"Lernende Systeme müssen der Gesellschaft dienen – nicht umgekehrt"

Forschungsstaatssekretär Georg Schütte über die Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz und wie Deutschland und Europa im Schulterschluss KI-Technologien zum Wohle der Menschen vorantreiben können. Ein Gastbeitrag im Handelsblatt.

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Denzel, Jesco / BPA

Wer heute über die Digitalisierung und ihre Auswirkung auf unser Leben von morgen spricht, spricht vor allem über Künstliche Intelligenz (KI). Sie hat ein enormes Potenzial, unsere Gesellschaft zu verändern, die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und wie wir am sozialen und politischen Leben teilhaben. Das beschäftigt die Menschen, denn sie sehen Chancen und Nutzen, aber auch Gefahren für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, unsere Werte und die Selbstbestimmung des Einzelnen.

Der gesellschaftliche Dialog über den Einsatz von KI ist deshalb ein Muss. Nicht alles, was technisch möglich ist, darf zum Einsatz kommen. Entscheidend ist ein wertebasiertes Vorgehen, dazu brauchen wir vor allem eine öffentliche Diskussion. Die Politik muss und will dabei ihrem Gestaltungsanspruch gerecht werden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat genau aus diesem Grund schon 2017 die „Plattform Lernende Systeme“ mit Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und der Zivilgesellschaft gegründet. Das eigentliche Ziel ist klar. Es geht darum, Lernende System so zu entwickeln, dass sie der Gesellschaft dienen – nicht umgekehrt. Natürlich sollen die Szenarien für KI auch dazu beitragen, Deutschland als führenden Technologieanbieter für diese Systeme zu positionieren.

Deutschland hat eine leistungsfähige Wissenschafts- und Forschungslandschaft im Bereich KI

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat seit vielen Jahren in die Forschung zu KI investiert. Das, was KI heute kann und die Potenziale, die geschaffen wurden, geht nicht zuletzt auch auf diese Förderung zurück. Bereits 1988 haben wir mit der Einrichtung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) frühzeitig einen sichtbaren Schwerpunkt in der KI-Forschung gesetzt. Heute verfügen wir mit dem DFKI über das weltweit größte KI-Institut mit mehr als 900 Wissenschaftlern an sechs Standorten in Deutschland. Zusammen mit den Forschungsinstituten der Fraunhofer-Gesellschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Helmholzgemeinschaft hat Deutschland heute eine leistungsfähige Wissenschafts- und Forschungslandschaft im Bereich KI, die eng mit der Industrie durch Beteiligung und Kooperationen verbunden ist.

Aber wir müssen an anderer Stelle auch noch besser werden im internationalen Vergleich. Dies betrifft zum Beispiel das maschinelle Lernen, das auf die Auswertung von Massendaten setzt. Dort entscheiden die Verfügbarkeit und der Zugang zu Daten über die wirtschaftliche Nutzung. US-basierte Unternehmen dominieren im Konsumentenbereich. Dies spiegelt sich auch bei der globalen Betrachtung der Firmen, deren Geschäftsmodelle auf KI gründen. Von den ca. 6000 dieser Firmen weltweit, kommen aktuell 36% aus den USA, gefolgt von Firmen aus Europa (19%) und China (16%). Dies zeigt die Dynamik in den USA und Asien; sagt aber noch nichts über Wertschöpfung und Arbeitsplätze aus. Hier ist das Rennen noch offen.

Entwicklung neuer KI-Technologien muss von Anfang an auf hochqualitative Anwendung abzielen

Europa ist der größte Marktteilnehmer weltweít. Europa muss sich deshalb zum Ziel setzen, auch bei KI einen Wertschöpfungsanteil zu erreichen, der seiner wirtschaftlichen Stärke entspricht. Dazu bedarf es eines Schulterschlusses in Europa, eines Mehr an Forschung im engen Zusammenwirken von Wirtschaft und Wissenschaft, aber vor allem einer neuen Gründerdynamik im KI Bereich. So müssen wir den Fokus der Entwicklung neuer KI-Technologien noch mehr und von Anfang an auf hochqualitative Anwendung legen. Bei Anwendungen von KI-Methoden in der Wirtschaft, insbesondere in der Produktion, der Autoindustrie, der Medizin und Logistik, aber auch dem Banken- und Versicherungswesen, ist Deutschland heute schon gut unterwegs. Hier muss es das Ziel sein, das noch vorhandene enorme Entwicklungspotential bei diesen hochqualitativen Anwendungen stärker zu nutzen und schneller zu marktfähigen Produkten und Anwendungen zu kommen. Beispielsweise können wir unseren Vorsprung bei Industrie 4.0 nutzen und die Wettbewerbsstellung der deutschen Automobilindustrie beim autonomen Fahren weiter ausbauen.

Aber wir müssen auch an den großen Markt der Dienstleistungen denken, wenn es um KI geht. Durch Neugründungen werden neue Geschäftsmodelle und neue Plattformen entstehen. Für diese Gründungen brauchen wir ein besseres „Ökosystem“. Wir müssen Sprunginnovationen nicht nur zulassen, sondern fördern. Dazu bedarf es auch neuer innovationsfördernder Strukturen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung entwickelt zurzeit hierzu Vorschläge für die neue Bundesregierung. Aber wir setzen nicht nur auf Forschung und Innovation, sondern auch auf die dritte Säule unserer Kompetenz, die Bildung.

KI ist ein zentrales Thema für die Aus- und Weiterbildung

Künftig brauchen wir sowohl Spezialisten, die Lernende Systeme entwickeln als auch Arbeitnehmer, die mit diesen Systemen im Arbeitsalltag umgehen können. An den Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind wir bereits gut aufgestellt. Aber KI ist nicht nur eine Sache für Akademiker, sondern ein zentrales Thema für die Aus- und Weiterbildung. Hier muss mehr getan werden, da hier die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg gelegt wird. Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Zukunft der Arbeit ist ein Thema, dem das BMBF im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2018 „Arbeitswelten der Zukunft“ besondere Aufmerksamkeit widmet.

Wir wollen neue Wege für die Entwicklung und Nutzung von KI-Technologien gehen und aufzeigen, wie und wohin wir die KI-Technologien in Deutschland und Europa zum Wohle der Menschen vorantreiben können. Und wir wollen, dass die Bürgerinnen und Bürger darüber mitreden – denn nur wer Chancen und Risiken kennt und einschätzen kann, wird dem Neuen das nötige Vertrauen entgegenbringen.