Lungenkrebs: „Es werden tausende Lebensjahre verschenkt“

Ein Blick auf die Gene von Lungenkrebspatienten kann deren Leben deutlich verlängern: Denn die molekulare Diagnostik kann Schwachstellen der Tumore aufdecken. Doch bisher werden zu wenige Erkrankte getestet, sagt der Kölner Krebsforscher Jürgen Wolf.

In 80 Prozent der Fälle wird Lungenkrebs erst erkannt, wenn er bereits unheilbar ist. Eine personalisierte Therapie kann helfen, das Leben der Erkrankten deutlich zu verlängern.

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Bmbf.de: Herr Wolf, Lungenkrebs ist weltweit der häufigste tödliche Tumor. Wie kommt das?

Jürgen Wolf: Die Häufigkeit der Erkrankung hängt natürlich mit dem Rauchen zusammen. Die hohe Sterblichkeit liegt daran, dass der Krebs in etwa 80 Prozent der Fälle erst erkannt wird, wenn er bereits unheilbar ist. Die Behandlung zielt dann vor allem darauf ab, die Lebenszeit bei guter Lebensqualität zu verlängern. Hier gibt es jedoch noch große Unterschiede zwischen den Patienten.

Was heißt das?

Lungenkrebs – aber auch andere Krebsarten – sind Krankheiten des Erbguts. Die Ursache für das bösartige Wachstum sind Genmutationen, also Veränderungen in den Erbinformationen der Zellen. Im Muster dieser Mutationen unterscheiden sich nun die einzelnen Patienten. Wir sprechen daher nicht einfach vom Lungenkrebs: Je nach Mutationsmuster lassen sich die Tumoren in verschiedene Untergruppen einteilen – und unterschiedlich behandeln.

Professor Jürgen Wolf leitet das „Centrum für Integrierte Onkologie“ (CIO) an der Universitätsklinik Köln. Universitätsklinik Köln

Können Sie das genauer erklären?

Die Mutationen treiben nicht nur den Krebs an. Sie sind hierdurch auch seine Achillesferse. Wenn man sie gezielt angreift, kann man verhindern, dass der Tumor weiter wächst. Das heißt, die molekulare Diagnostik ist zunehmend für den Erfolg der Therapie entscheidend. Leider werden immer noch zu wenige Patienten  auf diese Mutationen getestet. Es werden tausende Lebensjahre verschenkt.

Aber Sie wollen das ändern…

Genau. Wir haben mit der Unterstützung der Deutschen Krebshilfe und einiger Krankenkassen das nationale Netzwerk Genomische Medizin gegründet, indem die molekulare Diagnostik, Beratung und Bewertung der Daten an spezialisierten Zentren vorgenommen wird. Die Patienten können aber weiterhin heimatnah bei den regionalen Netzwerkpartnern betreut werden. So hoffen wir, dass bald alle Patienten in Deutschland von dem atemberaubenden Fortschritt in der molekularen Medizin profitieren.

Wie erfolgreich sind Sie mit der „maßgeschneiderten“ Therapie?  

Wir sind noch weit weg von einer Heilung – aber wir bewegen uns langsam hin zu einer chronischen Erkrankung. Wir konnten in unserem Kölner Netzwerk zeigen – und diese Ergebnisse sind mittlerweile auch international bestätigt–, dass Patientinnen und Patienten dank der molekularen Diagnostik und der anschießenden personalisierten Therapie deutlich länger leben können. In einzelnen Untergruppen liegt die durchschnittliche Überlebenszeit jetzt schon deutlich über 5 Jahre – und das bei guter Lebensqualität. Im Vergleich: Mit einer Chemotherapie überleben die meisten Patienten knapp ein Jahr.

Was muss sich ändern, damit mehr Menschen von der neuen Therapie profitieren?

Wir haben im internationalen Vergleich ein sehr leistungsfähiges Gesundheitssystem. Aber beim Innovationstransfer sind wir noch zu langsam. Gerade in der Krebsmedizin, wo die Patienten wenig Zeit haben, müssen neustes Forschungsergebnisse und Therapien schneller beim Patienten ankommen. Daher freut es mich, dass dieser schnelle Transfer ein Ziel der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ ist. Ich erhoffe mir, dass die enge Verzahnung von Forschung und Versorgung, wie wir sie im nationalen Netzwerk Genomische Medizin jetzt für Lungenkrebs aufbauen, auch konsequenter in der gesamten Krebsmedizin gefördert wird.

Herr Wolf, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Zur Person

Jürgen Wolf ist Leiter des „Centrums für Integrierte Onkologie“ (CIO) an der Universitätsklinik Köln und ein Sprecher des „Nationalen Netzwerks Genomische Medizin Lungenkrebs“ (nNGM). Über das bundesweite Netzwerk sollen künftig alle Patientinnen und Patienten in Deutschland mit fortgeschrittenem Lungenkrebs Zugang zu molekularer Diagnostik und innovativen Therapien erhalten. Das nNGM ist eine Weiterentwicklung des Kölner „Netzwerks Genomische Medizin“, das Jürgen Wolf und sein Kollege Reinhard Büttner im Jahr 2010 gegründet haben.