“Krebs geht uns alle an” – Thomas Rachel im Podcast

500.000 Menschen erkranken jährlich in Deutschland an Krebs. Tendenz steigend. Was können gesunde Menschen tun, um ihr Krebsrisiko zu senken? Darüber haben wir im Podcast mit Thomas Rachel gesprochen. 

Das Ziel der Präventionsforschung ist das Vorbeugen, das Verhindern von Krebs. Und genauso wichtig: Krebs so früh wie möglich zu erkennen. Wir sprechen mit Thomas Rachel. Er ist Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung. Und er ist Strategie-Kreisvorsitzender der Nationalen Dekade gegen Krebs.

Herzlich willkommen, Herr Rachel.

Dankeschön!

Durch Präventionsmaßnahmen kann die Entstehung bzw. Ausbreitung von Krebs verhindert werden. Was genau tut hier die Politik?

Krebs ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wenn Sie sich vor Augen führen, dass wir steigende Zahlen an Neuerkrankungen haben. Rund 500.000 Menschen erkranken pro Jahr an Krebs. Das bedeutet konkret, dass fast jeder Zweite im Laufe seines Lebens an Krebs erkrankt. Gleichzeitig zeigen die Umfragen, dass Krebs die Krankheit ist, vor der sich die Menschen am meisten fürchten. Wir vom Bundesministerium für Bildung und Forschung haben dazu mit dem Gesundheitsministerium und weiteren wichtigen Partnern eine einmalige Forschungs-Initiative ins Leben gerufen: Die Nationale Dekade gegen Krebs. Dabei ist die Prävention für uns ein ganz besonders wichtiger Schwerpunkt. Lassen Sie mich dazu vielleicht exemplarisch ein besonders dringliches Thema nennen. Es ist nämlich so, dass seit Jahren immer mehr junge Menschen an Darmkrebs erkranken. Das heißt, diese Erkrankung wird die künftige Generation noch stärker treffen. Aber die genauen Ursachen kennen wir noch gar nicht. Und hier müssen wir die Gründe durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Expertinnen und Experten gemeinsam erforschen.

Das klingt nach einer wirklich großen Aufgabe. Was macht die Nationale Dekade gegen Krebs konkret?

Ja, diese Dringlichkeit ist uns wirklich allen bewusst. In der Politik, in der Wissenschaft, bei den Expertinnen und Experten. Wir wissen, dass wir eine frühzeitige Erkennung von Darmkrebs, sogenannte Risiko adaptierte Früherkennung, EU-Verfahren brauchen. Hier werden die Vorsorgemaßnahmen noch stärker auf die genetischen Anlagen und die Lebenssituation des einzelnen Menschen abgestimmt. Zum Beispiel stellt sich die Frage “Gab es in der Familie vorher schon Darmkrebs?”. Es müssen also begleitende Angebote entwickelt werden, um gerade junge, von Darmkrebs Betroffene zu unterstützen, die vielleicht am Beginn ihres Berufslebens stehen. Solche neuen Instrumente müssen entwickelt, erprobt und auch überprüft werden. Wir haben als Bundesforschungsministerium daher eine spezielle Förderung zur Erforschung von Präventionsmaßnahmen von Darmkrebs in jüngeren und künftigen Generationen veröffentlicht. Aus den dort zu gewinnenden Erkenntnissen werden wir dann auf die Entwicklung dieser Krebsart reagieren und sie im besten Fall durch präventive, also vorbeugende Maßnahmen beeinflussen können. Oft ergeben sich auch Ergebnisse, die dann auf andere Krebsarten übertragen werden können.

Gibt es schon jetzt Erkenntnisse aus der Präventionsforschung, die mir im Alltag weiterhelfen können?

Ja. Es gibt Hinweise, dass z. B. unsere Ernährung einen wesentlichen Einfluss auf das Risiko hat, an Krebs zu erkranken. Wenn ich beim Beispiel Darmkrebs bleiben darf: Der Verzehr von viel rotem und verarbeiteten Fleisch erhöht das Risiko für Darmkrebs. Auf der anderen Seite wird durch eine ballaststoffreiche Ernährung, die auch Milchprodukte in einem ausgewogenen Umfang integriert, die Wahrscheinlichkeit einer solchen Erkrankung verringert. Wir können natürlich nur von Wahrscheinlichkeiten sprechen, weil natürlich auch eine gesunde Lebensweise keinen hundertprozentigen Schutz vor Krebs bietet. Aber man kann schon sagen: Rauchen, Alkohol, Übergewicht oder eben auch fehlende Bewegung sind generell Faktoren, die nicht gut für die Gesundheit sind und die gerade das Krebsrisiko erhöhen.

Und all diese Tipps, die Sie jetzt gerade genannt haben, reichen die aus, um sich bestmöglich gegen Krebs zu schützen?

Nein, es gibt auch eine zweite Säule, die entscheidend sein kann. Auch die Wahrnehmung von Vorsorgeuntersuchungen ist hier ganz, ganz wichtig. Untersuchungen zeigen uns nämlich, dass zwar 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger die angebotenen Vorsorgeuntersuchungen kennen, aber die Wahrheit ist: Nur 67 Prozent der Frauen und nur 40 Prozent der Männer nehmen sie auch tatsächlich wahr. Dieses Verhalten ist natürlich fatal, denn je früher Krebs erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir Krebs früh erkennen. Ein Ziel der Krebs-Dekade ist es deshalb, mehr Menschen zur Wahrnehmung der Vorsorgeangebote zu bewegen. Ich kann deshalb wirklich nur jede und jeden dazu ermuntern, die Krebsvorsorge auch wahrzunehmen. Auch in Zeiten der Corona-Pandemie gilt im übrigen: Schieben Sie die Vorsorge-Termine nicht auf, sondern nehmen Sie sie wahr.

Die Nationale Dekade gegen Krebs steht auch für die Einbindung von Patientinnen und Patienten. Wie genau werden Sie einbezogen?

Das ist wirklich ein wichtiger Punkt. Die Perspektiven von den Betroffenen sollten in allen Phasen der Forschung berücksichtigt werden, also schon bei der Formulierung von Fragestellungen bis zur Frage, wie die Ergebnisse in der Praxis umgesetzt werden. In der Nationalen Dekade gegen Krebs haben wir Patientenvertreterinnen und Patientenvertreter eingebunden bis in das höchste Gremium hinein, und zwar gleichberechtigt neben den Forscherinnen und Forschern. So stellen wir im Rahmen der Dekade gegen Krebs sicher, dass die Perspektive von Patientinnen und Patienten bei allen Fragen auf Augenhöhe berücksichtigt wird. Wir möchten gerne, dass das auch jenseits der Dekade wirkt und wir gehen als Bundesministerium für Bildung und Forschung deshalb auch mit gutem Beispiel voran.

Bei der Begutachtung von Fördermaßnahmen des Forschungsministeriums sind Patienten, Vertreterinnen und Vertreter mit gleichem Stimmrecht im Gutachter Gremium vertreten. Und wir haben die weitreichende und ernstgemeinte Beteiligung von Patientinnen und Patienten zu einer Förder-Voraussetzung bei der durch das Forschungsministerium geförderten Forschungsvorhaben gemacht, also z. B. auch bei der Förderrichtlinie zur Darmkrebs. Wissen Sie, wir wollen einen Kulturwandel hin zu einer selbstverständlichen Patienten-Einbindung bewirken. Das wollen wir auch auf die europäische Bühne tragen. Und hier haben wir als Ergebnis unserer Konferenz Europe United Against Cancer im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft in der EU einen ganz wichtigen Prozess angestoßen, der eben Standards zur Patienten-Beteiligung EU-weit definieren soll.

Kann man sich an der Dekade gegen Krebs beteiligen?

Ja, wir würden uns freuen, wenn sich möglichst viele Menschen beteiligen, denn die Krebs Dekade kann nur als breite gesellschaftliche Bewegung erfolgreich sein. Nur gemeinsam können wir die Krebsforschung wirkungsvoll voranbringen. Und nur gemeinsam können wir Krebs stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken und auch den Umgang mit der Erkrankung enttabuisieren. Wir haben im letzten Jahr rund 3000 Personen gehabt, die an unserem Online-Dialog zu Krebs und Krebsforschung teilgenommen haben. Und wissen Sie, das zeigt uns schon, welches großes Interesse es an diesem Thema gibt und dass die Menschen darüber sprechen möchten. Außerdem rufen wir alle relevanten Akteurinnen und Akteure in Forschung, Gesundheitswesen, Wirtschaft und Gesellschaft dazu auf, diese Dekade zu unterstützen. Wir brauchen ganz viele, die mittun. Und ich freue mich deshalb sehr, dass bereits 21 Institutionen sich bereiterklärt haben, mit einem eigenen Beitrag zum Erreichen der Dekade-Ziele beizutragen. Und das finde ich echt großartig.

Lassen Sie uns zum Schluss einen Blick in die Zukunft werfen. Was sehen Sie am Ende der zehn Jahre Krebs-Dekade?

Bevor ich auf die nächsten zehn Jahre blicke: Was haben wir vielleicht in den ersten zwei Jahren erreicht? Ich glaube schon eine Menge. Wir bauen eine sehr erfolgreiche Institution weiter aus, bei der wir es geschafft haben, Spitzenforschung und Behandlung unter einem Dach stattfinden zu lassen. Das ist das sogenannte Nationale Centrum für Tumorerkrankungen, kurz NCT. Dies findet im Moment erfolgreich in Heidelberg und in Dresden statt und wir werden jetzt vier weitere Standorte schaffen, in denen täglich das Beste gegeben wird, Menschen zu helfen, also Forschung frühzeitig an die Betten der Erkrankten zu bringen. Krebskranke Menschen werden an diesen NCTs einen direkten Zugang zu den aktuellen Ergebnissen aus der Krebsforschung erhalten und auch zu neuen Therapie- und Diagnose-Möglichkeiten. Und schneller kann man Erkenntnisse wahrlich nicht in die Anwendung bringen. Ja, und darüber hinaus fördern wir auch sogenannte Praxis verändernde Studien. Hier werden also unterschiedlich bereits angewandte Therapiemaßnahmen miteinander verglichen. Und so können wir sicherstellen, dass in der Versorgungspraxis Betroffenen die wirkungsvollste Maßnahme zugutekommen kann. Sie sehen also, wir arbeiten mit hohem Tempo in der Dekade gegen Krebs und wir möchten gerne, dass die Ergebnisse unserer Forschungsmaßnahmen in die onkologische Praxis einfließen. Was bedeutet das konkret bei der Darmkrebs-Prävention? Erstens, dass wir insbesondere junge Menschen mit hohem Erkrankungsrisiko, weil sie z. B. eine erhebliche Vorprägung haben, engmaschige Vorsorge und Früherkennungs-Untersuchungen anbieten können. Das wäre natürlich ein großer Schritt, um die Zahl von neuer Krebs-Erkrankungen zu senken. Und zweitens werden Ärztinnen und Ärzte auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse ihren Patientinnen und Patienten noch bessere und individuellere Krebsbehandlung anbieten können. Ja, und dann gibt es natürlich immer noch ungelöste Fragen in Bezug auf die Mechanismen von Krebszellen. Wie schaffen die es, gegen bestimmte Therapien plötzlich unempfindlich zu werden? Um darauf Antworten zu finden, haben wir die BMBF-Förderrichtlinie Tumorheterogenität, klonaler Tumor-Evolution und Therapieresistenz veröffentlicht. Auch hierzu werden in zehn Jahren Ergebnisse vorliegen, die in Form von wirkungsvollere Therapien Betroffenen zugutekommen. Wissen Sie, ich wünsche mir, dass wir mit jedem Jahr Krebs-Dekade auch weitere hilfreiche Unterstützerinnen und Unterstützer für die Krebsforschung gewinnen können und dass wir diesen Kulturwandel, den wir initiiert haben, wirklich durchgesetzt haben. Wir wollen auch gemeinsam mit unseren Unterstützerinnen und Unterstützern den gesellschaftlichen Umgang mit Krebs enttabuisieren. Denn Krebs geht uns schließlich alle an..

Warum liegt Ihnen die Nationale Dekade gegen Krebs persönlich am Herzen?

Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass die Nachricht, an Krebs erkrankt zu sein, ein Schock für die Betroffenen und für die Familien ist. Es verändert das Leben der Betroffenen und auch das Umfeld der Freunde und Familie, die an Krebs erkranken, begleiten, ist davon mit betroffen. Und wenn man sich vor Augen führt, dass rund die Hälfte der Bevölkerung statistisch jedenfalls einmal Krebs erleiden wird, zeigt das die enorme Kraft, die in dieser Erkrankung liegt; die enorme Zahl der Betroffenen. Und deswegen müssen wir einfach etwas machen. Und das reicht nicht ein, zwei Jahre lang, sondern wir wollen jetzt zehn Jahre diesem Thema Gewicht und Kraft geben.

Wenn Sie mehr über die Nationale Dekade gegen Krebs erfahren möchten, besuchen Sie unsere Webseite unter www.dekade-gegen-krebs.de