"Mein Ziel ist es, die Bedingungen für junge Wissenschaftler zu verbessern"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, die richtige Balance zwischen befristeten und unbefristeten Verträgen und mehr Perspektiven für junge Familien. Ein Interview mit dem "DeutschlandRadio".

Interview mit Johanna Wanka
Interview mit Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Das Interview im Wortlaut:

Sandra Pfister: Wer Ende 30 ist, hat Gewissheit verdient, Gewissheit darüber, ob er mit Wissenschaft weiterhin sein Geld verdienen kann oder ob er umsatteln und in die freie Wirtschaft gehen muss. Deshalb ist das Wortungetüm namens Wissenschaftszeitvertragsgesetz eigentlich mal nett gemeint gewesen. Maximal zwölf, in der Medizin 15 Jahre, dürfen Forscher nach Abschluss ihres Studiums an der Hochschule forschen. Danach müssen sie eine Professur ergattert haben oder sie fliegen raus. Das soll ihnen die Chance geben, sich noch mal anderswo eine Existenz aufzubauen. In der Praxis allerdings haben die Hochschulen das Gesetz als eine Art Freibrief interpretiert, immer mehr befristete Stellen zu schaffen. Inzwischen hangeln sich die meisten Wissenschaftler von Zeitvertrag zu Zeitvertrag.

Damit soll nun Schluss sein. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hat heute eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes vorgestellt. Da werden sich die Hochschulen ganz schön umschauen. Mehr als die Hälfte aller Verträge, die dort abgeschlossen werden, laufen kürzer als sechs Monate. Solche extrem kurzen Verträge sind dann jetzt nicht mehr zulässig. Nehmen Sie da den Hochschulen nicht viel Flexibilität?

Johanna Wanka: Also, mein Ziel war es, die Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs, für die jungen Wissenschaftler zu verbessern, also mehr Sicherheit, mehr Planbarkeit. Und ein halbes Jahr ist natürlich keine Phase, in der man planen kann. Aber zum anderen sehe ich auch ein, auch aus ganz praktischer, langjähriger Erfahrung, dass die Hochschulen Flexibilität wollen. Und deswegen wird der Regelfall sein, dass sich jetzt Befristungen orientieren an der Länge der Qualifikationsphase, also Promotionsphase zum Beispiel, oder an der Länge der Drittmittelprojekte, es aber trotzdem auch möglich ist, auch Halbjahresverträge zur Überbrückung oder wenn sich ein spezieller Grund ergibt, zu machen. Also, es wird nicht ausgeschlossen, aber es ist dann keinesfalls mehr möglich, dass das in dieser Größenordnung wie bisher geschehen kann.

Pfister: Aber ansonsten ist eben auch die große Neuerung, es muss ein klares Etikett draufstehen, dieser Vertrag dient der Promotion, dient der Habilitation. Es muss einfach klar deklariert sein.

Wanka: Ja. Oder eben Drittmittelqualifizierung, steht jetzt richtig im Gesetz, muss auch nachgewiesen werden. Also die Begründung, der Begründungszwang hat sich erhöht.

Pfister: Bedeutet das nicht auch, dass die jungen Wissenschaftler dann viel weniger für die Lehre eingesetzt werden? Sie sollen sich ja auch mehr auf ihre Arbeiten konzentrieren. Dann werden Ihnen viele Hochschulen dafür nicht richtig dankbar sein.

Wanka: Nein. Sie bekommen die Verträge mit dem Qualifikationsziel, diese Möglichkeit, in der Zeit auch Lehrerfahrung und anderes zu sammeln, ist davon nicht betroffen oder wird dadurch nicht beschnitten.

Pfister: Bislang gab es immer dann besondere Probleme, wenn Wissenschaftlerinnen Kinder bekommen haben. Dann waren sie nämlich ganz schnell am Ende der zwölf Jahre angekommen, denn die effektiven Erziehungszeiten, die werden bislang nicht rausgerechnet. Ist das neue Gesetz da familienkompatibler?

Wanka: Ja. Diese Familienzeit, die so genutzten Zeiten werden noch ergänzt, also kommen noch oben drauf.

Pfister: Gibt es auch Elternzeitphasen, Elterngeldphasen? Fließt das auch alles ein?

Wanka: Man kann in der Qualifikationsphase ein Kind bekommen, man kann diese Regeln, die wir haben, also Elterngeld und so weiter in Anspruch nehmen, aber um die Zeiten verlängert sich dann die Möglichkeit eines Vertrages.

Pfister: Die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, die war dringend nötig. Es wird jetzt noch ein bisschen komplizierter, bis Ihr großes Paket zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durchkommt. Da streiten Sie ja noch mit dem Koalitionspartner SPD. Da werden Sie vielleicht auch noch viel Spaß mit den Ländern bekommen. Der größte Streitpunkt ist der sogenannte Tenure-Track. Sie wollen da sechsjährige Professuren nach amerikanischem Modell, wir haben darüber schon öfter berichtet. Und wenn man sich bewährt, dann wird daraus eine unbefristete Professur. Der Bund, Sie, würden die ersten sechs Jahre bezahlen, die Länder müssten dann die Dauerstelle bezahlen. Das wird also teurer für die Länder. Werden sie mitspielen?

Wanka: Da wissen Sie jetzt mehr als ich. Diese Details, wie lange wir zahlen, das ist natürlich im Moment der Gesprächskontakt, den wir mit den Ländern haben, aber alle Bundesländer wollten, als ich den Vorschlag gemacht habe, ein solches Tenure-Track-Programm, was einen Strukturwandel in Deutschland bedeutet, waren alle dran interessiert. Und wir haben eine Arbeitsgruppe sofort am nächsten Tag gegründet aus allen Staatssekretären, und die beraten jetzt.

Also, es ist kein Streitpunkt, es ist auch kein Thema, was wir jetzt im Bundestag regeln müssen, sondern wir müssen mit den Ländern gemeinsam einen Weg finden, wie wir in Deutschland das System, wie jemand in eine unbefristete Professur kommt, verändern. Das ist früher passiert, das ist nämlich ganz, ganz wichtig, das ist ein Nachteil, und dass es proportional auch mehr unbefristete Stellen gibt. Und über diese beiden Punkte sind wir in Verhandlungen mit den Ländern, und ich glaube, wir werden eine Lösung finden.

Pfister: Um noch mal nachzuhaken, es ist trotzdem recht unwahrscheinlich, dass Sie über die sechs Jahre hinaus die Tenure-Track-Professur bezahlen.

Wanka: Nein, wie wir es machen im Detail, wie viel Prozent von Anfang an, oder wer zahlt was, was sind die Bedingungen danach, das ist noch gar nicht festgelegt, das verhandeln wir jetzt mit den Ländern, und ich glaube, da muss man auch, ähnlich wie beim Hochschulpakt, vielleicht auch zugestehen, dass die Bedingungen in den Ländern sehr unterschiedlich sind. Das ist aber alles noch im Gespräch, und da denke ich, dass es intensive Verhandlungen sein werden. Aber Bund-Länder-Verhandlungen, die kenne ich.

Pfister: Sie kennen natürlich auch die Verhandlungen mit der SPD, um wieder auf die Bundesebene zurückzugehen. Die SPD, da geht es darum, ob es zusätzlich zu den Tenure-Track-Professuren auch noch Junior-Professuren geben soll. Die SPD sagt da ja, auf jeden Fall. Sie sind da ein bisschen skeptischer. Warum eigentlich? Ich meine, es ist doch toll, wenn es mehr Perspektiven für gute Wissenschaftler gibt.

Wanka: Die Junior-Professur finde ich als Karriereweg, als Instrument sehr gut, habe mich von Anfang an dafür engagiert. Nur wir haben jetzt die Situation, Frau Pfister, dass wir durch die Milliarden, die neu in das Hochschulsystem gekommen sind, in das Wissenschaftssystem, sehr, sehr viele befristete Stellen haben. Und Junior-Professuren sind letztendlich auch befristete Stellen. Und deswegen ist mein Interesse nicht jetzt da ein Programm mit zusätzlichen Junior-Professuren, sondern das Interesse ist, stärker zu erreichen, dass man frühzeitig weiß, über einen konkreten Weg, dass man in eine unbefristete und dass wir mehr unbefristete Stellen brauchen. Wobei die Balance zwischen befristet und unbefristet immer wichtig ist, aber da ist einiges aus dem Lot geraten. Und deswegen ist es nicht mein Ziel, zusätzlich befristete Stellen zu schaffen, sondern mehr Perspektiven, die planbar sind, die verlässlich sind und die dann auch für junge Familien die Möglichkeit bieten, sich lebenslang auf eine Wissenschaftlerkarriere im System vorzubereiten oder das zu haben.

Pfister: Planbar und verlässlich wären auch mehr feste, mehr Dauerstellen im Mittelbau, die es ja so in dieser Form seit Jahren gar nicht mehr gibt. Sind Sie dafür zu haben, wie die SPD das haben möchte?

Wanka: Dafür bin ich nicht nur zu haben, sondern das haben wir gemacht. Wir haben seit Anfang dieses Jahres über eine Milliarde Geld in alle Bundesländer gegeben. Das heißt, wenn Sie ein Land wie Niedersachsen sehen, steht im Haushaltsplan 110 Millionen für BAföG. Diese Gelder sind jetzt frei in allen Bundesländern, die entsprechenden Summen, unbefristet, dauerhaft werden die zur Verfügung gestellt. Und damit kann man Dauerstellen einrichten. Zum Beispiel, wenn man das als Bundesland möchte, für entsprechende Mittelbaustellen.

Pfister: Das war Johanna Wanka, mit der wir gesprochen haben, die Bundesministerin für Bildung und Forschung, denn sie hat heute ein neues Wissenschaftszeitvertragsgesetz auf den Weg gebracht, das demnächst verabschiedet werden wird vom Bundestag. Danke Ihnen herzlich, Frau Wanka!

Wanka: Vielen Dank auch!

Das Gespräch mit Bundesministerin Johanna Wanka im "DeutschlandRadio" führte Sandra Pfister am 7. Juli 2015