„Life Sciences and Global Bioethics“

Statement des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, anlässlich des 11. Global Summit of National Ethics and Bioethics Committees in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Bundespräsident
Sehr geehrte Frau Professor Woopen,
Sehr geehrte Frau Dr. Kieny,
Sehr geehrte Mitglieder der nationalen und internationalen Ethikkommissionen,
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie heute im Namen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung auf dem 11. Global Summit in Berlin willkommen zu heißen. Ein Blick in die Runde zeigt mir, dass diese Veranstaltung den Puls der Zeit aufnimmt. Vertreterinnen und Vertreter aus über 100 Ländern sind heute zusammen gekommen, um zu dem Thema "Global Health, Global Ethics, Global Justice“ die aktuellen Fragen der Bioethik zu diskutieren. Der Global Summit ist eine außergewöhnliche Gelegenheit, miteinander in den Dialog zu kommen.

Als Vertreter des Bildungs- und Forschungsministeriums liegen mir bei diesem Dialog die Aspekte besonders am Herzen, die die Forschung und ihre Ergebnisse betreffen. Die Welt rückt enger zusammen. Wir alle wissen: Die Globalisierung bietet enorme Chancen. Wir profitieren gegenseitig vom wissenschaftlichen und technischen Austausch. Wir können einfacher und besser kooperieren und die besten Köpfe zusammen bringen. Zur gleichen Zeit sehen wir uns mit globalen Herausforderungen für die Forschungspolitik konfrontiert. Zwei dieser aktuellen Herausforderungen mit hoher Relevanz für den bioethischen Diskurs nehmen sie auf Ihrer Veranstaltung in den Fokus: Neue Technologien in den Lebenswissenschaften („Emerging and Converging Technologies“) sowie Epidemien und Ausbrüche („Epidemics and Outbreaks“).

Globale Herausforderungen – Globale Wissenschaft

Es ist offensichtlich: Wir finden immer seltener nationale Antworten auf die globalen Herausforderungen, wie Infektionskrankheiten, die Vermüllung der Meere oder die Klimaveränderung. Dort, wo globale Antworten notwendig sind, wollen wir mitgestalten. Das BMBF trägt nicht zuletzt durch seine Forschungsförderung hierzu aktiv bei. Ich bin mir sicher: Wir werden die globalen Herausforderungen nur meistern, wenn die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit noch besser zusammenarbeiten, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

Wie kann globale Zusammenarbeit in Forschung und Wissenschaft erfolgreich gestaltet werden? Einige Erfolgsgeschichten, an denen das Bundesministerium für Bildung und Forschung beteiligt war, möchte ich an dieser Stelle exemplarisch nennen:

Im Oktober 2015 fand in Berlin die G7-Wissenschaftsministerkonferenz statt. Dort wurden die Beschlüsse der Staats- und Regierungschefs des G7-Gipfels auf Schloss Elmau konkretisiert. Die Wissenschaftsministerinnen und –minister haben sich insbesondere dem Thema der armutsbedingten Krankheiten gewidmet, wie Tuberkulose, Malaria oder Ebola. Es ist dringend notwendig, für diese Krankheiten neue Medikamente, Impfstoffe und Diagnosemöglichkeiten zu entwickeln. Öffentlich geförderter Forschung und Entwicklung kommt bei der Bekämpfung dieser Krankheiten eine zentrale Rolle zu, da die Pharmaindustrie aufgrund des fehlenden Marktes hier kaum aktiv ist. Mit der aktuellen Bekanntmachung für die Förderung von Produkten zur Prävention, Diagnose und Behandlung von vernachlässigten und armutsassoziierten Krankheiten nimmt das BMBF diese Herausforderung aktiv an.

Viele dieser armutsbedingten und vernachlässigten Krankheiten sind Zoonosen – also Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden – immer wieder Epidemien verursacht. Stichworte sind Vogelgrippe, SARS oder MERS. Diese haben ein besonders hohes Potential, die Gesundheit vieler Menschen und Tierpopulationen weltweit zu bedrohen. Nur eine intensive Erforschung der zoonotischen Erkrankungen kann uns dabei helfen, in Zukunft global gegen solche Infektionswellen gewappnet zu sein. Das BMBF hat daher im Januar 2016 eine neue Förderinitiative gestartet. Es sollen sowohl die Ursachen der Krankheiten erforscht als auch neue Therapien entwickelt werden. Hiervon profitieren die betroffenen Menschen in den Armutsregionen der Welt.

Neben den genannten Beispielen engagiert sich das BMBF darüber hinaus kontinuierlich und in vielfältiger Weise international. Die verstärkte internationale Ausrichtung trägt bereits Früchte: Immer mehr geförderte Forschungsprojekte sind international vernetzt. Wir blicken dabei nicht nur auf den Europäischen Forschungsraum, sondern auch darüber hinaus.

Hierbei möchte ich die „Afrika-Strategie“ von 2014 besonders hervorheben. Es ist uns ein Anliegen, für die geplanten Kooperationen eine tragfähige Grundlage zu schaffen. Afrika ist ein Kontinent der Chancen. Gleichzeitig sieht sich Afrika in besonderer Weise mit unterschiedlichen globalen Herausforderungen konfrontiert. Die Ausbreitung von Infektionserregern, wie jüngst in der Ebola-Krise, ist dabei sicher nur eine davon. Wir streben daher nachhaltige Kooperationsstrukturen und eine intensive Vernetzung an. Die umfassende Verständigung auf klare Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit in internationalen Kooperationen wird dabei ein zentraler Schlüssel für den Erfolg sein.

Globale Wissenschaft - Chance und Herausforderung

Unser internationales Engagement zeigt uns aber auch ganz deutlich: Wissenschaftliche Zusammenarbeit braucht nicht nur gemeinsame technische und wissenschaftliche Standards, sondern auch verlässliche gemeinsame Rahmenbedingungen. Damit ist auch die Frage nach den ethischen Grundlagen unseres Handelns verbunden.

Auf welchen Wertgrundlagen stehen unsere internationalen Initiativen und Kooperationen? Wie tragen wir dem Pluralismus der verschiedenen Kulturen und Rechtssysteme angemessen Rechnung? Wie gestalten wir das mögliche Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Forschung auf der einen Seite und globaler Gesundheit, globaler Ethik und globaler Gerechtigkeit auf der anderen? Die Nationalen Ethik Komitees – und damit auch Sie als Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Veranstaltung – sind dabei wichtige Akteure. Der Global Summit ist ein zentraler Baustein dieser internationalen Verständigung.

Die Wissenschaft hat von sich selbst grundsätzlich ein internationales Selbstverständnis. Wissenschaft und Technik sind die Vorreiter der internationalen Zusammenarbeit. Ich bin davon überzeugt: Die Freiheit der Forschung gewährleistet Fortschritt und Wohlstand. Sie ist darüber hinaus unverzichtbares Element der Wahrheitsfindung.

Mit Freiheit geht aber immer auch Verantwortung einher. Forscherinnen und Forscher müssen nicht nur darüber nachdenken, welche Chancen, sondern auch, welche Risiken mit ihren Experimenten verbunden sind. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben dabei auch die Verantwortung, sich mit möglichen ethischen Implikationen ihrer Arbeiten auseinanderzusetzen.

Wie aber stehen globale und lokale oder individuelle Verantwortung zueinander? In einer zusammenwachsenden Welt braucht Forschung geeignete Rahmenbedingungen; Rahmenbedingungen, die von allen Partnern, aber auch von den jeweiligen Gesellschaften, akzeptiert werden können. In pluralen Gesellschaften wird es zunehmend schwieriger, sich auf gemeinsame Wertmaßstäbe oder Orientierungspunkte zu verständigen. Wie kann ein zielführender Diskurs mit Partnern gelingen, die zum Teil ganz andere ethische, kulturelle und philosophische Hintergründe haben? Gerade in der internationalen Forschungskooperation müssen wir uns Gedanken darüber machen, inwieweit wir bioethische Überlegungen einbeziehen müssen.

Dies zeigt sich besonders eindrücklich bei der aktuellen Diskussion zur Genom Editierung und ihrer Anwendung in der Keimbahn des Menschen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Forschungsfeld selbst haben die Diskussion angestoßen. Und es ist in erster Linie die internationale Wissenschaftsgemeinschaft, die über den verantwortbaren Umgang mit der Genom Editierung beim Menschen diskutiert. Wir brauchen diesen internationalen Diskurs, um die anstehenden Fragen auch aus den unterschiedlichen ethischen und kulturellen Blickwinkeln zu betrachten.

In Deutschland unterstützt das BMBF schon seit vielen Jahren die wissenschaftliche Bearbeitung der ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekte der modernen Lebenswissenschaften mit dem sogenannten ELSA Förderschwerpunkt. Die langjährige Förderung der ELSA Forschung durch das BMBF hat wesentlich dazu beigetragen, eine international konkurrenzfähige Forschungsszene in Deutschland aufzubauen und zu erhalten. Wir tragen dadurch dazu bei, die mit dem rasanten Fortschritt in den Lebenswissenschaften verbundenen Fragen sachgerecht aufzuarbeiten. Zunehmend richten wir die ELSA Förderung dabei international aus.

Im ELSA Förderschwerpunkt werden wir nun Forschungsvorhaben mit über 3,5 Millionen Euro fördern, die sich mit den ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten der Genom Editierung beschäftigen. Hiervon erwarten wir uns fundierte wissensbasierte Analysen und Erkenntnisse in den unterschiedlichen Anwendungsbereichen der Genom Editierung, die für den nationalen und internationalen Diskurs fruchtbar sein können.

Die Diskussion zur Anwendung der Genom Editierung zeigt es deutlich: Gerade die dynamischen und häufig kaum vorhersagbaren Entwicklungen in den Lebenswissenschaften beschäftigen die interessierte Öffentlichkeit. Wie gehen wir mit der zunehmenden technologischen Machbarkeit um, vor allem, wenn sie den grundsätzlichen Umgang des Menschen mit sich selbst betrifft? Es muss häufig nicht nur in den jeweiligen Ländern, sondern auch auf globaler Ebene eine Balance gefunden werden, die das Streben nach neuen Erkenntnissen und ethisch gebotenen Beschränkungen ausgleicht.

Internationale Institutionen, wie insbesondere die UNESCO und die WHO, haben dazu beigetragen, auf globaler Ebene Verständigungen zu erzielen. Beispielsweise wurden in jüngerer Zeit mit der Internationalen Erklärung über menschliche genetische Daten und der Allgemeinen Erklärung über Bioethik und Menschenrechte wichtige UN-Deklarationen verabschiedet. Der auf ein weltweites Klon-Verbot gerichtete Verhandlungsprozess auf UN-Ebene weist aber auch darauf hin, dass unterschiedliche ethisch-rechtliche Grundhaltungen eine globale Verständigung begrenzen können.

Bei diesen Abwägungen müssen wir darauf achten, wie wir Chancen durch Forschung nutzen und gleichzeitig gesellschaftlich verantwortbare Grenzen bewahren können. Gerade in der Grundlagenforschung wissen wir häufig nicht, welche Möglichkeiten sich perspektivisch durch die erzielten Forschungsergebnisse eröffnen. Nicht nur Handeln, sondern auch Unterlassen kann daher ethisch problematisch sein.

Ausblick

Die Frage, was ich tun darf und was nicht, stellt sich in den Lebenswissenschaften häufig mit besonderer praktischer Dringlichkeit. Dies umso mehr, wenn wir uns mit dem Beginn und dem Ende des menschlichen Lebens auseinandersetzen. Dietrich Bonhoeffer hat es wie folgt auf den Punkt gebracht: „Es ist sehr viel leichter, eine Sache prinzipiell als in konkreter Verantwortung durchzuhalten.“ Dieser Gedanke ist zentral für ein politisches Haus, wie das BMBF, das häufig den Ausgleich der unterschiedlichen Werthaltungen in praktischer Verantwortung im Blick haben muss.

In Deutschland und auch international blicken wir auf eine solide und langjährige Tradition der bioethischen Debatte zurück. Hierzu hat nicht zuletzt auch der Deutsche Ethikrat mit seinen Veröffentlichungen und Veranstaltungen maßgeblich beigetragen. So auch mit der heutigen Veranstaltung, auf der Sie einige der von mir angesprochenen Punkte vertieft diskutieren werden.

Ich wünsche Ihnen daher für die beiden Tage des Global Summit einen offenen und konstruktiven Austausch in dieser außergewöhnlichen Atmosphäre der Vielfalt. Dem „Steering Committee“ und dem Ethikrat möchte ich an dieser Stelle noch einmal meinen besonderen Dank für die exzellente inhaltliche und organisatorische Vorbereitung und das beeindruckende Programm aussprechen. Ihnen allen wünsche ich ein gutes Gelingen für eine erfolgreiche Veranstaltung. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse Ihres Dialogs.