Leopoldina-Symposium: „Nachhaltige Zeitenwende? Die Agenda 2030 als Herausforderung für Wissenschaft und Politik“

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, in Berlin

Bundesministerin Johanna Wanka während ihrer Rede
Bundesministerin Johanna Wanka während ihrer Rede © David Ausserhofer für die Leopoldina

Sehr geehrte Damen und Herren!

Bis zum Jahr 2030 soll niemand mehr auf der Welt hungern. Das ist eines der ersten Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen – davon ausgehend, dass im Moment 795 Millionen Menschen auf der Welt nicht genug zu essen haben. – Das ist ein relativ kurzer Zeitraum.

Wir alle teilen dieses Ziel uneingeschränkt. Aber wir wissen auch, es wird nicht einfach sein, es zu erreichen. Es ist ehrgeizig, genau wie die anderen gemeinsamen Ziele, auf die sich die Weltgemeinschaft geeinigt hat, um die Zukunft unseres Planeten zu sichern und Nachhaltigkeit wirklich zu veranlassen. Es werden erhebliche Anstrengungen national, aber vor allen Dingen auch international dafür notwendig sein. Anstrengungen von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft. Und es wird nicht konfliktfrei zugehen.

I.

Das wird schon beim Thema Ernährung deutlich. Wir wollen die Ernährung sichern aber die natürlichen Ressourcen des Planeten erhalten. Dann folgen Diskussionen, ob wir grüne Gentechnik nutzen wollen oder nicht, um dieses Ziel zu erreichen. Es trifft auf viele der Nachhaltigkeitsziele zu, dass sie im ersten Moment sehr überzeugend klingen, dass man sich darüber freut, dass man sich in der Weltgemeinschaft darüber geeinigt hat. Wenn man aber genauer hinschaut, dann gehen die Nachhaltigkeitsziele teilweise nicht nur über unsere aktuellen Fähigkeiten hinaus, sie stehen überdies auch nicht selten in Konkurrenz miteinander. So soll etwa die Wirtschaft weltweit weiter wachsen und gleichzeitig sollen die natürlichen Ressourcen weniger beansprucht werden. Die Ernährung soll endlich für alle Menschen weltweit gesichert werden und gleichzeitig die Natur nicht überstrapaziert werden.

Ähnliche Probleme sehen wir bei der Energiewende. Zwar sind sich alle darüber einig, dass die Zeit der fossilen Energieträger endlich ist und dass wir auf regenerative Energiequellen umstellen müssen – und nicht nur in Deutschland. Aber werden dann konkret vor Ort für die regenerative Stromversorgung neue Windräder aufgestellt, Stromspeicher gebaut oder Hochspannungsleitungen errichtet, sind Konflikte programmiert. Und wenn wir dann in einigen Jahren diskutieren, ob in einem Ort Power to X oder Power to Gas oder etwas anderes aufgestellt wird, dann, glaube ich, wissen wir jetzt schon, welche Diskussionen wir in Deutschland haben werden.

Um über die nächsten Schritte für den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft zu beraten, hat mein Ministerium im Rahmen der Hightech-Strategie – das ist die Forschungs- und Innovationsstrategie der Bundesregierung – Expertinnen und Experten zu einem Fachforum zum Nachhaltigen Wirtschaften eingeladen. Da geht es darum, wie wir sie realisieren können. Was sind Dinge, bei denen die Politik jetzt Weichen stellen muss, um einen solchen nachhaltigen Umbau der Wirtschaft zu erreichen, ohne dass der Industriestandort Deutschland, der leistungsfähig ist, der für unseren Wohlstand notwendig ist, eingeschränkt wird? Innerhalb der Hightech-Strategie ist das Thema Nachhaltigkeit ein zentrales, das von Beginn an – die ersten Entscheidungen zur Hightech-Strategie gab es 2006 – enthalten war. Wir diskutieren dabei über das Thema Verkehr, Mobilität – natürlich immer unter dem Aspekt, CO2-Ausstoß zu senken.

Aber man muss natürlich auch immer darüber nachdenken: Was bedeutet es denn, wenn wir den individuellen Verkehr – was ja eine der Zielstellungen ist – massiv verringern? Was bedeutet es für die deutsche Autoproduktion, für die Absatzmärkte, die ja in Deutschland in beträchtlichem Maße vorhanden sind.

Wir reden so schnell darüber, dass es um Mobilität aber nicht mehr um den Besitz eines Autos geht. Mein Sohn lebt in Berlin Prenzlauer Berg. Bei ihm ging das wunderbar. Ich als Mutter habe immer gestaunt, wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, steigt er irgendwo aus und da steht schon das Auto, mit dem er weiter fährt, weil er woanders hin musste. Aber in dem Moment, als die kleine Tochter da war, brauchte er doch ein eigenes Auto. Das zeigt, solche Umstellungen des eigenen Lebensverhaltens - nicht nur von wenigen überzeugten Öko-Avantgardisten sondern wirklich in der Breite der Bevölkerung - einen solchen Umstellungsprozess anzuschieben und zu erreichen, das ist nicht trivial. Das kann man nicht verordnen. Man kann Möglichkeiten schaffen, aber es müssen auch intensive Debatten geführt werden, um zu einer Lösung zu kommen.

Dafür brauchen wir die Kompetenz unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Fakten beisteuern, die Dinge belegen können. Deswegen sind gerade Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ganz entscheidend für das Thema Nachhaltigkeit. – Weil sie in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge nicht nur zu erforschen, sondern nach Möglichkeit auch zu transportieren.

Auch die Vereinten Nationen messen der Wissenschaft bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele eine zentrale Rolle zu. Dazu haben Sie, Herr Professor Hacker, wesentlich beigetragen. Wir haben uns riesig gefreut, als Sie benannt wurden, als Stimme der Wissenschaft im Beirat des Generalsekretärs der Vereinten Nationen. Wir waren alle stolz, dass ein ganz entscheidender deutscher Wissenschaftler an dieser Stelle gewollt und gefragt wurde. Damit haben Sie die Grundlagen für das heutige Symposium und für viele Dinge, die von der Leopoldina angeschoben werden, gelegt.

Gerade vor kurzem war ich bei der Leopoldina-Jahresversammlung. Ich kann mich gut erinnern, dass wir intensiv darüber diskutiert haben in Deutschland: Brauchen wir neben den Akademien, die wir an verschiedener Stelle haben – die bayerische, die sächsische – eine nationale Akademie? Das hat Zeit und Energie in starkem Maße gekostet, sodass natürlich die Frage interessant ist: Wie macht sich diese Akademie, welche Aufgaben nimmt sie wahr? Und es gibt in der Politik eine große Freude darüber, auch bei den Skeptikern, dass sie die Funktionen, die man angestrebt hat, erfüllt.

II.

Wie wichtig die Forschung und insbesondere vorausschauende Grundlagenforschung für das Feld der Nachhaltigkeit ist, kann man gut am Bereich der Klimaforschung sehen, wenn man die letzten 50 Jahre anschaut. Ich denke, es ist den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu verdanken, dass über Klima, über Erderwärmung nachgedacht wurde. CO2 ist etwas, das man nicht riecht, das man nicht schmeckt, wo der Zusammenhang mit Erwärmung nicht eine einfache Korrelation ist. Und das zu erforschen, das deutlich zu machen und soweit zu transportieren, dass es in der Politik als globales Problem anerkannt und akzeptiert wurde, ist ohne Engagement und die Leistungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht möglich. Das ist eine ganz großartige Leistung.

Im vergangenen Jahr folgten diesen Erkenntnissen konkrete Beschlüsse der Staatengemeinschaft. Sie hat in Paris auf Grundlage der wissenschaftlichen Befunde beschlossen, die globale Erwärmung zu begrenzen. Darüber können sich alle diejenigen, die in diesem Bereich tätig waren, auch in der Forschung in Deutschland, auf die Schulter klopfen und wirklich freuen.

Daran knüpfen wir jetzt an. Denn es geht darum, wie man die globale Erwärmung begrenzen kann, was die technischen Voraussetzungen sind. Da ist natürlich auch wieder gefragt, dass Geld für die entsprechende Forschung zur Verfügung steht. Wir haben gerade im Sommer wieder eine Förderbekanntmachung veröffentlicht.

Es ist bei der Klimaforschung gelungen, zu überzeugen, die Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit zu transportieren und vor allen Dingen dann auch in die Entscheider-Szene der Politik. Aber das ist nicht einfach gewesen. Insgesamt ist die Möglichkeit, Dinge einseitig darzustellen oder Wissenschaftsergebnisse zu verfälschen, eine sehr ausgeprägte. Durch die Netzinfrastrukturen, durch die sozialen Netzwerke wird das noch verstärkt: Wenn ich nur an die völlig falschen Zahlen denke, die im Zusammenhang mit dem Brexit bezüglich der Europäischen Union hoch und runter publiziert und kommuniziert wurden. Oder, wenn ich an so etwas Simples denke, dass die Stromtrassen, die gegen Widerstand nach Bayern führen, keinen Windstrom transportieren – auch Unfug. Oder im Bereich der Gentechnik.

Wenn die gefühlte Realität wichtiger wird als die faktische, dann ist das ein Problem, mit dem sich auch die Wissenschaft auseinandersetzen muss. Und nun haben wir insgesamt im Medienbereich eine Umstellung. Wir haben viele Probleme, was die Zeitungsverlage anbetrifft. Wir dürfen aber an der Stelle nicht vergessen, dass angesichts dieser gesamten Umstellung Wissenschaftler direkt kommunizieren, über ihre Blogs zum Beispiel, und dass damit in den letzten Jahren ein Zurückgehen der Priorität und der Bedeutung des Wissenschaftsjournalismus einherging. Ich glaube, wir müssen gemeinsam ein Interesse daran haben, dass der Wissenschaftsjournalismus in Deutschland gestärkt wird.

Warum? Ein Punkt ist, dass zwar ein Forscher – wenn er Hochschullehrer ist – den komplexen Zusammenhang einfach erklären können müsste, aber in der Öffentlichkeit steht ein Wissenschaftler, ein Forscher immer schnell unter dem Verdacht, Lobbyist – was er ja auch sein muss – für sein Fach zu sein. Das heißt, es gibt eine Skepsis, ob er jetzt die Risiken, bei welcher Entdeckung auch immer, ganz weit nach unten schiebt, um wieder neue Gelder, um entsprechende Anerkennung zu bekommen. An der Stelle ist Wissenschaftsjournalismus, wenn er eine hohe Kompetenz hat, eine Möglichkeit, um das, was wir wollen, das, was an Erkenntnissen da ist, kritisch reflektierend zu kommunizieren. Deswegen brauchen wir einen starken Wissenschaftsjournalismus in Deutschland. – Auch, wenn es mittlerweile viele andere Kanäle gibt, wie man wissenschaftliche Ergebnisse transportieren kann.

Wir dürfen nicht vergessen, auch da haben wir intensive Diskussionen. Es gibt jetzt die Möglichkeit, in einem bisher unbekannten Maße, Bevölkerung einzubinden über die sozialen Netze, über all diese Kanäle. Das hat Vor- und das hat Nachteile. Da entwickelt sich zum Teil ein virtueller Stammtisch. Das ist der Nachteil. Aber es ist auch eine Chance, gerade auch für die Ziele der Nachhaltigkeit zu werben und mit vielem Unsinn aufräumen zu können. Da haben wir Kommunikationsmöglichkeiten, über die sozialen Netzwerke, die wir nie hatten. Und das kann uns helfen.

III.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wissenschaft und Forschung sind in Deutschland, das muss man nicht besonders betonen, ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Nicht ohne Grund strebt die Europäische Union seit Jahren danach, der größte wissensbasierte Lebensraum der Welt zu werden. Unser Wohlstand und unser Wohlbefinden hängen stark davon ab. Deswegen ist die Stärkung des Europäischen Forschungsraums sehr wichtig. Wir haben gerade darüber diskutiert. Ganz wichtig ist, dass man in diesem Europäischen Forschungsraum nicht nur sieht, wie man von deutscher Seite oder von französischer Seite besonders profitieren kann. Dieser Europäische Forschungsraum hat nur eine Chance, wenn die „EU-13“, wenn die, die später dazugekommen sind – Kroatien, Slowenien, andere – gestärkt werden. Das ist uns in den letzten Jahren überhaupt nicht gelungen. Deswegen ist es nicht altruistisch von deutscher Seite, sondern im Interesse eines starken Europäischen Forschungsraumes, wenn wir uns insbesondere dort engagieren, damit die Leistungskraft des Forschungsraumes insgesamt steigt.

Ein bisschen Eigenlob: Wir haben innerhalb der Bundesregierung jetzt gerade die Haushaltsverhandlungen. Und der Etat meines Ministeriums, die Forschungsausgaben in der Bundesregierung, sind seit 2005 kontinuierlich gewachsen. Ich habe es schon manchmal gesagt, ich hätte Sorge, wenn man auf einem gewissen Niveau angekommen ist, dass der Gradient ein bisschen abgeschwächt wird. Wir haben in dieser Legislaturperiode in meinem Haus noch einmal einen Zusatz der Mittel von über 26 Prozent, also eine beträchtliche Steigerung. Damit sind wir fast bei 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, das wir für Forschung und Entwicklung ausgeben. Deswegen ist es wichtig, dass wir weiter Forschungsförderung als Priorität ansehen. Darüber wird oft diskutiert: Wir haben die Freiheit von Forschung und Lehre. Wenn ein Professor berufen ist, dann hat er ein gewisses Gebiet, für das er Kompetenz hat und er ist ziemlich frei, sein Leben lang, in welchem Maße und welcher Aufgaben er sich annimmt. Das allein kann nicht Forschungsförderung in Deutschland sein. Deswegen muss die Politik auch in der Lage sein, bei der Forschungsförderung Themen zu setzen, Forschung zu ermutigen, sich mit Fragen zu beschäftigen, wie dem Thema Nachhaltigkeit. Das ist völlig legitim und für die Entwicklung unserer Gesellschaft wichtig.

Für mich ist die Frage, wie wir den Industriestandort Deutschland nachhaltig umgestalten und erhalten, eine ganz zentrale. Wir wissen, wir haben im Bereich der Chemie, zum Beispiel bei energieintensiven Umweltressourcen, eine große Aufgabe vor uns, um die Ziele von Nachhaltigkeit und der Energiewende zu realisieren und trotzdem die Stärke des Industriestandortes Deutschland zu erhalten.

Ein Beispiel hierfür ist ein Projekt „Carbon2Chem“, das das in der Stahlindustrie anfallende Kohlendioxid in chemische Produkte umwandelt. Geschieht das nicht, können wir die Klimavereinbarungen nur einhalten, wenn wir die Stahlproduktion in Deutschland beenden. Es kann nur mit Hilfe der Wissenschaft gelingen, die Klimaziele einzuhalten und den Standort – und Stahlindustrie ist für den Maschinenbau, für unsere gesamte Wirtschaft zentral – zu erhalten.

Das gleiche gilt für die Energieversorgung der Zukunft. Wir haben vier Kopernikus-Projekte in der Energieforschung gestartet. Es geht dabei unter anderem um neue Stromnetze, mit denen verschiedene Energiequellen so verknüpft werden können, dass auch bei Windstille und Regen Strom immer zuverlässig zur Verfügung steht. Diese Netze korrespondieren mit Speichern für überschüssige erneuerbare Energie. Die Kopernikus-Projekte sind vier große Projekte, bei denen wir nach einem langen Dialog, auch unter intensiver Einbeziehung der Zivilgesellschaft, soweit gekommen sind, zu sagen: Das sind jetzt die vier wichtigsten Forschungsfragen, die in den nächsten zehn Jahren beantwortet werden müssen. Ansonsten klappt die Energiewende nicht. Damit setzen wir strategisch Forschungsprioritäten in einem Bereich, der für uns ganz zentral wichtig ist und bei denen wir Sicherheiten bis 2025 bieten; wo neue Partner dazu genommen werden können, und wo es gelungen ist, staatliche Forschung mit privatfinanzierter Forschung in einer engen Art und Weise zu verbinden.

Beim 3-Prozent-Ziel diskutieren wir gerade, was der nächste Schritt ist. Auf dem politischen Markt sind verschiedene Zahlen erhältlich: 3,5 Prozent bis 2020, 4,5 Prozent – das hat einer aus der Bundesregierung gesagt – bis 2024. Diese Prozentangaben beziehen sich auf private und staatliche Förderung. Und wenn wir einmal überlegen, 3,5 Prozent bis 2020, dann heißt das für die mittelfristige Finanzplanung, wir müssten 5 Milliarden drauflegen. Das ist nicht unmöglich. Das ist machbar – bei einer guten wirtschaftlichen Situation und entsprechender Prioritätensetzung. Aber, die private Seite, also die ganzen Forschungszentralen, Siemens etc., die jetzt insgesamt in der Wirtschaft 60 Milliarden beibringen, die müssten sich in diesem Zeitraum von 4 Jahren um 25 Milliarden steigern. Und das ist natürlich eine ganz andere Zielstellung. Um ein solches Ziel überhaupt anzudenken, ist zwingend, dass wir neue Kooperationsformen haben zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Das geschieht zum Beispiel mit den Kopernikus-Projekten und an anderer Stelle.

Ich denke, dass Klimaschutz verstanden werden kann als Modernisierungsstrategie und auch als Investitionsprogramm, das Deutschland eher stärkt als schwächt im Wettbewerb mit anderen Nationen. So ist es auch beim Umweltschutz, wo am Anfang kontrovers diskutiert wurde, ob die Umweltschutzauflagen in Deutschland uns stören. Jetzt haben wir fast 15 Prozent der Weltproduktion an Gütern im Bereich Umweltschutz. Das ist also ein riesiger Markt und Innovationstreiber.

IV.

Vor fast genau vier Jahren haben Sie, Herr Professor Hacker, am selben Ort, hier in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt, mit vielen prominenten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Fragen zur „Nachhaltigkeit in der Wissenschaft“ diskutiert. Ihre Themen waren die „Erforschung von Nachhaltigkeit“ – Welche Themen sind wichtig, um Nachhaltigkeit zu generieren? – genauso wie die „Nachhaltige Forschung“ und wie es gehen kann, „nachhaltig (zu) forschen.“

Damit haben Sie einen wichtigen Prozess angestoßen, der jetzt schon vielversprechende Ergebnisse zeigt. Ich nenne stellvertretend den Leitfaden zum Nachhaltigkeitsmanagement, den die Präsidenten der großen außeruniversitären Forschungsorganisationen Leibniz-Gemeinschaft, Helmholtz-Gesellschaft und Fraunhofer-Gesellschaft vor zwei Wochen in Berlin vorgestellt haben. Er zeigt, wie die Grundsätze der Nachhaltigkeit in der Wissenschaft konkret angewendet werden können: wenn Büros und Labore eingerichtet werden, wenn Personal sich weiter entwickelt und wenn die Themen der Forschung ermittelt werden.

Dieser Leitfaden wird in den kommenden Jahren zu durchgreifenden Änderungen führen und beeinflussen, wie Wissenschaft betrieben und verstanden wird. Deswegen passt er in die heutige Zeit. Um nicht missverstanden zu werden: Nachhaltigkeit ist ein zentrales Thema, ist ein Thema, das sich auch in vielen Förderprogrammen unserer Hightech-Strategie wiederfindet. Aber, Wissenschaft wird dadurch nicht unfrei und nicht beeinträchtigt. Es gibt also keinen Bonus für die guten Wissenschaftler.

Deshalb möchte ich noch einmal klarstellen, dass die Wissenschaftsfreiheit oberstes Prinzip unserer Wissenschaftspolitik ist; dass die Grundlagenforschung, in der wir gut aufgestellt sind, eine zentrale Säule unserer Forschungsförderung ist; aber zur Freiheit immer auch Verantwortung gehört. Und da ist dieser Aspekt Nachhaltigkeit ein zentraler.

IV.

Forschungsergebnisse werden leichter angenommen, wenn sich die Forschung an der Lebenswelt der Menschen orientiert. Das heißt, dass man nicht populistisch etwas tut, aber dass man sehr wohl bei aller Forschung, bei aller Freude in der Wissenschaft auch darüber nachdenkt, was es für die Lebenswelt der Menschen bedeutet. Deswegen ist die Tendenz jetzt sehr viel stärker als noch vor 20 Jahren, in den Diskussionsprozessen natürlich die Wissenschaft zu beteiligen, die Wirtschaft zu beteiligen, aber eben auch die Zivilgesellschaft.

Ich möchte ein Beispiel nennen, das, glaube ich, illustriert, wie wir mit dem Thema Nachhaltigkeit umgehen und auch die Zivilgesellschaft einbinden.

Wir haben die Leitinitiative Zukunftsstadt. Mit ihr wird die Forschung zur nachhaltigen Stadtentwicklung in den kommenden Jahren mit 150 Millionen Euro gefördert. Gemeinsam mit der Wissenschaft haben Bürgerinnen und Bürger im Wettbewerb Zukunftsstadt in 50 Kommunen Ideen für die nächsten Jahrzehnte gesammelt, sehr unterschiedliche Städte: kleine Städte im ländlichen Bereich, aus denen viele junge Leute weggehen; gutsituierte Städte, in denen es ein Bildungsbürgertum gibt, das nicht mehr so jung, das aber finanziell ganz anders gestellt ist, und in den nächsten 10, 15 Jahren natürlich bei dieser Stadtentwicklung mitreden will. Im Endergebnis hat das sehr viel in den Kommunen angestoßen, auch darüber überhaupt nachzudenken. In 20 Städten werden daraus jetzt von uns entsprechend finanziell unterstützte Umsetzungspläne.

Ich glaube, dass wir alles das, was durch die Zivilgesellschaft in einer sehr großen Breite aktiv eingebracht wird, dann auch innerhalb der Bundesregierung nutzen können, und auch das Wissen aus der Forschung konkret mit in die Politik einfließen kann.

Das gilt besonders für die Ziele der Agenda 2030 für die Nachhaltigkeit. In der Bundesregierung haben wir in den vergangenen Monaten intensiv daran gearbeitet, die Forderungen der Vereinten Nationen in die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie zu überführen.

Die Nachhaltigkeitsstrategie ist im Sommer bereits ausführlich mit der Öffentlichkeit diskutiert worden. Für uns ist ein ganz zentraler Punkt das Thema Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Bildung in allen Stufen: also nicht nur in der Schule, sondern schon vorher in den Kindereinrichtungen, aber auch für die Erwachsenen. Hier haben wir eine Plattform errichtet zur Bildung für nachhaltige Entwicklung mit einer Diskussionskultur. Denn was man darunter verstehen kann, ist sehr unterschiedlich. Wie weit man gehen möchte in der Berufsbildung, ist ein zentrales Thema, und auch anderes ist dort strittig. Ich glaube, dass die Wissenschaft Fakten beibringen soll, auch Handlungsempfehlungen geben kann, und dass die Diskussion, was dann gesellschaftlich in solchen Kompromissen ausgehandelt wird, sehr stark von der Politik geprägt wird. Eine Diskussion, die nicht faktenbefreit ist, nützt uns allen.

Deswegen ist es für uns ganz wichtig – nicht nur in der Politik, sondern für die Akzeptanz in der Bevölkerung –, dass Menschen vertraut gemacht werden, mit dem, was Forschung leisten kann. Ich glaube, wir müssen auch die Erwartung dämpfen, und zwar im ersten Schritt bei der Energiewende, dass die Forschung es ermöglichen kann, dass wir friktionsfrei alle Probleme, alle Widersprüche, die dabei auftauchen, aus der Welt schaffen können. Es gibt nicht nur Gewinner bei diesen Prozessen, sondern auch Beeinträchtigungen. Auch dabei muss Forschung sich engagieren. Das kann nur passieren, wenn man das Thema Nachhaltigkeit in allen Facetten verfolgt. Das heißt, sowohl in technischer, in grundlagenorientierter aber auch in soziologischer Hinsicht. Es ist eine große Chance für die Wissenschaftsszene, neue Forschungsfelder zu erschließen und auch die Gesellschaft sehr viel stärker für Forschung, für Entwicklung zu interessieren und neue Partner für die Projekte zu gewinnen. Deswegen glaube ich, dass eine solche Diskussion, wie sie hier in interessanter Form geplant ist, außerordentlich nützlich ist. Und ich hoffe auf Anregungen und Widerspruch.