"Leibniz hatte ein soziales Anliegen"

Der Wissenschaftshistoriker Eberhard Knobloch über den Leibniz-Satz von der "besten aller möglichen Welten", elitäres Tun im Elfenbeinturm und darüber, warum sich die Texte des Universalgenies wie ein Krimi lesen. Ein Interview mit bmbf.de

Gottfried Wilhelm Leibniz. Étienne Ficquet, 1745 © Archiv BBAW, Abt. Sammlung, Fotosammlung, G.W. Leibniz. Nr. 30.

Herr Professor Knobloch,  Leibniz war Mathematiker, Philosoph, Historiker und vieles mehr – ein Universalgelehrter. Was hat er uns heute noch zu sagen?

Leibnizens unbändiger Tatendrang und Wissensdurst, seine organisatorischen Bestrebungen, sein Erfindungsreichtum und Erkenntnisinteresse waren von dem Motto Theoria cum praxi, Theorie zusammen mit Praxis, Anwendung, geleitet. Das gilt für die Forschung bis heute! Es ging Leibniz nicht um elitäres Tun im Elfenbeinturm, sondern um nützliche Forschungsergebnisse, die dem Gemeinwohl zugute kommen.

Projektleiter zweier Arbeitsstellen der "Leibniz-Edition": Eberhard Knobloch, Wissenschaftshistoriker an der TU Berlin © Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Das heißt, Leibniz hatte auch ein soziales Anliegen?

Ja, Leibnizens Anliegen hatte eine eindeutig sozialpolitische Ausrichtung. Jeder sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten zum Gemeinwohl beitragen, das dem Individualwohl übergeordnet war. Die in Berlin zu gründende Akademie der Wissenschaften sollte die Verwaltung öffentlicher Versicherungen im Sinne von Solidargemeinschaften gegenüber Feuer- und Wasserschäden übernehmen, zur Hebung des Lebensstandards beitragen, die Aufsicht über das Schulwesen erhalten, das vorhandene Wissen sammeln und verbreiten: ein typisches Anliegen der Aufklärung, der Leibniz verpflichtet war.

Berühmt ist Leibniz Satz von der „besten aller möglichen Welten“. Was meinte er damit?

Leibnizens Überzeugung, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, bedeutete, dass diese Welt vervollkommnet werden kann. In seiner Lehre von der „Theodizee“ begründete Leibniz, warum Gott das Böse in der Welt zulassen musste. Seine mathematischen und technischen Erfindungen – man denke nur an die Differential- und Integralrechnung oder seine mechanische Rechenmaschine, die erstmals alle vier Rechenoperationen ausführen konnte – haben zu einer solchen Vervollkommnung erheblich beigetragen und faszinieren mich als Mathematiker, Wissenschafts- und Technikhistoriker im besonderen Maße.

Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) war einer der wichtigsten Philosophen und Universalgelehrten der frühen Aufklärung. Vier Jahrzehnte war er Bibliothekar am kurfürstlichen Hof in Hannover. Kaum ein Gelehrter hinterließ einen solch umfangreichen Nachlass wie er: 200.000 Blatt umfassen seine Schriften und Briefe, die zu erfassen sich die Wissenschaftler des Akademie-Vorhabens „Leibniz-Edition“ zum Ziel gesetzt haben. Sein Todestag jährt sich am 14. November zum 300. Mal.

Bisher gibt es keine Gesamtausgabe seiner Schriften. Doch daran wird gearbeitet: Sie sind Projekt-Leiter zweier Arbeitsstellen der „Leibniz-Edition“, die auch vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Ist das nicht eine Sisyphus-Aufgabe?

Und ob! Die Editionsarbeit ist schwierig, da Leibnizens Handschrift mühsam und überwiegend zum ersten Mal erst zu entziffern ist: Es wimmelt von Streichungen, Ergänzungen, Ersetzungen, die im kritischen Apparat ihrer Entstehung nach rekonstruiert und dokumentiert werden. Die Sprache ist zu 40 Prozent Latein, zu 30 Prozent Französisch. Die Handschriften sind meist undatiert, müssen also für die historisch-kritische Ausgabe mit allen möglichen Kunstgriffen erst datiert werden. Zudem sind Leibnizens Gedanken oft schwer nachzuvollziehen. Hat aber ein Editor einen Text verstanden und ediert, also seine Aufgabe wie bei einem Krimi gelöst, wird er durch die neu gewonnenen Erkenntnisse reichlich belohnt. Es ist ein intellektuelles Abenteuer auf höchstem Niveau!

Und ein sehr umfangreiches...

Ja, der Nachlass ist gewaltig. Er umfasst rund 200.000 Blatt, darunter rund 15.000 Briefe an fast 1100 Briefpartner. Aus politischen Gründen ist er vollständig erhalten: Unmittelbar nach seinem Tod am 14. November 1716 wurde er auf Weisung des englischen Königs und hannoverschen Kurfürsten Georg I. versiegelt, da der Verrat von Staatsgeheimnissen befürchtet wurde. Leibniz hatte ja in den Diensten der Welfen in Hannover, der Hohenzollern in Berlin, des deutschen Kaisers in Wien gestanden. Der Nachlass wird in einem feuersicheren Raum der Gottfried Wilhelm Leibniz-Bibliothek in Hannover aufbewahrt.

Gestrichen, ergänzt, ersetzt: Handschrift Gottfried Wilhelm Leibniz, Entwurf einer Wissensordnung, um 1693 © GWLB Hannover: LH XL, Bl. 140r.

Seit wann wird jetzt daran gearbeitet?

Der Beschluss, eine Ausgabe von Leibnizens Sämtlichen Schriften und Briefen zu machen, wurde vor dem 1. Weltkrieg gefasst. Seit der deutschen Wiedervereinigung geben die Berlin-Brandenburgische, vormals Preußische Akademie der Wissenschaften und die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen die Edition heraus. Vier Arbeitsstellen in Hannover, Münster, Potsdam und Berlin teilen sich die Aufgabe, indem sie jeweils eine oder mehrere der acht Schriften- oder Briefreihen bearbeiten.

Hilft Ihnen die Digitalisierung?

Zum Teil. In Hannover und – aus historischen Gründen – teilweise auch in Münster kann man die kostbaren handschriftlichen Originale benutzen, die angesichts ihrer Alters oft an den Rändern ausgefranst sind, also Papier- und Textverluste aufweisen und deshalb im Papierbad stabilisiert werden müssen. In Berlin verwendet man schon Digitalisate, die unter http://ritter.bbaw.de  im Internet für jeden frei aufrufbar sind: Seit 2005 gab es fast 370.000 Aufrufe!

Waren Sie erstaunt über dieses Interesse?

Der berühmte französische Enzyklopädist Denis Diderot hat es 1758 auf den Punkt gebracht: Leibniz habe Deutschland so viel Ehre gemacht wie Platon, Aristoteles und Archimedes ihrem Heimatland zusammen. Er wunderte sich, dass Deutschland noch nicht veröffentlicht habe, was aus seiner Feder hervorgekommen sei. Der unermessliche Gedankenreichtum dieses Universalgelehrten, dessen Bedeutung für die Geistes- und Kulturgeschichte nicht zu überschätzen ist, macht eine Gesamtausgabe seiner Schriften und Briefe zu einem dringenden Desiderat, auf das weltweit, von den USA über Europa bis nach Japan ungeduldig gewartet wird. Es war daher nur folgerichtig, dass sein Briefwechsel 2008 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde. Welche geistigen Schätze hier zu heben sind, verdeutlicht jeder neu erschienene Band der Leibniz-Ausgabe.

Wie wichtig ist die Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung?

Leibniz ist ein Aushängeschild für Deutschland, wie wir nicht viele haben. Darum ist es gut, dass sich neben Berlin, Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen auch der Bund beteiligt. Für die Vollendung der Leibniz-Edition bedarf es eines langen Atems,  mehr oder weniger kurzfristige Projektfinanzierungen werden dem nicht gerecht. Die beteiligten Editoren leisten Großartiges, errichten – um es mit Horaz zu sagen – ein Denkmal, das dauerhafter als Erz ist. Es ist eine lohnende Aufgabe, für die sich hoffentlich stets erneut junge Forscher aus der ganzen Welt gewinnen lassen, zumal die Möglichkeiten der Digital Humanities noch bei weitem nicht ausgeschöpft sind.

Das Akademienprogramm und die Leibniz-Edition

Beim Akademienprogramm handelt es sich um ein vom Bund und den Ländern jeweils zur Hälfte finanziertes Programm, das der Erschließung, Sicherung und Vergegenwärtigung des kulturellen Erbes dient. Es wird von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften koordiniert und fördert Langzeitforschungen in der geisteswissenschaftlichen, aber auch in der sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung. Träger des Programms und zuständig für die Bearbeitung der Vorhaben sind unter anderem die acht in der Akademienunion zusammengeschlossenen Akademien. Mit diesem Programm wird auch die Leibniz-Edition (Archiv und Forschungsstelle) gefördert. Sie ist ein Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, mit Editionsstellen in Berlin, Hannover, Münster und Potsdam.

Bewunderer des binären Zahlensystems: Handschrift Gottfried Wilhelm Leibniz, Brief an Rudolph August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, sog. Neujahrsbrief, 12. Januar 1697, Briefseite © GWLB Hannover: LBR II 15, Bl. 19v.