„Mehr Transparenz soll her"

Neue Fortbildungsstufen, Mindestausbildungsvergütung, Teilzeitausbildung: Damit setzen wir ein starkes Zeichen. "Die duale Berufsbildung muss sich hinter der akademischen Bildung nicht verstecken", sagt Ministerin Karliczek dem "personalmagazin".

"Unsere Wirtschaft braucht qualifizierte Nachwuchskräfte – sowohl akademisch als auch beruflich ausgebildete", sagt Ministerin Anja Karliczek. © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview ist im September 2019 im "personalmagazin" erschienen. Die Fragen stellte Daniela Furkel.

Frau Karliczek, Sie haben 2019 zum „Jahr der Berufsausbildung“ erklärt. Doch die duale Ausbildung ist in der Krise, die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze ist im vergangenen Jahr auf 57.700 angestiegen. Ist das duale System mangels Bewerberzahlen bald am Ende?

Wir haben in Deutschland zwei attraktive Bildungswege: die berufliche und die akademische Bildung. Das ist nicht nur eine besondere Stärke, um die uns viele Länder beneiden, sondern die duale Ausbildung wird nach wie vor hoch geschätzt. Das zeigen auch die Zahlen, denn es wurden mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen: Im Vergleich zum Vorjahr haben mehr Betriebe einen Ausbildungsplatz angeboten. Und es haben sich auch mehr Jugendliche für eine Ausbildung entschieden.  Es stehen über 300 anerkannte duale Ausbildungsberufe für anspruchsvolle Aufgaben zur Wahl: in der Industrie, im Handwerk, im Dienstleistungs- und Medienbereich oder in neuen  Feldern wie dem Online-Handel. Alle Ausbildungsberufe haben eins gemeinsam: den starken Praxisbezug. Egal, ob sich junge Menschen für eine Ausbildung oder ein Studium entscheiden – oder beides im Lauf ihrer Karriere miteinander kombinieren: Jeder soll den Weg gehen, der am besten passt. Die berufliche Bildung ist hier in besonderer Weise geeignet, eine große Bandbreite an individuellen Talenten zu integrieren und zu fördern. Der Einstieg ist mit und ohne Abitur möglich. Darüber hinaus bietet die höherqualifizierende Berufsbildung vielfältige Aufstiegsmöglichkeiten im Anschluss an die Ausbildung – zum Beispiel zum Fachwirt oder Meister.

Inwiefern kann die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes den Attraktivitätsverlusten der beruflichen Ausbildung begegnen?

Mit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes passen wir die berufliche Bildung an neue Entwicklungen an und machen sie fit für die Zukunft. Erstmals wird es eine Mindestvergütung für Auszubildende geben. Sie liegt ab 2020 bei 515 Euro im 1. Lehrjahr. Bis 2023 soll sie auf 620 Euro steigen. Diese Einstiegsvergütung erhöht sich jeweils im zweiten, dritten und vierten Ausbildungsjahr, denn die Auszubildenden tragen immer mehr zur betrieblichen Wertschöpfung bei. Die Mindestvergütung drückt einerseits die Wertschätzung für die Arbeit der Auszubildenden aus. Die Beträge sind andererseits so gewählt, dass die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe erhalten bleibt. Mit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes führen wir außerdem international anschlussfähige Fortbildungsbezeichnungen ein. Das erhöht die Karriere- und Mobilitätschancen auf dem weltweiten Arbeitsmarkt. Außerdem soll es einfacher werden, eine Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren: Nicht nur für Alleinerziehende und für die, die gleichzeitig Angehörige pflegen. Auch für Menschen mit Behinderung und für diejenigen, denen das Lernen schwerer fällt. Und für die Leistungsstarken, die eine Ausbildung mit anderen Dingen verbinden möchten. Mit diesen neuen Möglichkeiten setzen wir ein starkes Zeichen: Die duale Berufsbildung muss sich hinter der akademischen Bildung nicht verstecken. Wir bringen mehr Flexibilität ins System und stärken die Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung.

Die BBiG-Novelle sieht als Abschlüsse „Berufsspezialist“, „Bachelor Professional“ und „Master Professional“ vor – auf der anderen Seite stehen die Bachelor- und Masterabschlüsse der Hochschulen. Sollen durch die Einführung der neuen Bezeichnungen die Grenzen zwischen dualer Ausbildung und Studium bewusst verschwimmen? Ist nicht zu befürchten, dass sich dann noch weniger junge Leute für eine berufliche Ausbildung entscheiden?

Im Gegenteil: Mehr Transparenz soll her. Ich möchte, dass genau sichtbar wird, wohin eine Fortbildung führt. Das ist aktuell nicht immer eindeutig zu erkennen. Jeder kennt den Handwerksmeister. Viele der übrigen Abschlüsse sind in der Öffentlichkeit aber nur wenig bekannt – obwohl sie derselben Stufe wie ein Bachelor- oder sogar Master-Abschluss zugeordnet werden. Abschlussbezeichnungen, die auch im Ausland verstanden werden, bieten internationale Karriereperspektiven. Bei all dem wird die Eigenständigkeit der beruflichen Fortbildungsabschlüsse klar gewahrt. Durch den Zusatz „Professional“ sind die neuen Abschlussbezeichnungen eindeutig von den Bachelor- und Master-Abschlüssen der Hochschulen zu unterscheiden.

Wo bleibt der „Meister“? Wird der mit den neuen Abschlüssen verschwinden?

Der Meistertitel bleibt als Abschlussbezeichnung erhalten. Der „Meister“ ist als zentraler Titel des Handwerks bereits gesondert vor missbräuchlicher Verwendung geschützt und national wie international als eigenständige Marke bekannt. Die neue Abschlussbezeichnung „Bachelor Professional“ kann zusätzlich geführt werden, um den bestehenden Titel zu stärken und international noch sichtbarer zu machen.

Ein weiterer Bestandteil der BBiG-Novelle ist die Mindestvergütung für Azubis. Stellt das die Arbeitgeber nicht vor weitere Probleme? Ein Azubi mit einem Mindestlohn von 515 Euro, der zusätzlich Sozialabgaben abführen muss, hat weniger Geld zur Verfügung als ein Fachschüler mit Bafög-Anspruch. Das spricht aus Sicht der Jugendlichen doch dafür, lieber eine Schule zu besuchen als eine Berufsausbildung zu absolvieren.

Auszubildende tragen in den Betrieben zur Wertschöpfung bei. Das verdient Anerkennung und muss entsprechend vergütet werden. Dabei sind wir gemeinsam mit den Sozialpartnern zu einer austarierten Lösung gekommen: Auszubildende werden vor unfairen Vergütungen geschützt. Für die Betriebe ist die Mindestvergütung wirtschaftlich tragfähig, sodass sie sich nicht aus der Ausbildung zurückziehen. Unabhängig von dieser unteren Haltelinie zahlen viele Betriebe jetzt schon mehr, um Auszubildende für sich zu gewinnen. Ich denke, für die meisten Auszubildenden sind die kurzfristigen Verdienstaussichten nicht das Hauptkriterium, sondern wichtiger ist, was nach der Ausbildung passiert. 74 Prozent der Auszubildenden werden von ihrem Betrieb übernommen. Die jungen Leute wechseln somit nahtlos in die Beschäftigung. Vielfältige Karriereoptionen schließen sich an. Davon können andere Bildungswege nur träumen.

Die Welt dreht sich in Zeiten der Digitalisierung immer schneller, dementsprechend schnell wandeln sich heute die Berufe. Wie müssen sich die Lehrpläne für und Qualifikationsanforderungen an Azubis ändern, damit sie marktgerechtes Know-how erwerben?

Wenig ist so beständig und dabei so wandelbar wie das duale Ausbildungssystem in Deutschland. Es ist offen für neue technologische Verfahren und Entwicklungen und daher flexibel und anpassungsfähig an die jeweiligen betrieblichen Anforderungen. Gleichwohl werden Ausbildungsordnungen kontinuierlich auf den Prüfstand gestellt und bedarfsorientiert modernisiert. Dies geschieht nicht „am grünen Tisch“, sondern unmittelbar ausgerichtet am Bedarf der Betriebe. Und damit auch in enger Zusammenarbeit mit Sozialpartnern, Wirtschaftsverbänden und Sachverständigen aus der betrieblichen Praxis. Darauf abgestimmt entwickelt die KMK (u.a. mit Lehrkräften der Berufsschulen) die in Länderzuständigkeit fallenden Rahmenlehrpläne für die Berufsschule. Dieses Zusammenspiel ist ausschlaggebend für die Einzigartigkeit unseres Berufsbildungssystems im internationalen Vergleich.

Wie ist es möglich, dass Berufsbilder schneller an die aktuellen Anforderungen angepasst werden? 2018 wurde der Ausbildungsberuf „Kaufmann/-frau im E-Commerce“ eingeführt. Das hätte auch schon vor zehn Jahren erfolgen können.

In Deutschland setzen wir auf eine fundierte Berufsausbildung. Nicht jeder Trend hat das Potenzial zum eigenständigen Berufsbild. Deshalb entstehen vollständig neue Berufe eher selten. Der Bereich des E-Business konnte in den vergangen Jahren sehr gut von den bestehenden Berufsbildern im kaufmännischen Bereich abgedeckt werden. Erst wenn sich die erforderlichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten so verändern, dass sie in den bisherigen Qualifikationsprofilen nicht abgebildet werden, entsteht ein neuer Beruf. Das ist mit dem Kaufmann im E-Commerce geschehen. Die Akzeptanz ist groß und darüber freue ich mich sehr. Wahrscheinlich wird es bei den Elektroberufen des Handwerks durch die Entwicklungen zum „Smart Home“ wieder geschehen.

Ein Problem der Berufsausbildung ist auch, dass der Eindruck besteht, in deutschen Unternehmen nur als Akademiker die Karriereleiter hinaufsteigen zu können. Welche Ansätze gibt es, das zu ändern? Welche Erwartungen haben Sie an die Unternehmen, um das Standing der beruflichen Ausbildung zu verbessern?

Ein Blick in den Unternehmensalltag zeigt, dass dieser Eindruck täuscht. Viele Betriebe schätzen den hohen Wert einer Berufsausbildung. Sie legen Wert darauf, dass jemand in der Praxis stark ist, das Unternehmen gut kennt und sich weiterentwickelt hat. Nicht nur der Blick in die Praxis, sondern auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass mit einer beruflichen Qualifizierung auch der Weg in die Managementebene offen steht. Das ist natürlich in den meisten Fällen noch nicht direkt nach der Ausbildung möglich, sondern geschieht über gezielte Fortbildungen, die auf Positionen weit oben auf der Karriereleiter vorbereiten. Und dabei möchte ich helfen: Künftig soll mit dem Aufstiegs-BAföG ein Aufstieg Schritt für Schritt über alle drei neuen Fortbildungsstufen bis auf „Master-Niveau“ gefördert werden. Man soll also künftig das Aufstiegs-BAföG mehrfach in Anspruch nehmen können. Damit wollen wir Berufsbildungskarrieren noch besser fördern. Das gilt auch für Bachelorabsolventen oder Studienabbrecher, die sich im Beruf weiterentwickeln wollen. Rund 350 Millionen Euro wollen wir allein vom Bund in dieser Legislaturperiode zusätzlich investieren, um die Leistungen beim Aufstiegs-BAföG zu verbessern. Ein besonderer Fokus wird dabei auf die Unterhaltsförderung gelegt, die zukünftig als Vollzuschuss gewährt werden soll. Jungen Menschen stehen zahlreiche attraktive Wege offen. Wir müssen deren Gleichwertigkeit hervorheben. Die beruflichen Perspektiven sind so gut, wie lange nicht. Unsere Wirtschaft braucht qualifizierte Nachwuchskräfte – sowohl akademisch als auch beruflich ausgebildete.