Meister: „Wir wollen einen Wettbewerb von Technologien und Konzepten“

„Bisher war die Energiewende primär eine Stromwende“, sagt Staatssekretär Michael Meister bei der Verleihung des Innovationspreises der Deutschen Gaswirtschaft. „Nun wollen wir diese um eine Wärme- und Verkehrswende ergänzen“, so Meister.

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Michael Meister, zur Verleihung des Innovationspreis der Deutschen Gaswirtschaft am 22. November 2018 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort. Änderungen vorbehalten.

Sehr geehrte Vorsitzende der ausrichtenden Verbände,

sehr geehrte Bewerberinnen und Bewerber um den diesjährigen Innovationspreis der Deutschen Gaswirtschaft,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte mich recht herzlich für die Einladung bedanken und freue mich sehr, heute die Festrede zur Verleihung des Innovationspreises der Deutschen Gaswirtschaft halten zu dürfen.

Auch von Frau Bundesministerin Karliczek möchte ich Ihnen herzliche Grüße ausrichten. Und ich möchte an dieser Stelle nochmal betonen, dass Sie gerne für das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Schirmherrschaft über diese Veranstaltung übernommen hat. Denn um unsere Klimaziele zu erreichen und die Energiewende weiter voranzutreiben, benötigen wir Innovationen.

Die heutige Veranstaltung zielt daher genau in die richtige Richtung. Mit dem Innovationspreis der Gaswirtschaft unterstützen Sie nicht nur die Entwicklung kreativer Ideen, die uns bei der nachhaltigen Ausrichtung unseres Energiesystems helfen. Sondern Sie fördern auch die Gründerkultur in Deutschland, indem Sie dieses Jahr einen Sonderpreis für Start-Ups ausloben.

Die Verleihung des Innovationspreises der Deutschen Gaswirtschaft steht in einer guten Tradition: So ist dies die 20. Preisverleihung mit der Sie innovative Ideen auszeichnen, die uns dabei helfen, die deutsche Gaswirtschaft für die Zukunft auszurichten.

Dieses Jahr haben sich für den Innovationspreis mehr als 50 Vorhaben innerhalb der fünf Kategorien beworben. Die Bewerber erstrecken sich von Hochschulen über Forschungseinrichtungen bis hin zu kleineren und großen Unternehmen. Und auch die ganze Bandbreite der Wertschöpfungskette ist abgedeckt: so reichen die vorgestellten Innovationen von der Gasherstellung, über den Transport und die Aufbereitung bis hin zur hocheffizienten Nutzung, von Anwendungen in Einfamilienhäusern über Quartierskonzepte und Mobilitätslösungen bis hin zur Prozessindustrie.

Mir zeigt das: die deutsche Gaswirtschaft ist kreativ und der Innovationspreis hilft dabei, dieses Potential freizusetzen!

Mit dem Innovationspreis zeichnen Sie Vorhaben aus, die in die Zukunft ausgerichtet sind. Beim Blick in die Zukunft der deutschen Gaswirtschaft ist aus meiner Sicht eine Frage zentral:

Welche Rolle spielt Gas bei der Umsetzung der Energiewende?

I.

Der neueste Bericht des IPCC hat es uns allen noch einmal deutlich vor Augen geführt: wir müssen unsere Anstrengungen erhöhen, wenn wir die Pariser Klimaziele erreichen und die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen wollen.

Unser Ziel, die CO2-Emissionen bis 2050 um mind. 85 % zu verringern, erreichen wir jedoch laut aktuellen Studien nur, wenn wir bis dahin den Anteil erneuerbarer Energieträger in der Stromerzeugung um ca. das 6-fache steigern. Eine enorme Herausforderung!

Dies verdeutlicht uns: neben einem konsequenten Ausbau der Erneuerbaren müssen wir effiziente Lösungen einsetzen. Hierfür brauchen wir eine Vielfalt an technologischen Optionen. Denn dies versetzt uns in die Lage, maßgeschneiderte und effiziente Lösungen in den einzelnen Sektoren – Strom, Wärme/Kälte und Mobilität – anwenden zu können.

Forschung und Entwicklung sind hierfür die Grundlage. Mit dem kürzlich verabschiedeten 7. Energieforschungsprogramm investiert die Bundesregierung pro Jahr rd. 1,3 Mrd. EUR in die Energieforschung. Allein das BMBF stellt für das Programm jährlich mehr als eine halbe Mrd. EUR bereit.

Mit dem 7. Energieforschungsprogramm rücken wir die Zukunftsthemen der Energiewende in den Fokus. Denn wir stehen in der Energiewende vor einer neuen Phase: Bisher war die Energiewende primär eine Stromwende. Nun wollen wir diese um eine Wärme- und Verkehrswende ergänzen!

Hierfür muss uns die Integration der bislang weitgehend getrennten Sektoren Strom, Wärme/ Kälte und Mobilität gelingen. Die sogenannte Sektorkopplung rückt immer stärker in den Fokus.

Und wenn wir uns die drei genannten Sektoren vergegenwärtigen wird deutlich: Technologien zum klimafreundlichem Einsatz von Gas, z.B. durch Power-to-Gas oder auf Basis von Flüssiggas und Wasserstoff, sind hierbei vielversprechende Optionen.

Denn Gas – und dies umfasst auch Flüssiggas - ist ein vielseitiger Energieträger: ob zur Strom- und Wärmeversorgung, im Verkehr oder zur Speicherung von Energie, überall ist ein Einsatz technisch möglich.

Vor diesem Hintergrund begrüße ich auch ausdrücklich die aktuellen Power-to-Gas Kooperationen aus der Energiewirtschaft, die mit dem notwendigen Mut an große Anlagenklassen im 100 Megawatt-Bereich vordringen wollen. Wir brauchen diese Pionierarbeit!

Wir sehen: Gas kann eine wichtige Rolle bei der Sektorkopplung spielen! Die Erforschung und Weiterentwicklung von Gastechnologien ist daher ein wichtiger Baustein der Energieforschung. Das BMBF verfolgt hierbei konsequent einen technologieoffenen Ansatz. Denn wir wollen einen Wettbewerb von Technologien und Konzepten. Dies ermöglicht uns, die größtmöglichen Hebel zur CO2-Einsparung zu realisieren!

II.

In Deutschland führen wir zudem gerade eine wichtige Diskussion im Rahmen der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ – besser bekannt als „Kohlekommission“.

Ein wichtiges Ziel der Kommission ist ein sozialverträglicher Ausstieg aus der Kohleverstromung. Gleichzeitig müssen wir jedoch auch die Versorgungssicherheit sowie die Bezahlbarkeit für Gesellschaft und Industrie berücksichtigen. Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen erwarten zu Recht Lösungen, die ihren Ansprüchen an Ökonomie, Ökologie und Sozialverträglichkeit verbinden.

Sie, sehr geehrter Herr Kapferer, sind Mitglied der Kommission. Sie wissen, welch schwieriges Unterfangen es ist, all diesen Ansprüchen zu genügen.

Fakt ist, 2022 werden wir aus der Kernenergie aussteigen. Hier müssen wir sicherstellen, dass wir eine Versorgungssicherheit gewährleisten können. Sollten wir dann auch aus der Kohle aussteigen – wobei hier der Zeitpunkt noch offen ist – werden wir zweifelsohne die Grundlastfähigkeit sicherstellen müssen. Hier müssen wir auch über Zwischenlösungen nachdenken, die uns

eine Versorgungssicherheit bieten, ohne neue teure Pfadabhängigkeiten zu schaffen. Gas besitzt hier eine zentrale Rolle.

III.

Und wenn wir über die zukünftige Rolle von Gas im Energiesystem nachdenken, heißt das nicht, dass wir ausschließlich die Frage betrachten: welche Technologien brauchen wir? Um die Etablierung von Innovationen zu unterstützen, müssen wir uns auch über die richtigen ökonomischen Instrumente und den regulatorischen Rahmen Gedanken machen.

Hierfür reicht es nicht aus, Klimaschutz nur in ein Gesetz zu überführen. Wir müssen die Wirtschaft mitnehmen.

Wir müssen uns fragen: wie schafft es die Politik, einen verlässlichen Rahmen zu setzen? Wie schaffen wir es, die nötige Planungssicherheit zu schaffen?

Hierfür muss es uns gelingen, die folgenden beiden Punkte in Einklang zu bringen:

Zum einen geht es aus Sicht der Unternehmen darum, dass die Politik zwar durchaus anspruchsvolle Ziele formuliert, sie aber dann auch eine Verbindlichkeit haben, welche die hohen und langfristigen Investitionen – z.B. für Kraftwerke –rechtfertigen. Verlässlichkeit und Vertrauen sind hier entscheidende Faktoren.
Zum anderen soll die Politik jedoch auch in der Lage sein, den bestehenden regulatorischen Rahmen auf veränderte Anforderungen anzupassen, um z.B. die wirtschaftliche Attraktivität von benötigten Lösungen – wie Speichern – zu erhöhen.

Wir sehen: um beidem gerecht zu werden, ist ein intensiver und regelmäßiger Austausch von Politik und Wirtschaft notwendig.

Das BMBF stand und steht für eine enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Wir brauchen kein Plandenken, sondern vielmehr ein Gestaltungsdenken, das Klimaschutz und wirtschaftliches Denken verbindet.

So müssen wir auch Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie stärker in die Forschung hineinbringen. So fördern wir die Technologien, die letztendlich auch langfristig die Chance auf eine Etablierung haben. Denn Wirtschaftlichkeit ist maßgebliches Kriterium für eine Umsetzung. Wir müssen lernen Geschäftsmodelle mitzudenken.

Vor diesem Hintergrund kann die Arbeit der Bewerber zum diesjährigen Innovationspreis der Deutschen Gaswirtschaft gar nicht genug gewürdigt werden.

IV.

Ein häufig angebrachtes Statement lautet: Der Klimawandel macht nicht an nationalen Grenzen halt. Wenn wir wirklich klimarelevante Effekte erzielen wollen, so müssen wir die internationale Komponente der Energiewende mitdenken. Und auch hier müssen wir die Frage stellen: welche Rolle kann nachhaltig bereitgestelltes Gas hier spielen?

Deutschland importiert derzeit über 90 % des verbrauchten Erdgases. Wir sehen: Ihre Branche verfügt über enorme Erfahrung, internationale Versorgungsketten aufzubauen.

Für die Zukunft müssen wir uns auch die Fragen stellen: wie sehen internationale Versorgungsnetzwerke zukünftig aus? Wo können z.B. Power-to-Gas Anlagen errichtet werden? Wie sieht bspw. eine globale Wasserstoffinfrastruktur aus? Welche Partnerländer sind hier besonders vielversprechend, auch aus Sicht der Energieforschung?

Das BMBF verfolgt hierbei zwei Ziele: zum einen wollen wir exzellente Forschung – auch international - zu Technologien wie der nachhaltigen Nutzung von Methan, Power-to-Gas und Wasserstoff fördern. Zum anderen wollen wir aber auch Brücken zwischen potenziellen Partnern bauen. Wir wollen Wegbereiter für deutsche Unternehmen – wie die Deutsche Gaswirtschaft – sein, um internationale Kooperationen anzustoßen und dabei helfen, regulatorische Rahmenbedingungen zu gestalten.

Erst kürzlich habe ich, zusammen mit meinen französischen Kollegen Herrn Larrouturou, in Paris die 1. Deutsch-Französische Wasserstoffkonferenz eröffnet. Neben Fragen der Forschung und Entwicklung waren hierbei auch regulatorische Aspekte auf europäischer Ebene im Zentrum des Diskurses.

V.

Zum Schluss gilt mein Dank den Veranstaltern. Veranstaltungen wie diese sind nicht nur wichtig, um innovative Konzepte zu würdigen, sondern auch, um den Wettbewerb der besten Ideen mit Leben zu füllen.

Und zudem möchte ich den Bewerbern danken für ihre kreativen Ideen und ihr Engagement. Auch wenn letzten Endes in jeder Kategorie nur ein Preis ausgelobt werden kann, so bin ich doch überzeugt, dass wir alle – und auch die Energiewende – durch diesen Wettbewerb gewinnen. Vielen Dank!