"Mehr Alltagskunde in der Schule wäre gut"

Johanna Wanka wünscht sich mehr Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland und hofft auf mehr Alltagskunde in den Schulen. Ein Gespräch mit der Passauer Neuen Presse.

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Das Interview im Wortlaut:

Passauer Neue Presse: Der neue  Migrationsbericht der Bundesregierung zeigt, dass Deutschland als Einwanderungsland so beliebt ist wie nie zuvor. Kommen wirklich die zu uns, die wir als Fachkräfte dringend brauchen?

Johanna Wanka: Es kommen sehr viele hervorragend Qualifizierte zu uns. Für alle, die gut ausgebildet sind, haben wir die Möglichkeiten verbessert, sich hier in Deutschland niederzulassen. Das liegt auch an unserem Anerkennungsgesetz. Es gibt einen Rechtsanspruch auf Beurteilung und gegebenenfalls Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Das müssen wir noch starker bekannt machen. Ich wünsche mir, dass noch mehr Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland kommen.

Eine Schülerin hat jüngst mit einem Tweet eine bundesweite Schul-Debatte ausgelöst. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, meldete sie sich zu Wort. Bereitet unsere Schule nicht richtig auf das Leben vor?

Ich habe keinen Grund für eine pauschale Schelte, das wäre unfair. Dennoch: Da ist noch Luft nach oben. Ich wünsche mir, dass Schulen stärker alltagstaugliche Fragen behandeln. Viele Schüler wünschen sich da eine Hilfestellung. Da geht es um Kenntnisse, die man braucht, wenn man zum Beispiel einen Handyvertrag abschließen will oder eine Versicherung. Etwas mehr Alltagskunde in der Schule wäre gut!

Immer mehr junge Menschen in Deutschland zieht es an die Hochschulen. Inzwischen gibt es sogar mehr Studienanfänger als Azubis. Ein Grund zur Freude für die Bundesbildungsministerin?

Deutschland ist Jahre lang gescholten worden, dass bei uns Studierneigung und Akademikerquoten immer noch zu gering seine. Das hat sich inzwischen massiv geändert. Die geburtenstarken Jahrgänge drängen jetzt an die Universitäten und haben dort beste Chancen. Dafür sind mit dem Hochschulpakt die Voraussetzungen geschaffen worden.

Der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin spricht von einem „Akademisierungswahn“, der sich zunehmend breitmacht…

Jeder, der es möchte und es schaffen kann, sollte studieren können. Von Akademisierungswahn kann keine Rede sein. Aber wenn wir auf Dauer mehr Studenten haben als Auszubildende, ist das langfristig sicher problematisch. Für mich ist es deshalb ganz wichtig, die duale Berufsausbildung zu stärken.

Ungefähr ein Drittel der Studenten schmeißt hin. Welche Angebote machen Sie diesen jungen Menschen?

Zum einen leisten wir an den Hochschulen Unterstützung, die Abbrecherzahlen zu senken. Wir müssen gleichzeitig den mehreren Zehntausend jungen Männer und Frauen, die unsere Hochschulen ohne Abschluss verlassen, ein Angebot machen. Wenn es an der Uni oder Fachhochschule für sie nicht funktioniert hat, brauchen sie eine zweite Chance. In Deutschland wird ein Studienabbruch leider immer als Mangel gesehen, der einen das ganze Leben begleitet. Das muss aber gar nicht so sein. Die Erfahrungen aus einem Hochschulstudium können in einen dualen Ausbildung genutzt werden.

Am heutigen Donnerstag wollen Sie mehrere Projekte für Studienabbrecher vorstellen – auf welche Hilfen setzen sie?

Mit unserem Programm Jobstarter plus fördern wir ab jetzt 18 regionale Projekte zur Integration von Studienabbrechern in die berufliche Bildung. Dabei geht es darum, Studienabbrecher mit den Betrieben zusammenzubringen und über Ausbildungsperspektiven zu informieren. In vielen Branchen ist man glücklich über Quereinsteiger, die akademisches Wissen mitbringen – auch ohne abgeschlossenes Studium.

Planen Sie Änderungen der Ausbildungsordnungen, um die betriebliche Lehre für Studienabbrecher zu verkürzen?

In den Ausbildungsordnungen gibt es diese Möglichkeiten bereits. Wir werden uns sehr genau anschauen, wie gut Anerkennung und Anrechnung von Leistungsnachweisen aus einem abgebrochenen Studium in der Praxis funktionieren. Wenn es nötig sein sollte, bin ich gerne bereit, mich zu engagieren.

Die Fragen stellte Rasmus Buchsteiner.