Lecithin: Heilsam bei einer seltenen Nervenkrankheit?

Lecithin ist ein natürlicher Bestandteil unserer Nahrung und ein wichtiger Baustein in unserem Nervensystem. Aktuelle Studienergebnisse zeigen, dass eine lecithinreiche Ernährung Menschen mit einem seltenen, schweren Nervenleiden helfen könnte.

Ob Ei-Dotter, Sojabohnen oder Lammfleisch: Lecithin ist ein natürlicher Bestandteil vieler Lebensmittel.

© Adobe Stock/burtsevserge

Bei elektrischen Anlagen kennt man das ja: Ist nur ein kleiner Teil der Verkabelung nicht richtig isoliert, funktioniert nichts mehr – im schlimmsten Fall kommt es sogar zum Kurzschluss. Ähnlich ist das bei unseren Nervenfasern: Nur gut isolierte Nerven können die Impulse des Gehirns störungsfrei weiterleiten.

Für diese Isolierung spielt ein natürlicher Fettstoff eine große Rolle: Lecithin. Er ist unter anderem in Ei-Dottern, Sojabohnen oder Lammfleisch enthalten. Die elektrischen Nervenimpulse können dank Lecithin schnell und effektiv weitergeleitet werden.

Doch diese Signalweitergabe scheint bei einer seltenen Erkrankung, der „Charcot-Marie-Tooth“-Krankheit (CMT), beeinträchtigt zu sein. Die Folge sind schwere Krankheitssymptome: Betroffene haben oft bereits als Kind Fehlbildungen der Füße und Schwierigkeiten beim Gehen oder bei anderen Bewegungen. Später treten Empfindungsstörungen in Armen und Beinen auf, wie Taubheit, Kribbeln oder Schmerzen. Schließlich nimmt die Kraft der Muskeln zunehmend ab, und in seltenen Fällen sind Betroffene auf einen Rollstuhl angewiesen.

Der Mechanismus, der dieser Erkrankung zugrunde liegt, ist bis heute nicht geklärt. Ärztinnen und Ärzte können daher die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit nicht heilen, sondern nur ihre Symptome mildern. CMT betrifft etwa 30.000 Menschen in Deutschland und rund zwei Millionen Menschen weltweit.

Neue Forschungsergebnisse bieten nun einen vielversprechenden Behandlungsansatz. „Wir konnten erstmals an Nagetieren zeigen, dass Lecithin die Isolierung und Funktion von beeinträchtigten Nervenzellen wieder verbessert“, sagt Professor Sereda von der Klinik für Klinische Neurophysiologie der Universitätsmedizin Göttingen und dem Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin. „Unsere Ergebnisse könnten für Patientinnen und Patienten mit der Charcot-Marie-Tooth-Krankheit ein echter Durchbruch sein und eine allererste Behandlungsoption eröffnen.“ Sereda koordiniert diese Arbeiten im deutschlandweit einzigarten Forschungsverbund „CMT-NET“, der durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

Dem Krankheitsmechanismus auf der Spur

„Wir wissen, dass die meisten Betroffenen eine Gen-Auffälligkeit haben. Nun konnten wir Nagetiere mit diesem Gen-Defekt untersuchen, die ähnliche Symptome aufweisen. Wir fanden heraus, dass diese Tiere einen gestörten Fettstoffwechsel haben und die sogenannte Myelinschicht der Nervenfasern nicht richtig ausbilden“, erklärt Sereda. Die Myelinschicht ist sehr fettreich und diejenige Struktur, die die Fortsätze von Nervenzellen elektrisch isoliert. „An dieser Stelle kam uns ein einfacher Gedanke: Der natürliche Stoff Lecithin ist ein Hauptbestandteil der Myelinschicht. Womöglich könnte er Heilung bringen“, sagt Dr. Fledrich, der bei diesem Projekt eng mit Sereda zusammengearbeitet hat und mittlerweile an der Universität Leipzig tätig ist.

Die Forschenden gaben betroffenen Tieren daraufhin eine lecithinreiche Kost. In mehreren aufeinanderfolgenden Studien konnten sie sodann zeigen, dass dies die Myelinschicht wieder aufbaut und maßgeblich Besserung bringt. Zudem war Lecithin in verschiedenen Stadien der Erkrankung wirksam, sowohl zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Erkrankung, an dem sich noch kaum Symptome zeigten, als auch zu einem Zeitpunkt, an dem die Erkrankung bereits ausgebildet war.

Lecithin als Therapeutikum?

„Wir wissen bereits, dass Lecithin für Menschen gut verträglich ist. Als Nahrungsergänzungsmittel ist es bereits heute frei verfügbar“, so Fledrich. Ob Betroffene der Charcot-Marie-Tooth-Krankheit hiervon profitieren, ist aber noch nicht geklärt. „Unser Ziel ist es, dies in Zukunft durch eine Klinische Studie systematisch zu untersuchen. Wenn wir Erfolg haben, wäre dies ein echter Meilenstein für die Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen weltweit“, sagt Sereda und ergänzt: „Zudem wäre es dann sehr interessant zu prüfen, ob dieser Mechanismus auch für andere Nervenerkrankungen bedeutsam ist.“

Am 28.2. 2019 ist Rare Disease Day!

Der Tag der seltenen Erkrankungen erinnert uns an unsere Verpflichtung, auch den Menschen zu helfen, die eine unzulänglich erforschte oder bisher nicht heilbare seltene Erkrankung haben. Allein in Deutschland betrifft dies insgesamt rund 3-4 Millionen Menschen.

Die Erforschung der Grundlagen seltener Erkrankungen sowie die Entwicklung innovativer Therapien ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag. Das BMBF unterstützt daher in einer vierten Förderperiode 2019-2022 wieder mehrere deutschlandweit vernetzte Forschergruppen mit einer Gesamtsumme von 25 Mio. Euro und fördert zusätzlich die internationale Vernetzung der Forschung mit weiteren 2,7 Mio. Euro.

Mehr Informationen: Research for Rare