"Kräfte bündeln und in Zukunftsbereichen Impulse geben"

Bildung und Forschung sind die Grundsteine für das heutige Europa. In einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt" fordern Bundesministerin Anja Karliczek und ihre französische Amtskollegin Frédérique Vidal, europäische Mobilität in den Fokus zu rücken.

Bundesministerin Anja Karliczek und Frédérique Vidal, französische Ministerin für Hochschulen, Forschung und Innovation. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Übersetzung aus dem Französischen

Bei allen Gedanken über Europa, sei es über seine Geschichte oder Zukunft, seine Wurzeln oder Perspektiven, geht es letztendlich immer um den gleichen Wert: Wissen. Vor der Etablierung eines gemeinsamen Marktes und der Währungsunion ist Europa zuallererst ein Raum für Reflexion und schöpferisches Tun, der Ideen und Wissen hervorbringt. Was uns zu Europäern macht, ist vor allem ein gemeinsamer Bestand an Arbeiten, Entdeckungen und Erfindungen, die die geistige, wissenschaftliche und kulturelle Ausstrahlung unserer Länder und unseres Kontinents begründen. Unser Ziel muss es sein, das Europa von Voltaire und Leibniz, von Kant und Rousseau wiederauferstehen zu lassen, wenn wir das europäische Konzept neu beleben und gleichzeitig die vor uns liegenden Herausforderungen meistern wollen.

Ein Europa des Wissens schaffen, um das europäische Versprechen zu erneuern, das heißt, Bildung und Forschung auf nationaler und auf Gemeinschaftsebene zu politischen Prioritäten machen. Bildung und Forschung stärken nicht nur die europäische Identität im Sinne des humanistischen Ideals einer Wissenschaft ohne Grenzen, sondern prägen die Kompetenzen und Innovationen, die Europa zu einer Chance für Fortschritt und Unabhängigkeit für alle Bürger machen. Wir setzen uns daher für eine ambitionierte europäische Agenda in Hochschulbildung, Forschung und Innovation ein.

Durch Austausch von Schülern, Auszubildenden, Studierenden, Wissenschaftlern und Unternehmern entstehen in Europa Freundschaften, wissenschaftliche Kooperationen und berufliche Kontakte und Qualifikationen, die den Zusammenhalt in der europäischen Familie sowie deren Kreativität und Innovationspotenzial stärken und dabei den Horizont aller Beteiligten erweitern. Denn mit den Menschen werden Ideen und Kenntnisse, Qualifikationen und Abschlüsse ausgetauscht, und die europäische Idee wird gelebte Realität. Das Aufeinandertreffen von Wissen trägt zum wissenschaftlichen Fortschritt bei, der den Menschen dabei hilft, Ihre Lebenswirklichkeit zu verbessern, nicht nur in einem einzelnen Land, sondern auf einem ganzen Kontinent.

Erasmus + weiter ausbauen

Daher darf europäische Mobilität nicht länger die Ausnahme sein, sondern muss zur Regel werden. Erasmus + verkörpert in den Augen der Europäer ein verbindendes Europa, geprägt von der Neugierde und Toleranz der Jugend, von deren Streben nach Wissen und Verstehen, einem Europa, das jungen Menschen vertrauenswürdig erscheint und ihnen Selbstvertrauen und Vertrauen in die Zukunft schenkt. Wir fordern daher dazu auf, das Programm zu verstärken und auszubauen, denn es richtet sich nicht nur an Studierende, sondern gleichermaßen an junge Menschen außerhalb der Hochschulen, an Schüler, Auszubildende, Lehrkräfte, Erwachsene, und betrifft somit die Bereiche Bildung, Ausbildung, Jugend und Sport.

Aber wir müssen noch weiter gehen. Wir sind überzeugt, dass es für unsere Länder wichtig ist, echte gemeinsame und nachhaltige europäische Hochschulallianzen zu schmieden. Dies ist der Weg, den die Deutsch-Französische Hochschule mit Sitz in Saarbrücken eingeschlagen hat: Seit ihrer Gründung hat sie in den von ihr geförderten Studiengängen rund 16.000 Studierenden den Erwerb eines gemeinsamen Abschlusses ermöglicht. Dies ist Sinn und Zweck der europäischen Universitäten, die gerade entstehen und eine neue Qualität der Zusammenarbeit erreichen sollen, die nicht mehr binational, sondern wirklich europäisch ist. Frankreich und Deutschland werden diese Initiative nachhaltig unterstützen und ermutigen die anderen Mitgliedstaaten, ebenfalls ihren Beitrag zu leisten.

Im Sinne einer besseren europäischen Integration sollten unsere Bürger sich auch stärker in den Europäischen Forschungsraum einbringen können. Europa ist der wohl wichtigste Forschungsraum weltweit. Zu wenige unserer Mitbürger wissen dies, und es ist unsere Aufgabe, möglichst viele darüber zu informieren und daranteilhaben zu lassen. Wir arbeiten eng zusammen, damit das EU-Rahmenprogramm „Horizont Europa“ – das international wichtigste Forschungs- und Innovationsförderprogramm – neue Antworten auf die großen Veränderungen unserer Zukunft in den Bereichen Klima, Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel findet. Mit der vorläufigen Einigung über das Programm vom April 2019 wurde das Fundament für einen offenen, integrativen und transnationalen Forschungs- und Innovationsraum gelegt. Er ruht neben der klassischen Verbundforschung insbesondere auf drei Säulen: Bündelung wissenschaftlicher Exzellenz, Start großer Forschungsmissionen und Schaffung des Europäischen Innovationsrats, der disruptive Innovationen unterstützen soll.

Neue Phase der Zusammenarbeit

Alleine wird Horizont Europa seine ambitionierten Ziele nicht erreichen können: Wir müssen die Politiken der Mitgliedstaaten untereinander besser koordinieren. Unsere beiden Länder wollen ihre Kräfte bündeln und in Zukunftsbereichen Impulse geben, die positive Auswirkungen sowohl auf das Wohlergehen der Bürger als auch auf das Wirtschaftswachstum in Europa und den Mitgliedstaaten haben.

Zunächst ist da der Bereich der Künstlichen Intelligenz zu nennen. Unsere beiden Länder verfolgen die gleiche Vision, die den Menschen und ethische Aspekte in den Mittelpunkt dieser technologischen und wirtschaftlichen Revolution stellt, und haben ähnliche Strategien entwickelt, um Synergien zu fördern. Gemeinsame Förderbekanntmachungen und enge Zusammenarbeit zwischen unseren KI-Exzellenz- und Kompetenzzentren sind zwei Beispiele einer ganzen Reihe von Maßnahmen, die wir im Rahmen der deutsch-französischen Forschungs- und Innovationsnetzwerke gemeinsam umsetzen werden. Auf europäischer Ebene sprechen wir stets mit einer Stimme.

Neue Ansätze der Forschung sind auch gefragt, um die ehrgeizigen Ziele des Pariser Abkommens zum Klimaschutz zu erreichen. Daher haben unsere beiden Länder unter der französischen Initiative Make our planet great again ein gemeinsames Programm für Forschungslehrstühle ins Leben gerufen, um die besten Klimaforscher weltweit nach Frankreich und Deutschland zu holen. Anfang Oktober werden wir in Paris eine neue Phase der Zusammenarbeit starten.

Ein dritter wichtiger Bereich, in dem wir unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit unter Beweis stellen müssen, ist natürlich der Gesundheitsbereich. Krebs, Antibiotikaresistenz oder die Probleme des Altern gehören zu diesen Fragen, die Frankreich und Deutschland gemeinsam erforschen in der Hoffnung, diese Erkrankungen zurückzudrängen und den Menschen ein gutes Leben und Altern zu ermöglichen.

Austausch zwischen Staaten offener gestalten

Die deutsch-französische Freundschaft, die sich seit dem Elysée-Vertrag von 1963 ständig vertieft und dieses Jahr mit dem Vertrag von Aachen weiter intensiviert hat, ist das Rückgrat unseres Engagements für Europa. Die Kooperation unserer Länder in Bildung, Forschung und Innovation basiert auf Jahrzehnten gemeinsamer Aktivitäten und Strukturen.

Aber um beim Ausbau des Europäischen Forschungsraums voranzukommen, müssen wir den Austausch zwischen den nationalen Systemen aller Mitgliedstaaten offener und inklusiver gestalten. Viel wurde bereits erreicht, aber wir sind überzeugt, dass wir mehr und ambitionierter zusammen mit unseren europäischen Partnern neue Wege erkunden müssen. Wir beabsichtigen daher, während der kommenden deutschen Ratspräsidentschaft eine europäische Konferenz für ein Europa der Bildung, der Forschung, des Wissens und der Innovationen durchführen. Hierbei werden wir eng zusammenarbeiten, um die Kohärenz der Forschungssysteme der europäischen Länder zu stärken.

Es ist dringend notwendig, dass wir bei unseren Bürgern die Begeisterung für Europa und das Vertrauen in Europa neu beleben. Dieser europäische Schwung wird nicht aus einem realitätsfernen und abstrakten Europa entstehen, das sich auf Wirtschaftsabkommen und Institutionen beschränkt. Er entsteht aus einem konkreten Europa gelebter Mobilität; er entsteht aus einem Europa der Lösungen, das Antworten auf die Anliegen unserer Bürger gibt; er entsteht aus einem Europa, das für unsere Bürger präsent ist, um ihren Alltag besser zu leben, ihre Träume einfacher zu realisieren oder sich aktiver an den Debatten zu den großen weltweiten Veränderungen beteiligen zu können. Europa ist die Lösung für unsere Zukunft und unser Stolz: Nutzen wir diese Chance.