BMBF stärkt Verbundforschung zu Long-Covid

Jede Corona-Infektion birgt das Risiko langfristiger gesundheitlicher Schäden. Es fehlen jedoch wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu diesen Spätfolgen. Diese Erkenntnisse zu gewinnen, ist Gegenstand einer neuen Förderrichtlinie.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Dr. Anett Reißhauer (Charité Berlin) sowie Prof. Dr. Stefan Schreiber (Universität Kiel) zum Thema Long-Covid.
Bundesforschungsministerin Anja Karliczek auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Dr. Anett Reißhauer (Charité Berlin) sowie Prof. Dr. Stefan Schreiber (Universität Kiel) zum Thema Long-Covid. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

„Wir kennen das SARS-CoV-2-Virus erst seit gut einem Jahr. Zum heutigen Zeitpunkt kann niemand sagen, wer nach einer Ansteckung Langzeitfolgen entwickeln wird und warum“, sagte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek bei der Vorstellung der Förderrichtline. Gleichzeitig unterstrich die Ministerin, wie wichtig umfassende wissenschaftliche Erkenntnisse seien, um die betroffenen Patientinnen und Patienten bestmöglich behandeln und sie bei ihrer Genesung unterstützen zu können.

Post-Covid betrifft 350.000 Menschen in Deutschland

Bei Patientinnen und Patienten, die eine COVID-19-Infektion als solche überstanden haben, die aber auch nach drei Monaten noch mit Spätfolgen zu kämpfen haben, spricht man vom Post-Covid-Syndrom oder auch Long-Covid. In Deutschland betrifft das Schätzungen zufolge jeden Zehnten der 3,6 Millionen Menschen, die eine solche Infektion durchgemacht haben. Das mache ihr große Sorgen, sagte Karliczek in Berlin. Denn das seien „rund 350.000 Menschen in Deutschland – eine unglaublich hohe Zahl, wie ich finde“.

Rund 50 Symptome sind bekannt

Insgesamt wurden bislang rund 50 Symptome im Zusammenhang mit dem Post-Covid Syndrom bei Patientinnen und Patienten beobachtet: Ein Grund, warum es aus fachlicher Sicht noch keine klare Definition für Long-Covid gibt. Dies sei, so Karliczek weiter, auch unabhängig davon, wie der eigentliche Krankheitsverlauf war. Das Post-Covid-Syndrom besteht also unabhängig davon, ob die Infektion im Einzelfall schwer oder mild verlaufen ist.

So berichten Ärzte von Fällen, in denen die Patientin oder der Patient gar nicht bemerkt hatten, dass sie mit COVID-19 infiziert gewesen waren. Und plötzlich können sie wegen wiederkehrender Kopfschmerzen und Mattigkeit nicht mehr zur Arbeit. Hinzu kommt: Symptome von Post-Covid sind individuell sehr unterschiedlich -  am häufigsten treten extreme Erschöpfung, Kopfschmerzen, Atemnot und Konzentrationsschwierigkeiten auf.

Wie schwerwiegend die Symptome von Post-Covid oft noch nach Monaten seien, wird laut Anja Karliczek deutlich, wenn man sich die Einzelschicksale vor Augen führt: „Nicht selten trifft es Menschen, die eben noch voll im Leben standen, dann kommen sie nach der Corona-Infektion über Monate nicht mehr auf die Beine. Nicht wenige sind so stark betroffen, dass sie auch ihren Beruf nicht mehr ausüben können“, sagte die Ministerin und machte deutlich, wie wichtig es ist, diese Krankheit durch Forschung besser zu verstehen. Nur so könne man den vielen Patientinnen und Patienten in Zukunft besser helfen.

5 Millionen Euro für neue Förderrichtlinie

Im Rahmen der ‚Richtlinie zur Förderung von Forschungsvorhaben zu Spätsymptomen von Covid-19‘ können sich nun Forscherinnen und Forscher beim BMBF mit ihren Vorhaben um eine neue Förderung bewerben. Insgesamt werden rund 5 Millionen Euro für die Förderrichtlinie zur Verfügung gestellt.

Ziel der Förderrichtlinie sei es, so Karliczek, das bestehende Wissen schnell zusammenzuführen sowie die Gesundheitsforschung im Kampf gegen die Spätfolgen einer Covid-19 Erkrankung zu stärken und bestmöglich auszustatten. Dabei gehe es zum einen darum, die Spätfolgen besser zu charakterisieren. Zum anderen aber auch um die Entwicklung verbesserter Therapiekonzepte für die ambulante Versorgung oder Rehabilitation. In beiden Fällten spiele die Universitätsmedizin in Deutschland eine zentrale Rolle.

Wissen zusammentragen, Daten auswerten

Bereits im letzten Jahr hatten sich die 36 Universitätskliniken in Deutschland zu einem Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) gegen COVID-19 zusammengeschlossen. Ziel: Das gemeinsame Wissen zur Behandlung von COVID-19 Patientinnen und Patienten zusammenzutragen. Das BMBF unterstützt das Netzwerk derzeit mit bis zu 150 Millionen Euro.

Im Hinblick auf das Post-Covid Syndrom hat das NUM mit dem Projekt „NAPKON“ eine ganz besondere Bedeutung. Ziel des mit rund 30 Millionen Euro geförderten Vorhabens ist der Aufbau einer nationalen Plattform mit drei unterschiedlichen Covid-19 Patientenkohorten. In diesen werden bundesweit systematisch und nach einheitlichen Standards klinische Daten, Bioproben und Bildgebungsdaten von akut erkrankten bzw. genesenen Covid-19- Patientinnen und -Patienten erhoben und in einer gemeinsamen Datenbank zusammenführt. Dadurch kann der Krankheitsverlauf von Covid-19 erfasst und der Zusammenhang mit Komorbiditäten und weiteren gesundheitlichen Parametern sowie den Spätfolgen untersucht werden. Insgesamt sollen in den verschiedenen Kohorten am Ende 36.000 Patientinnen und Patienten eingeschlossen werden.