„Mir liegt die Pflegewissenschaft am Herzen“

Sie ist die 500. Professorin im Professorinnenprogramm und eine Frau mit einer beeindruckenden Biografie: Miriam Tariba Richter. Die Pflegewissenschaftlerin spricht im Interview über ihren beruflichen Werdegang.

Miriam Tariba Richter
Miriam Tariba Richter © Privat

Frau Richter, herzlichen Glückwunsch! Sie sind die 500. Professorin im Professorinnenprogramm. Was bedeutet das für Sie?

Das ist natürlich eine große Ehre für mich. In meiner Fachdisziplin, der Pflegepraxis und der Pflegewissenschaft, sind zwar überwiegend Frauen tätig, die Spitzenpositionen sind dann aber doch hauptsächlich mit Männern besetzt. Das zeigt, wie wichtig das Professorinnenprogramm ist.

Die Disziplin der Pflege haben sie in den letzten Jahrzehnten ja aus allen Blickwinkeln kennengelernt, richtig?

Ich habe in meinen bisherigen Berufsleben ganz verschiedene Bereiche durchlaufen. Ich habe als Kinderkrankenschwester angefangen und habe dann zunächst auf Intensivstationen gearbeitet und später eine Weiterbildung zur Fachkrankenschwester gemacht. Durch die Arbeit in der Praxis wurde mir klar, dass ich gerne noch studieren möchte, um noch mehr zu bewegen. Deshalb habe ich meine fachgebundene Hochschulreife nachgeholt. In Bremen habe ich dann das Studium der Pflegewissenschaft und Psychologie begonnen – und war seither an der Uni tätig.

Warum haben Sie sich für eine akademische Karriere entschieden?

Ich habe 18 Jahre lang mit Freude und Engagement in der Pflegepraxis gearbeitet. Aber ich habe während dieser Zeit gemerkt, dass es in der Praxis selbst kaum möglich ist, wirkliche Veränderungen anzustoßen. Meistens bleibt in der Hektik des Alltags noch nicht einmal die Zeit, das eigene Handeln zu analysieren und  kritisch zu hinterfragen und sich selbst die Frage zu stellen: Bin ich heute allen Patientinnen und Patienten gerecht geworden oder gibt es etwas, das ich hätte anders oder besser machen müssen? Manchmal muss man eben einen Schritt zurücktreten, um sich über so etwas klar zu werden. Außerdem liegt mir die Pflegewissenschaft am Herzen. Ich möchte dazu beitragen, diese noch recht junge Disziplin in Theorie, Praxis und Pädagogik weiterzuentwickeln.

Was macht Ihnen an Ihrem Beruf besonders viel Spaß?

Nur wenn ich mit Freude dabei bin, kann ich auch gute Arbeit leisten. Am meisten begeistert mich in meinem Berufsfeld die Verbindung von Theorie und Praxis. Insbesondere sind mir die Themen wichtig, die direkt mit den Menschen zu tun. Die kranken Menschen, denen Pflegerinnen und Pfleger begegnen, befinden sich in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen und bringen verschiedene Pflegebedarfe und  Ressourcen mit. Manche von ihnen sind in ihrem Lebensumfeld zusätzlich gesundheitlichen Risiken ausgesetzt und haben nicht die finanziellen Mittel und Kompetenzen sich alleine zu versorgen. Die Kunst der Pflege besteht letztlich darin, all diese Menschen ganz individuell zu unterstützen, damit sie sich möglichst selbst versorgen, aber auch wohlfühlen können. Daraus ergeben sich qualitative Forschungsfragen, mit denen ich mich vornehmlich beschäftige.

Welche Projekte werden Sie jetzt als frischgebackene Professorin anpacken?

Die pflegerische Versorgung steht vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Denken Sie zum Beispiel an ältere alleinstehende Frauen mit Migrationshintergrund, die nicht mehr für sich selbst sorgen können. Für diese Frauen besteht das Ziel darin, Konzepte zu entwickeln, die auf ihre spezifische Lage zugeschnitten sind und die es ermöglichen mit den Betroffenen zusammen die pflegerische Versorgung zu gestalten. Meine nächsten Projekte drehen sich daher rund um Gender und Migration. Auf diese Forschungsarbeit freue ich mich schon sehr.

Zur Person

Miriam Tariba Richter ist seit dem 1. März 2016 Professorin im Fach Pflegewissenschaft mit den Schwerpunkten Gender und Migration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.