"Man darf Malaria nicht den freien Lauf lassen"

10 Wochen konnten Tübinger Wissenschaftler Probanden mit einem neuen Impfstoff vor Malaria schützen. Wie ihnen das gelang und welche Ziele noch vor den Forschern liegen, erzählt Tropenmediziner Benjamin Mordmüller im Interview mit bmbf.de.

Malariaimpfstoff
Eine erste klinische Studie belegt den Erfolg des Impfstoffes der Tübinger Forscherinnen und Forscher: Probanden waren über 10 Wochen lang vor Malaria geschützt. © Universität Tübingen/Paul Mehnert
Malariaimpfstoff
Die Tropenmediziner immunisieren die Probanden, indem sie ihnen intakte und lebendige Malariaerreger spritzen. Bevor diese ins Blut über gehen, stoppen die Mediziner ihre Vermehrung. © Universität Tübingen/Paul Mehnert

Bmbf.de: Herr Professor Mordmüller, Sie arbeiten an einem Impfstoff gegen Malaria. Ist die Krankheit bald besiegt?

Benjamin Mordmüller: Das ist sehr unwahrscheinlich. Schon heute müsste kein Mensch an Malaria sterben. Aber eine Chance, Malaria zu kontrollieren oder gar komplett zu verdrängen, wird es nur durch ein erfolgreiches Zusammenspiel verschiedener Methoden geben: Frühe Diagnose und Therapie sowie Vektorkontrolle und Impfungen.

Warum ist die frühe Diagnose wichtig?

Benjamin Mordmüller
Benjamin Mordmüller leitet eine Arbeitsgruppe am Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen. Das Ziel der Arbeitsgruppe ist die Entdeckung und Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung und Prävention von Infektionserkrankungen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf neuen Arzneimitteln zur Therapie und Prophylaxe der Malaria. © Universitätsklinikum Tübingen

In ihrer Frühform ist eine Malariaerkrankung nur im Labor von anderen fieberhaften Erkrankungen wie einer Grippe zu unterscheiden – kann aber unbehandelt innerhalb von Tagen zum Tod führen. Das ist ein großes Problem – besonders, da Malaria eine Armutskrankheit ist. In vielen Ländern Afrikas mangelt es an medizinischer Infrastruktur und damit der Möglichkeit früh einzugreifen. Wir müssen dabei helfen, diese Strukturen zu verbessern. Denn eine frühzeitige Diagnose und Behandlung kann Leben retten.

Was bedeutet Vektorkontrolle?

Vereinfacht: Mücken, die Malaria und andere Krankheiten übertragen, vom Stechen abzuhalten! Das fängt mit Insektensprays oder -netzen an und reicht bis zur Genmanipulation der Mücken. Letzteres, also der Versuch, Mücken so „umzuprogrammieren“, dass sie keine Krankheiten übertragen oder steril werden, hat bisher in Afrika nicht gut funktioniert. Das konnte man bis vor Kurzem allerdings auch von Malariaimpfstoffen sagen.

…hierbei haben Sie kürzlich einen Erfolg erzielt?

Ja, bei einer ersten klinischen Studie in Deutschland konnten wir mit unserem Impfstoff Probanden über 10 Wochen vor Malaria schützen.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Wir haben das älteste Prinzip der Impfstoffentwicklung wiederaufgenommen: die Inokulation. Das heißt, wir spritzen den Probanden intakte und lebendige Malariaerreger. Dabei nutzen wir eine Besonderheit des Lebenszyklus des Erregers aus: Nach der Injektion der Malariaerreger vermehren sie sich für etwa eine Woche in der Leber, ohne eine Krankheit hervorzurufen. Danach gehen sie ins Blut über, wo wir ihre Vermehrung mit Medikamenten sofort stoppen. So immunisieren wir die Probanden, bis das Immunsystem ein „Gedächtnis“ aufbaut, um die Erreger in der Leber zu erkennen und abzuwehren. Das testen wir, indem wir die Probanden nach etwa drei Monaten noch einmal richtig infizieren.

Sie infizieren also Menschen mit Malaria… Ist das nicht gefährlich?

Nein, solange die Erreger nicht ins Blut übergehen und sich dort unkontrolliert vermehren und damit zu der Erkrankung Malaria führen, ist die Infektion ungefährlich. Wir stoppen die Erkrankung wie gesagt rechtzeitig vor dem Ausbruch. Man darf Malaria nur nicht den freien Lauf lassen!

Welche Ziele liegen jetzt noch vor Ihnen?

In laufenden Studien untersuchen wir, wie sich der Schutz über einen längeren Zeitraum entwickelt und ob er auch gegen natürlich erworbene Malaria in Afrika wirkt. Dazu starten wir in Kürze eine größere Studie am Centre de Recherches Médicales (CERMEL) in Lambaréné in Gabun. Dort wollen wir die Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit an Kindern prüfen.

Warum gerade an Kindern?

Während Erwachsene aus den von Malaria betroffenen Regionen Afrikas die Erkrankung durch eine erworbene Teilimmunität meist unbeschadet überstehen, sind es vor allem Kinder, die daran sterben. Ein guter Impfstoff muss also zu allererst Kinder schützen!

Wie gehen Sie dabei vor?

In unseren Studien in Deutschland haben wir an gesunden Erwachsenen getestet, wie oft und in welcher Dosis wir unseren Impfstoff verabreichen müssen, um den bestmöglichen Schutz zu erzeugen. Und wie gesagt: Jetzt müssen wir erproben, ob unsere Ergebnisse dazu geeignet sind, Kinder gegen natürlich erworbene Malaria zu schützen. Um das Risiko gering zu halten, testen wir unseren Impfstoff erst an gesunden Schulkindern. Später sollen kleine Kinder sowie Risikogruppen – beispielsweise mit HIV infizierte Kinder – folgen.

Was erhoffen Sie sich als Ergebnis?

Unser Ziel ist es, die Kinder mindestens ein Jahr lang vor Malaria zu schützen. In den nächsten zwei Jahren werden wir sie medizinisch begleiten. Dann wird sich zeigen, wie gut unser Impfstoff wirklich ist.

Forschung für die globale Gesundheit

Das Bundesforschungsministerium unterstützt die Entwicklung des Malariaimpfstoffes im Rahmen des Förderkonzepts „Globale Gesundheit im Mittelpunkt der Forschung“. Darin enthalten ist auch die Unterstützung der „European and Developing Countries Clinical Trials Partnership (EDCTP)“, von Produktentwicklungspartnerschaften sowie die Förderung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung.