Leaders‘ Dialogue der Plattform Industrie 4.0

Rede von Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, anlässlich des "Leaders‘ Dialogue der Plattform Industrie 4.0 – Arbeitswelten und Geschäftsmodelle von morgen" auf der Hannover Messe 2018.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek spricht auf der Hannover Messe beim Leaders' Dialog der Plattform Industrie 4.0. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Kollege Altmaier, lieber Peter,

sehr geehrte Mitglieder der Leitung,

sehr geehrte Mitglieder des Lenkungskreises,

sehr geehrter Herr Hofmann,

sehr geehrter Herr Leukert,

sehr geehrte Frau Dr. Wittenstein,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ Albert Einsteins Einsicht kann uns leiten, wenn wir uns vor Augen führen, was mein Vorredner gerade beschrieben hat. Die Digitalisierung verändert Wirtschaft und Gesellschaft in einem atemberaubenden Tempo.

Nach den drei industriellen Revolutionen der letzten 150 Jahre geht es heute um die intelligente Vernetzung der industriellen Produktion auf allen Stufen der Wertschöpfung – um das, was wir heute unter dem Begriff Industrie 4.0 verstehen.

Im Jahr 2015 haben wir die verschiedenen Akteure zusammen auf den Weg gebracht. Heute, drei Jahre später, können wir festhalten: Wir haben viel erreicht. Dafür möchte ich allen Mitwirkenden herzlich danken; auch im Namen meiner Vorgängerin Frau Professorin Johanna Wanka, die die Erfolge beim Thema Industrie 4.0 im Zuge der Amtsübergabe ausdrücklich hervorgehoben hat.

Der Erfolg in der Industrie 4.0 hat eine lange Vorgeschichte. Er geht zurück auf viele kleine – oft schrittweise –, aber auch große Innovationen in den Unternehmen. Er beruht auf der exzellenten deutschen Ingenieurskunst, Maßnahmen wie dem Spitzencluster „IT´s OWL“ in Ost-Westfalen Lippe oder der Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen. Industrie 4.0 ist ein Erfolg von vielen: Wirtschaft, Wissenschaft, Verbände und Sozialpartner haben in den letzten Jahren daran gearbeitet.

Deutschland ist dadurch heute beim Thema Industrie 4.0 für andere Länder ein Vorbild. Ob China, die USA oder Südkorea: Man schaut auf Deutschland und beobachtet, wie wir den Digitalen Wandel der Industrie gestalten. Insbesondere beim Thema Standardisierung ist es uns gelungen, eine Vorreiterrolle einzunehmen.

Damit das so bleibt, müssen wir das Thema auch in Zukunft weiter vorantreiben. Das haben wir im Koalitionsvertrag vereinbart.

Was wir dazu brauchen, liegt auf der Hand:

  1. Innovative Unternehmen, die aus neuen Ideen attraktive Produkte und Dienstleistungen schaffen.
  2. Ein Bildungssystem, das es jeder und jedem Einzelnen ermöglicht, die neuen Chancen zu nutzen und eigene Talente zu entfalten.
  3. Und eine freie Wissenschaft, die Neues entdeckt und anhand von Fakten Orientierung gibt.

I.

Zum ersten Punkt, den Unternehmen.

Innovationen aus Deutschland nehmen auf den Weltmärkten Spitzenpositionen ein. Wir müssen aber auch erkennen, dass wir durch Effizienzsteigerungen allein auf Dauer nicht wettbewerbsfähig bleiben werden. Für die deutschen Unternehmen führt deswegen kein Weg an digitalen Innovationen und neuen Geschäftsmodellen vorbei.

So wird zum Beispiel zu einem Produkt zukünftig ein Service gehören. Das Weiterdenken von der Produkt- zur Serviceorientierung (Smart Services) ist bei vielen Unternehmen in Deutschland aber noch in der Anfangsphase. Mit der Arbeitsgruppe „Geschäftsmodellinnovationen“ greifen wir diese Entwicklung auf. Andere Länder sind schon erwacht. Sie erkennen das Riesenpotential. Auch wir müssen uns hier auf den Weg machen.

Die Digitalisierung führt zu veränderten Marktstrukturen und Verwertungsketten. Dies wird weiter zunehmen. Daten werden immer mehr zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor. Daten mit Geschäftspartnern gemeinsam zu nutzen und auszutauschen, ist für viele Unternehmen aber ein heikles Thema. Sie fürchten, die Kontrolle über ihre eigenen Daten zu verlieren. Mit dem Industrial Data Space können Unternehmen schon heute Daten austauschen und gleichzeitig bestimmen, wer die Daten zu welchem Zweck nutzen darf. Mein Ministerium fördert dieses Projekt bereits seit einigen Jahren. Damit setzen wir Standards im selbstbestimmten Umgang mit Daten in der digitalen Geschäftswelt. Und das ist wichtig. Agieren statt reagieren, vorangehen statt nachziehen.

Die Veränderungen durch die Digitalisierung betreffen alle Branchen unserer Wirtschaft. Deshalb müssen wir nicht nur von Industrie 4.0, sondern von Wirtschaft 4.0 sprechen. Und die Erfolgsgeschichte der deutschen Wirtschaft ist vor allem eine des deutschen Mittelstands. Viele Innovationen der Industrie 4.0 gehen auf Verbesserungen zurück, die in kleinen und mittleren Unternehmen entstehen.

Der Mittelstand hat sich in letzter Zeit jedoch immer weniger am Innovationsgeschehen beteiligt. Sicher auch wegen seines anhaltenden wirtschaftlichen Erfolges. Früher wurden fast in jedem zweiten Unternehmen Innovationen entwickelt. Heute findet das nur noch in gut jedem dritten Unternehmen statt. Die vollen Auftragsbücher dürfen uns aber nicht dazu verleiten, Innovationsaktivitäten zu vernachlässigen. Darauf will ich hier explizit aufmerksam machen.

Denn manchmal fehlt es nur an den richtigen Bedingungen oder dem richtigen Partner, um eine neue Idee in die Praxis umzusetzen. Mit dem Zehn-Punkte-Programm „Vorfahrt für den Mittelstand“ haben wir unsere Förderung auf eine breitere Basis innovationsaktiver kleiner und mittlerer Unternehmen ausgerichtet. Der Mittelstand ist das Herz der deutschen Wirtschaft. Dieses Herz soll auch in Zukunft kraftvoll schlagen.

Dafür müssen die vielen guten Ideen, die in der Forschung entstehen, in den Unternehmen umgesetzt werden. Nur, wer durch neue Produktionsabläufe ebenso schnell wie zuverlässig auf neue Anforderungen reagieren kann, wird Erfolg haben. Wir unterstützen diese Vernetzung vielfältig mit diversen Programme. Wir werden diesen Weg weitergehen. Wir werden weiterhin innovative Lösungen unterstützen, um die Digitalisierung in der Wirtschaft weiter voranzubringen. Damit sichern wir Chancen für Wertschöpfung und Wohlstand – gerade im Herz der deutschen Wirtschaft: unserem Mittelstand.

II.

Zu meinem zweiten Punkt. Wirtschaftlicher Erfolg braucht einen Boden, auf dem er gedeihen kann. Das sind im ressourcenarmen Deutschland unsere hervorragend qualifizierten Fachkräfte. Die persönliche Qualifikation immer auf dem Stand des wirtschaftlichen Know Hows zu haben, ist eine große Herausforderung. Deswegen werden wir die berufliche Bildung – also besonders die duale Ausbildung – stärken und auch Wege der Weiterbildung definieren. Denn berufliche und akademische Bildungswege sind gleichwertige Bildungswege. Auch die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung wollen wir weiter steigern – und zwar in beide Richtungen.

Wer den praktischen Weg geht, trägt nicht weniger zum wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes bei als jemand, der theoretisch ausgebildet wurde. Allein auf Akademisierung zu setzen, wäre zu kurz gedacht – zumal wir weltweit um unser starkes berufliches Bildungssystem beneidet werden. Die Attraktivität unseres erfolgreichen Systems der beruflichen Aus- und Weiterbildung werden wir sorgsam durch stetige Weiterentwicklung pflegen. Mein Ziel ist moderne Bildung, die für jeden und jede Zukunftsperspektiven eröffnet!

Denn unser Arbeiten verändert sich grundlegend. Dem muss die Berufsbildung gerecht werden. Wir setzen in Deutschland auf die Stärken unseres Standortes. Dazu gehören neben der weltweit anerkannten dualen Ausbildung auch die Sozialpartnerschaft und der soziale Zusammenhalt. Gerade deshalb gilt es, technologische und soziale Innovationen gemeinsam voranzubringen.

Aktuell sind wir mit dem Thema „Arbeitswelten der Zukunft“ unterwegs. Damit haben wir ein ideales Forum geschaffen, um gemeinsam mit Forschung, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Bildung und Gesellschaft nach Antworten auf Fragen zur Berufswelt der Zukunft zu suchen. Damit setzen wir ein Thema ganz oben auf unsere Agenda, das viele Bürgerinnen und Bürger beschäftigt. Wir wollen gemeinsam Antworten auf die drängendsten Fragen finden: Welche Rolle spielt lebenslanges Lernen, wenn wir uns fit für zukünftige Anforderungen machen? Wie werden neue Technologien unsere Arbeit erleichtern? Und wie beeinflusst die Wissenschaft die Arbeit von übermorgen?

III.

Damit bin ich bei meinem letzten Punkt, der Rolle der Wissenschaft. Ich möchte ihn nur kurz anreißen und den wissenschaftlichen Beirat ansprechen. Mit ihm gibt es ein Gremium, das die Akteure der Plattform Industrie 4.0 und die Verantwortlichen in der Politik in den letzten Jahren sehr gut in wissenschaftlichen und programmatischen Forschungsfragen beraten hat.

Hier wollen wir neue Wege gehen und die Perspektiven erweitern. Die Entwicklung von Schlüsseltechnologien ist ein zentraler Erfolgsfaktor auf dem Weg zu einer digitalen Wirtschaft. Deshalb wird der wissenschaftliche Beirat um die Perspektive der Industrie erweitert und zukünftig der Plattform Industrie 4.0 als Forschungsbeirat zur Seite stehen. Der erste Schritt dazu ist bereits getan: Gestern hat sich der neue Beirat konstituiert und seine Arbeit aufgenommen. Auf Ihre Ergebnisse und Empfehlungen bin ich sehr gespannt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

„der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt.“ So lautet ein bekannter Sinnspruch von Dante Alighieri. Er sollte uns auch heute Ansporn sein, nicht im vermeintlich besseren Gestern zu verharren, sondern beherzt das Morgen zu gestalten.

Ich lade Sie ein, die entstandenen vertrauensvollen und fruchtbaren Beziehungen zwischen den Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Verbänden und Sozialpartnern gemeinsam weiter wachsen zu lassen. Nur so können wir die Digitalisierung erfolgreich gestalten. Mein Haus und auch mich persönlich haben Sie dabei an Ihrer Seite.

Was wir brauchen, ist Mut zur Zukunft. Mut, den Wandel aktiv zu gestalten – dafür stehen Sie, meine Damen und Herren! Wenn es uns gelingt, diesen Geist noch stärker in unsere Gesellschaft, in unseren Mittelstand zu tragen, dann wird Deutschland auch künftig zum Kreis der weltweiten Innovationsführer zählen, dann können wir unseren hohen Lebensstandard sichern. Ich freue mich, wenn Sie alle die wichtige Arbeit der Plattform Industrie 4.0 auch in Zukunft kraftvoll unterstützen.