"Lehrern wird oft unrecht getan"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka spricht im Interview mit der Freien Presse über anmaßende Eltern, Nachteile des Föderalismus und fehlenden Praxisbezug an Schulen.

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Das Interview im Wortlaut:

Freie Presse: 25 Jahre nach dem Mauerfall hat sich der Bildungsföderalismus in Deutschland erhalten. Aber es gibt Ansätze, die starren Strukturen aufzuweichen. Wie weit wird das gehen?

Johanna Wanka: Wir haben vergangenen Dezember das Grundgesetz geändert und damit die schon bewährte Zusammenarbeit von Bund und Ländern in der Wissenschaft weiter erleichtert. Nun sind dauerhafte Kooperationen und auch eine Förderung einzelner Einrichtungen möglich. Im Schulbereich haben wir eine andere Situation. Und es gibt keine gemeinsame Position der Länder in der Frage, ob dem Bund Kompetenzen eingeräumt werden sollen.

Wäre das wünschenswert?

Ich bin eine Freundin des föderalen Bildungssystems. Es hat sein Stärken, da Schule in einer Stadt wie Chemnitz anders gemacht werden muss als im bayerischen Wald. Es gibt Mängel, gegen die wir etwas machen müssen, etwa die erschwerte Mobilität für Eltern mit schulpflichtigen Kindern. Aber ansonsten ist es ein guter Wettbewerb der Länder untereinander.

Was spielt Ihrer Ansicht nach für eine erfolgreiche Bildung die größere Rolle, das Schulsystem oder die Langfristigkeit der Schulpolitik?

Eindeutig die Langfristigkeit. Bei den Bildungstests schneiden Sachsen und Bayern meist am besten ab. Sie haben unterschiedliche Schulmodelle und trotzdem ähnlich hohe Qualität. Das liegt daran, dass sie nicht ständig ihre Schulsysteme ändern. So entsteht Planbarkeit und eine höhere Motivation für Lehrer, Eltern und Kinder. Zudem hat das Leistungsprinzip in beiden Ländern immer eine wichtige Rolle gespielt. Meine Meinung ist: Man kann mit verschiedenen Schulformen erfolgreich sein. Es kommt auf die Inhalte und die Grundsätze an, auf Stabilität und Kontinuität.

Für Eltern, die innerhalb Deutschlands umziehen und ihre Kinder am neuen Wohnort einschulen, erscheint der Bildungsföderalismus hingegen aus der Zeit gefallen.

Dass es für Eltern und Kinder beim Wechsel in ein anderes Bundesland oft Schwierigkeiten gibt, ist in der Tat ein großer Nachteil dieses Systems. Das gilt auch für die Lehrerausbildung. Der Abschluss aus dem einen Bundesland musste bisher nicht zwingend in einem anderen Land anerkannt werden. Das wird sich aber ändern. In dieser Woche starten wir ein Programm zur Förderung der Lehrerausbildung. Der Bund finanziert das allein, hat dafür aber zur Bedingung gemacht, dass die Lehrer ohne Hindernisse in jedem Bundesland arbeiten können. Zudem haben sich die Länder auf Bildungsstandards geeinigt und arbeiten an einem gemeinsamen Pool von Abituraufgaben. Damit werden die Schulsysteme vergleichbarer, unabhängig davon wie sie organisiert sind. Auch das erleichtert die Mobilität. Ein starres Schulsystem in ganz Deutschland wird es und muss es auch nicht geben.

Sie haben die Motivation von Lehrern angesprochen. Sind die Pädagogen ausreichend auf die vielfältigen Anforderungen ihres Job vorbereitet - von Stoffvermittlung bis hin zu Inklusion?

Ich denke, dass Lehrern oft unrecht getan wird. Sie leisten außerordentlich viel. Aber wir können nicht erwarten, dass sie sämtliche Probleme unserer Gesellschaft lösen. Wir sollten Lehrern eine höhere Wertschätzung entgegenbringen, statt ständig Mängel in ihren Fähigkeiten zu beklagen. Ich sehe eine große Bereitschaft in der Lehrerschaft, sich Neuem zu stellen. Aber wir sollten sie nicht mit übertriebenen Erwartungen überfordern. Der Lehrer ist nicht der "Allzweckreparateur" für alles, was außerhalb der Schulen schief läuft.

Für schlechte schulische Leistungen machten Eltern früher ihre Kinder verantwortlich, heute deren Lehrer. Wie kann das sein?

Die Autorität der Lehrer wird von manchen Eltern schnell infrage gestellt, wenn Schüler Leistungsdefizite haben. Das ist nicht zu akzeptieren. Es hat vermutlich damit zu tun, dass es manchmal bequemer ist, Verantwortung abzuschieben.

Liegt es auch daran, dass wir unsere Kinder überbehüten?

Das mag für manche Eltern gelten. Das sind die sogenannten Helikoptereltern, die Ihre Kinder nie aus den Augen lassen. Es gibt aber auch das andere Extrem.

Spielen Abstiegsängste eine Rolle, also die Panik der Eltern, dass ihre Kinder Bildungsverlierer werden, wenn sie es nicht aufs Gymnasium schaffen?

Ja. Aber das halte ich für eine Fehleinschätzung. Bildung ist entscheidend für das persönliche Lebensglück. Aber das meint nicht zwingend akademische Bildung. Es muss auch nicht unbedingt Abitur bedeuten. Wir orientieren uns in Deutschland zu sehr in diese Richtung. Darunter leidet die Wertschätzung für praktische Fähigkeiten, die in einem Land mit einer so ausgeprägten Handwerkskultur wie Deutschland genauso wichtig sind. Bildung bedeutet für mich nicht, nur auf den vermeintlich höchsten Abschluss zu zielen. Es geht um Lebensglück, also darum, dass jeder entsprechend seiner persönlichen Veranlagung und seines Engagements die besten Chancen bekommt.

Ist es verwunderlich, dass viele junge Leute dennoch lieber studieren, wenn man sich die Verdienstmöglichkeiten von Akademikern ansieht?

Natürlich verdient im Schnitt jemand, der studiert hat, deutlich mehr. Er hat zudem ein geringeres Risiko, arbeitslos zu werden. Es gibt aber auch viele Studienabbrecher. Und schon heute gibt es Ausbildungsberufe, in denen die Chancen hervorragend sind, etwa als Hör-Techniker. Dennoch fehlen die Bewerber.

Müsste das Schulsystem durchlässiger werden?

Es geht um die Durchlässigkeit des Bildungssystems insgesamt. Über viele Jahre war da ein Manko. Oft legte der Schultyp die weitere Bildungskarriere fest. Der Idealfall ist dagegen, dass der schulische Startpunkt keine Rolle spielt und persönliche Anstrengung alle Wege im Bildungssystem eröffnet. Es ist aber vieles in Bewegung gekommen. Wenn ein Tischler früher studieren wollte, musste er das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholen. Inzwischen ist das nicht mehr notwendig. Mit Berufserfahrung hat er die Möglichkeit, Design zu studieren oder Holzverarbeitungsingenieur zu werden. Das ist Gesetzeslage, durchgesetzt hat sich das in der Praxis aber noch nicht. Das gilt übrigens auch für die umgekehrte Situation. Wer studiert und dann aussteigt, muss die Möglichkeit haben, dass die Studienzeit auf die Ausbildung angerechnet wird und er oder sie nicht wieder bei null anfangen muss.

Sollte Schulunterricht mehr Praxisbezug haben?

Ja, ich finde schon. Oft lernen Schüler etwas, von dem sie nicht wissen, ob sie es im Leben brauchen. Wenn die Schüler aber verstehen, dass Dinge, die sie im Unterricht behandeln, einen Bezug zu ihrem Leben haben, wird ihnen das Lernen leichter fallen und mehr Freude machen.

Das Interview führten Torsten Kleditzsch und Alessandro Peduto.