"Luthers Bildungsverständnis beeinflusst uns noch heute"

Die Reformationshistorikerin Irene Dingel über die Aufnahme ausgewählter Schriften Martin Luthers in das UNESCO-Dokumentenregister, das Schwarze Brett der Universität Wittenberg und über das Buch als Massenmedium. Ein Interview mit bmbf.de

Gedächtnis der Menschheit: Handexemplar Luthers der Hebräischen Bibelausgabe, Brescia 1494. Es befindet sich in der Staatsbibliothek zu Berlin. Luther hatte diese Bibel mit Randbemerkungen jüdischer Gelehrter antiquarisch erworben. Er nutzte es sowohl für seine Auslegungstätigkeit als auch für seine Bibelübersetzung. © Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Signatur: Inc. 2840
Irene Dingel ist Reformationshistorikerin und Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz © Henning P.Juergens

Frau Professor Dingel, was fasziniert Sie eigentlich an Martin Luther und seinen Schriften?

Martin Luther war ein Kind seiner Zeit, zutiefst überzeugt davon, dass sich das Dasein der Menschen abspielt auf einer Lebensbühne, die durch das Ringen zwischen Gott und Teufel, zwischen Gut und Böse bestimmt ist. Zugleich aber wies er in dem, was er lehrte, weit über seine Zeit hinaus. Luther war eine absolut außergewöhnliche Person, an der sich bis heute die Geister scheiden. Er war mutig, kritisch, sprachgewandt, ein guter Tröster und Seelsorger, hochgelehrt, natürlich manchmal auch ruppig und in manchen Dingen – vor allem aus unserer heutigen Perspektive – ungerecht und ungebührlich scharf. All diese vielen Facetten lassen sich in seinen Schriften wiederfinden.

14 Dokumente Luthers sind pünktlich zum 500. Reformationsjubiläum in das UNESCO-Dokumentenregister aufgenommen worden. Die Auswahl erfolgte durch Sie und Ihr Institut, das vom Bundesforschungsministerium intensiv gefördert wird. Wie sind Sie vorgegangen?

Wir wollten solche Schriften in das Weltdokumentenerbe, das Memory of the World-Register, aufnehmen lassen, die den Beginn und die frühe, Grenzen überschreitende Entfaltung der Reformation dokumentieren, wie sie damals von Martin Luther und von der Stadt Wittenberg ausging. An diesen Schriften wird deutlich, wie sich ein durch Luther angestoßener religiös-kirchlicher Impuls allmählich zu einem gesellschaftlichen und politischen Gesamtphänomen von globaler Reichweite entwickelte. Die Dokumente zeigen zugleich, wie im Zuge der Reformation immer mehr die Schwelle von der Handschrift zum Buchdruck überschritten wird. Zudem gab es auch formale Kriterien für die Auswahl, wie die Einzigartigkeit der historischen Quelle  und andere. Und wir haben versucht, möglichst viele unterschiedliche Textgattungen zu berücksichtigen.

Was bedeutet es, dass die Schriften Luthers in dieses Gedächtnis der Menschheit aufgenommen werden?

Es ist eine Erinnerung daran, dass die christliche Religion und die Reformation mit ihren vielfältigen Wirkungen in Kirche und Frömmigkeit, Gesellschaft und Kultur, Politik und Recht nicht nur zum Erbe Europas, sondern tatsächlich zum Erbe der gesamten Menschheit gehört - und das dieses kulturelle Erbe bis heute prägend ist. Davon abgesehen ist es immer nützlich, sich der eigenen Geschichte zu vergewissern und sich klar zu machen, dass wir auf den Schultern wirkmächtiger Vorgänger stehen und dass die Verhältnisse, in denen wir heute leben, Produkte einer vielfältigen historischen Entwicklung sind. Die Reformation Martin Luthers ist ein Teil davon.

Kann jeder diese Dokumente einsehen und studieren? 

Alle in das Weltdokumentenerbe aufgenommenen Dokumente müssen – so die Regel – frei zugänglich sein. Die besitzenden Institutionen verpflichten sich dazu. Zu den aufgenommenen Dokumenten gehören unter anderem Luthers Römerbriefvorlesung von 1515/16, die 95 Thesen vom 31.10.1517, das Septembertestament von 1522 und die Deutsche Bibel von 1534. Die vollständige Liste der Dokumente sowie weitere Informationen ist im unter http://www.ieg-mainz.de/memory-of-the-world zu sehen.

Besonders berühmt sind ja die 95 Thesen, die Luther angeblich an die Wittenberger Schlosskirche angeschlagen hat... 

Ob die 95 Thesen am 31. Oktober 1517 an die Schlosskirchentür, das Schwarze Brett der Universität Wittenberg, angeschlagen oder von Luther lediglich an Erzbischof Albrecht von Mainz versandt wurden, ist eine Frage, die immer wieder neu diskutiert wird. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Luther seine Thesen durch Anschlag bekannt machte. In seinen Thesen äußerte er Überlegungen, die für die Reformation richtungweisend wurden. Er stellte den käuflich oder durch Frömmigkeitsübungen erworbenem Ablass der wahren Herzensreue und –buße gegenüber, und er stellte die Existenz des Fegefeuers mangels biblischer Belege infrage.

Luther nutzte Flugblätter und Plakate. Wie wichtig war es ihm, dass er gehört und gelesen wurde?

Der Buchdruck war tatsächlich das Massenmedium und das Massenkommunikationsmittel der damaligen Zeit schlechthin. Zwar konnten nur wenige Menschen lesen, aber man las die Texte vor oder erschloss sich reformatorische Inhalte über die Bilder der illustrierten Flugblätter. Es war übrigens weniger Luther selbst, als vielmehr die Drucker, die für die enorme Verbreitung der Schriften des Reformators sorgten. Sie rissen ihm die Texte regelrecht aus der Hand, um sie zum Druck bringen zu können. Es entstanden überall zahlreiche Nachdrucke. Kaufleute nahmen die Schriften Luthers über die Grenzen nach Hause mit und verbreiteten sie so im Ausland. All das hatte ein großen multiplikatorischen Effekt.

Die Reformation hat ja nicht nur die Kirche grundlegend verändert: Sie war der Beginn einer neuen Epoche. 

In der Tat haben die Schriften Luthers und seine hierin entfaltete Theologie viel bewegt. Es beginnt damit, dass er nur die Heilige Schrift, das heißt das Wort Gottes, als höchste Autorität für Glauben und Leben anerkennen wollte. Alle anderen vermeintlichen Autoritäten lehnte er ab. Außerdem stellte er die damalige Gliederung der Gesellschaft in einen höherwertigen geistlichen und einen weltlichen Stand in Frage. Luther stellte heraus, dass die weltlichen Verantwortlichkeiten in Familie, Gesellschaft und Politik vor Gott genauso viel wert seien wie die geistlichen Verrichtungen in Kirche und Kloster. Das wertete den „Beruf“ mit seinen Verantwortlichkeiten im Dienste des Nächsten und der Allgemeinheit ebenso auf wie das Leben in Ehe und Familie gegenüber der klösterlichen Ehelosigkeit, die man bisher als höher und gottwohlgefälliger eingestuft hatte.

Wie bedeutet das für Luthers Bildungsverständnis? 

Luthers Bildungsverständnis leitet sich im Grunde aus dieser neuen Sicht auf den Menschen in seinem Verhältnis zu Gott ab. Wenn Luther nur noch die Heilige Schrift als oberste Autorität und Richtschnur für Leben und Lehre sowie als jenen Ort gelten ließ, an dem sich Gott von den Menschen finden ließ, dann musste jeder unterschiedslos in der Lage sein, sie zu lesen. Außerdem: Wenn alle Glieder der Gesellschaft in ihren jeweiligen Verantwortlichkeiten in Familie, Gesellschaft, Politik als gleichwertig vor Gott anzusehen sind und für den Erhalt einer guten Ordnung eintreten, dann brauchen sie Bildung.

Würden Sie sagen, das beeinflusst uns noch heute?

Ja, in der Tat. Wir brauchen kompetente Menschen in allen Bereichen, in Kirchen, Gesellschaft und Politik. Dabei ist nicht nur die fachliche Kompetenz wichtig, sondern auch die damit in Verbindung stehende Verantwortung für das, was wir für uns und andere versuchen zu leisten. Wichtig ist bis heute darüber hinaus etwas, was sowohl Luther als auch sein Gesinnungsgenosse und Freund Philipp Melanchthon in Wittenberg betont haben, nämlich Sprachenkenntnis und guter Umgang mit der Sprache. Dies dient nämlich nicht nur dem Erschließen des uns prägenden geschichtlichen und kulturellen Erbes, sondern auch dem funktionierenden Miteinander.

Warum ist es wichtig, dass das Bundesforschungsministerium auch die Geisteswissenschaften und Institute wie Ihres in Mainz fördert?

Geisteswissenschaften tragen dazu bei, uns das kulturelle Erbe zu erschließen und zu erhalten. Sie ermöglichen, insbesondere durch ihre historischen Forschungen, wichtiges Orientierungswissen bereitzustellen, das dazu beitragen kann, gegenwärtige Problemstellungen und Herausforderungen historisch abzuleiten, zu verstehen, in die Zusammenhänge einzuordnen und zu bewältigen. Die Verfügung über Orientierungswissen ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Lösungsfindung. Geisteswissenschaften sind außerdem wichtige Vermittler von Werten und kulturellen Normen, derer sich jede Epoche – in Freiheit – neu vergewissern muss.