kooperieren können, viel initiiert.

Doch bei all den Vergleichen muss man vorsichtig sein. Sie hinken oft. Erhöht beispielsweise Großbritannien die Studiengebühren, dann steigt die Summe der Bildungsausgaben. Erhöhen wir in Deutschland das BAföG, ändert sich gar nichts. Das BAföG gehört zu den Sozialausgaben und wird in den internationalen Bildungsstudien nicht gezählt. Das BAföG ist für uns aber eine wichtige Bildungsausgabe.

Insgesamt haben wir es geschafft, die Ausgaben für Bildung und Forschung von 2005 bis 2013 um knapp 60 Prozent auf rund 14,4 Milliarden Euro zu steigern. Das ist eine Größenordnung, die sich sehen lassen kann. Aber es ist ganz klar, wenn man eine ehrliche Bilanz zieht, dann kann man sich nicht nur über die guten Dinge freuen, sondern muss auch kritisch fragen: Wo haben wir etwas nicht geschafft? Was wollen wir machen, um in anderen Bereichen, in denen wir noch nicht so gut sind, weiter zu kommen?

Zum Beispiel bei den Schulabbrechern. Bis 2015 wollten wir ihre Zahl halbieren. Wie weit wir damit gekommen sind, werden wir 2017 wissen. Dann wird bilanziert. Wir bieten heute viel an, um Schulabschlüsse nachzuholen, unter anderem über die Arbeitsagentur und die Volkshochschulen. An dieser Stelle müssen wir unser Ziel noch einmal überdenken und fragen, was genau wir wirklich messen wollen.

Die Situation der ausbildungslosen jungen Menschen, aktuell liegt der Anteil bei 13,8 Prozent, hat sich gegenüber 2008 deutlich verändert. Wir hatten jahrelang die Situation, dass es jedes Jahr im Herbst in allen Landtagen Diskussionen über zu wenig Ausbildungsplätze und zu viele Bewerber gab. Jetzt haben wir viele unbesetzte Ausbildungsplätze. Wir haben aber dennoch auch unversorgte Bewerber. Dieses Passungsproblem ist eine der Herausforderungen, die wir bewältigen müssen, damit jeder eine geeignete Ausbildung findet.

Die Situation ist für die junge Generation heute eine andere als 2008 oder in den 1990er-Jahren. Einige Handwerkskammern gehen auf Schüler der achten Klassen zu, die Schwierigkeiten haben werden, ihren Abschluss zu schaffen. Man bemüht sich um Auszubildende. Die Chancen sind für die junge Generation heute so gut wie sie nie waren.

Bildung ist natürlich für uns als Nation, die sehr auf den Export von Hightech-Gütern setzt und darauf ihre wirtschaftliche Stärke gründet, sehr wichtig. Wir brauchen viele Menschen, jüngere und ältere, die kreativ sind und Innovationen hervorbringen. Aber das ist nur die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass Bildung auch ohne den Blick auf die Verwertbarkeit und die Volkswirtschaft entscheidend ist. Und Bildung ist nicht auf Wissenserwerb zu reduzieren. Durch Bildung werden Werte und Einstellungen geprägt. Und das ist die Grundlage für gesellschaftliches Handeln. Das ist die Wurzel für das, was uns zusammen hält, was dieses Land, was diese Nation ausmacht. Wir müssen mit Bildung dafür sorgen, dass junge Menschen den Mut haben, selbstbewusst aufzutreten, ihre Meinung zu vertreten und Toleranz nicht nur fühlen, sondern auch deutlich nach außen zeigen.

II.

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Ich will drei Punkte herausgreifen.

Der erste Punkt lautet: Gute Bildung für alle.

Es ist wichtig, sich zu überlegen, was uns fehlt. Wie können wir allen jungen Menschen, die ganz unterschiedliche Voraussetzungen haben, maximale Chancen eröffnen?

Meine persönliche Überzeugung ist, dass diese Frage auf keinen Fall durch einen Weg für alle zu lösen ist. Es ist wichtig, die Fähigkeiten der Einzelnen zu erkennen, zu fördern und Menschen zu ermutigen.  

Beim Thema Chancengerechtigkeit wünschen sich Viele einfache Lösungen.

Und wenn ich mir ansehe, was zum Beispiel die Gewerkschaften postulieren und erwarten, dann sind da viele Dinge, die der Staat regeln soll: Ganztagsschulen sollen verpflichtend sein und es soll ein Gesetz zur Weiterbildung geben. Ich glaube, damit macht man sich etwas vor. Damit weckt man die Illusion, dass der Staat über solche Gesetze Chancengerechtigkeit bei ganz unterschiedlichen Voraussetzungen der Einzelnen realisieren könnte.

Zweiter Punkt: Die Familien.

Ich bin der festen Überzeugung, dass bei all diesen Überlegungen etwas fehlt, und das sind die Eltern. Die Erkenntnisse von Hirnforschern zu den Einflüssen des Elternhauses auf die Kompetenzen von Kindern sind eindeutig. Die Unterschiede zwischen Kindern im Einschulungsalter aus einem Elternhaus, das sich für das Kind interessiert und sich um es bemüht, und Kindern, in dessen Elternhaus das nicht der Fall ist, sind groß. Wir können dafür sorgen und wir wollen dafür sorgen, dass diejenigen, die keine Förderung im Elternhaus erhalten, gestärkt werden. Aber zu glauben, dass man einen Gleichstand erreicht, das ist eine Illusion. Gleichheit kann es bei Bildung nicht geben. Weil jeder Mensch individuell ist, sein will, und gefördert werden muss. Kita-Angebote sind ganz entscheidend. Das ist überhaupt nicht das Thema. Aber dieses Angebot wird nicht die Erwartung, dass man alles durch staatliche Institutionen kompensieren und lösen kann, erfüllen. Es steht immer im Zusammenhang mit dem, was das Elternhaus bietet.

Dritter Punkt: Die Lehrer.

Die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ ist der Beitrag, den der Bund dazu leisten kann. Und da müssen wir nicht über Kompetenzen und Veränderungen reden. Die Hauptaufgabe der Lehrerbildung liegt in den Ländern. Lehramt-Studenten machen einen großen Teil der Studierendenschaft aus. Neue Wege zu erproben, die man dann in der Lehrerbildung, in den anderen Studiengängen verbreiten kann, das ist der Beitrag des Bundes. Der Bund übernimmt diese finanzielle Aufwendung, aber die Länder haben sich alle verpflichtet, dass Lehramtsabsolventen ohne Hindernis in jedem anderen Bundesland arbeiten können. Das ist etwas, was es davor nicht gab und was das föderale System attraktiver macht.

III.

Ein Punkt, über den wir heute noch nicht diskutiert haben, der aber für mich ein ganz zentrales Ergebnis des Bildungsgipfels 2008 ist, ist das Thema Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung, und damit verbunden die Frage des Hochschulzugangs.

Jahrelang war es ganz klar gesetzt: In Deutschland ist das Abitur der generelle Hochschulzugang. Und jeder Versuch, das aufzuweichen, wurde abgewehrt.  

2008 haben die Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin gesagt: Wir öffnen den Zugang zu den Hochschulen für Leute mit beruflicher Qualifikation. Das war ein Paradigmenwechsel, der durch den Bildungsgipfel möglich wurde.

Gleichzeitig haben wir die Bildungsketten auf den Weg gebracht, mit denen wir junge Menschen präventiv und individuell unterstützen wollen.

Wir brauchen diese Angebote auch vor dem Hintergrund der großen Herausforderung, vor der wir aktuell stehen. Das sind die vielen Menschen, die in den vergangenen Wochen und Monaten zu uns gekommen sind und noch kommen werden. Unter ihnen sind ganz viele junge Menschen. Über 50 Prozent sind noch nicht einmal 25 Jahre alt. Viele von ihnen haben in ihren Ländern nur eine geringe Grundbildung erhalten oder sind sogar Analphabeten.

Wir stehen vor einer großen humanitären Aufgabe. Sie ist aber zu bewältigen, weil wir die Instrumente haben, um damit umzugehen und zu erkennen, wie man zum Beispiel die Qualifikation von Menschen, die keine Papiere und Unterlagen mehr haben, erfasst. Diese Stärken müssen wir nutzen. Das Anerkennungsgesetz ist etwas, das es nirgendwo sonst in Europa gibt. Wir haben die Bildungsketten und die Angebote präventiver und individueller Beratung. Diese Angebote stehen auch den Flüchtlingskindern zu. Aber die, die jetzt 18 bis 25 Jahre alt sind, sind damit nicht erfasst. Deswegen hat das BMBF eine Reihe von Sofortmaßnahmen zum Lernen von Sprache und zur beruflichen Orientierung ergriffen.

Die Integration durch Bildung wird jedoch nur mit großen und gemeinsamen Kraftanstrengungen von Bund, Ländern, Kammern und Wirtschaft gelingen. Das erledigt sich nicht im Selbstlauf. Es erfordert, dass wir die Ziele von 2008 beibehalten. Und wir müssen genau überlegen, durch welche zusätzlichen Anstrengungen wir diese ehrgeizigen Zielsetzungen trotz veränderter Rahmenbedingungen erfüllen können.

Wenn Integration durch Bildung aber gelingt, dann haben wir als Gesellschaft und als Land alle etwas davon. Das ist eine große Chance. Deshalb kommt es darauf an, dass wir auch die Fähigkeiten, die die Flüchtlinge mitbringen, wirklich nutzen. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Und da wird sich auch zeigen, ob unser Bildungssystem gut aufgestellt und auch wandlungsfähig ist – ob wir in der Lage sind, trotz veränderter Rahmenbedingungen erfolgreich zu sein. Ich vertraue darauf, dass wir unsere Ziele erreichen werden. Wobei natürlich auch die Flüchtlinge den konsequenten Willen haben müssen, ihre Chancen in unserem Land zu ergreifen.

Neben dem Zuzug von Flüchtlingen wird der digitale Wandel das Bildungswesen verändern. Das war in den 90er-Jahren schon Thema. Das Thema hat aber jetzt eine neue Qualität erreicht.  

Deswegen ist die Frage ganz zentral, wie digitale Bildung sich in der Schule, in der Ausbildung, in der Hochschule wiederfindet, wie digitales Wissen vermittelt wird, wie die Möglichkeiten genutzt werden.

Ich habe mich über die kürzlich erschienene Untersuchung der OECD gefreut. Mehr IT bedeutet nicht automatisch bessere Leistung. Und mehr IT, und das sollte uns zu denken geben, führt auch nicht zu mehr Chancengerechtigkeit. Wie bei der konventionellen Bildung gibt es auch hier eine Schere. Deswegen müssen wir die Möglichkeiten der digitalen Bildung so nutzen, dass sie zu mehr Chancengerechtigkeit beiträgt.

Wenn ich mir aber die neuen Möglichkeiten des individuellen Lernens anschaue, bin ich überzeugt, dass wir so beim Thema Chancengerechtigkeit weiterkommen.

In meinem Haus konzentrieren wir uns im Moment stark auf die berufliche Bildung und wollen dort Digitalisierung als große Chance wahrnehmen. Wir haben dazu Förderprogramme und wir haben die Initiative „Berufsbildung 4.0“ ins Leben gerufen.

Aber auch ein riesiges Förderprogramm zur Arbeitswelt von morgen starten wir jetzt im Herbst. Wie kann jemand, der jahrelang erfolgreich war, in einer veränderten Arbeitswelt mit seiner Qualifikation trotzdem noch zurechtkommen? Das sind Sorgen, die viele haben und für die es keine einfachen Lösungen gibt. Das ist ein großes Feld, für das wir ganz andere Möglichkeiten der Weiterbildung entwickeln müssen.

IV.

Wir haben mit der Qualifizierungsinitiative für Deutschland heute schon Beachtliches erreicht, weil Bund und Länder Hand in Hand zusammen arbeiten und das föderale System sich bewährt hat. Wir haben aber eine Reihe von Zielmarken, die noch offen sind.

Dürrenmatt hat einmal geschrieben: „Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“ Und genau das gilt für den Bildungsauftrag. Um wirklich allen Menschen Chancen auf Bildung zu geben, brauchen wir gemeinsame Strategien und müssen gemeinsam handeln. Es geht bei Bildung nicht um irgendeinen Politikbereich, es geht um den entscheidenden Politikbereich.

Vielen Dank.