Mit dem Bambusfahrrad in ein neues Zeitalter

"Ich bin davon überzeugt, dass ein gemeinsamer Aufbruch in ein Zeitalter der Nachhaltigkeit gelingen kann", schreibt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt".

Gastbeitrag von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek im "Handelsblatt" am 15. Januar 2020.

Der Klimawandel, aber auch die Verschmutzung der Meere oder das Artensterben zwingen uns zum Umdenken. Wir müssen unser Leben und unser Wirtschaften neu ausrichten. Ein Schlüssel für ein nachhaltigeres Leben und Wirtschaften ist dabei die Bioökonomie – sie eröffnet faszinierende Chancen, auch wenn die wenigsten Bürgerinnen und Bürgern etwas mit dem Begriff anfangen können.

Gerade deshalb wollen wir als Bundesregierung jetzt die Bioökonomie noch deutlicher in den Fokus rücken. An diesem Mittwoch werden wir die Nationale Bioökonomiestrategie verabschieden. Und einen Tag später starten wir als Bundesforschungsministerium das Wissenschaftsjahr 2020, das dem Thema Bioökonomie gewidmet ist.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

Aber was ist Bioökonomie eigentlich? Damit wird eine Wirtschaftsform bezeichnet, die auf biologische Ressourcen, Prozesse und Systeme setzt. Zu diesen Ressourcen gehören Pflanzen, Tiere oder Mikroorganismen sowie – zum Beispiel – ihre Proteine und Inhaltsstoffe, aber auch das Wissen über biologische Zusammenhänge.

Auf dieser Grundlage werden schon heute in zahlreichen Wirtschaftsbereichen neuartige nachhaltige Produkte, Verfahren und Dienstleistungen entwickelt. So werden nicht zuletzt klimaschädliche fossile Rohstoffe durch nachwachsende ersetzt. Deutsche Forscher und Unternehmer haben schon früh begonnen und etwa Autoreifen aus Löwenzahn entwickelt.

Mit der Bioökonomie können wir also zwei Ziele verbinden: unsere Lebensgrundlagen durch Schutz von Umwelt und Klima zu erhalten und gleichzeitig mit einer starken Wirtschaft unseren Wohlstand zu sichern. 2010 war Deutschland das erste Land weltweit, das eine Forschungsstrategie zur Bioökonomie aufgesetzt hat.

Seither hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt über einer Milliarde Euro Forschungsvorhaben in diesem Bereich gefördert. Ich will, dass Deutschland in Zukunft zum führenden Innovationsstandort für die Bioökonomie wird.

Die anstehende vollständige CO2-Bepreisung nach dem Klimaschutzpaket wird die Entwicklung der Bioökonomie weiter anschieben. Denn die Nutzung natürlicher Ressourcen wird sich kurz- und mittelfristig wirtschaftlich nun viel eher rechnen als in der Vergangenheit. Über neue Technologien muss es uns gelingen, biologische Rohstoffe noch besser zu nutzen und noch effizienter zu verwerten.

Dabei wird entscheidend sein, dass nachwachsende Rohstoffe künftig mehrstufig verwertet werden beziehungsweise – was noch besser ist – in Kreisläufen genutzt werden. Insbesondere die biologischen Rest- und Abfallstoffe werden wir dabei stärker als bisher in den Blick nehmen.

Wie wollen wir das konkret mit unserer Forschungsförderung angehen? Die Anwendung biotechnologischer Prozesse in der Industrie ermöglicht es, viele wichtige Produkte wie Medikamente, Kraftstoffe oder Grundchemikalien herzustellen. Wir werden dazu nun eine neue Fördermaßnahme zu Zukunftstechnologien für die industrielle Biotechnologie entwickeln und zeitnah veröffentlichen.

Was heute schon möglich ist, zeigen auch die Produkte, die bereits ihren Weg in die Verkaufsregale gefunden haben: T-Shirts aus Kaffeesatz. Kunststoffe, die Plastik auf Erdölbasis ersetzen, Leder aus bislang weggeworfener Fischhaut. Auch für die Industrie werden biobasierte Produkte aufgrund ihrer Eigenschaften interessanter, etwa biotechnologisch hergestellte Spinnenseide als neuartiges Material für Flugzeugteile. 

Die Beispiele zeigen übrigens, dass nachhaltiges Leben und Wirtschaften nicht mit Verzicht gleichzusetzen ist. Ein Fahrrad muss nicht aus Stahl oder aus Aluminium bestehen, sondern kann auch aus Bambus produziert werden. Dennoch wird es ein Fahrrad bleiben, mit dem wir mobil sind und uns Freude bringt.

Beim Ausbau der Bioökonomie müssen von Beginn an die Belastungsgrenzen von Ökosystemen mitgedacht werden. Eine nachhaltige Bioökonomie muss auch Konflikte in der Flächen- oder Ressourcennutzung berücksichtigen – und das nicht nur hier in Deutschland, sondern weltweit.

Wir wollen dabei mit biobasierten Produkten nicht in Konkurrenz zu einer ausreichenden und qualitativ hochwertigen Lebensmittelproduktion kommen. Wir werden daher ein umfassendes Monitoring etablieren, welches die Biomasseströme verfolgt und die Nachhaltigkeit bestimmter Produktionsketten untersucht. 

Ich bin optimistisch, dass die Menschen bereit sind, Bioökonomie mehr und mehr anzunehmen. Die Menschheit nutzt ja schon seit jeher biobasierte Rohstoffe. Das Wissen über die Bioökonomie ist jedoch noch nicht weit verbreitet. Das wollen wir mit dem Wissenschaftsjahr 2020 zur Bioökonomie ändern. In vielen Veranstaltungen, Ausstellungen und Aktionen wollen wir über die Bioökonomie und deren Möglichkeiten informieren.

Unser InnoTruck als Informationsmobil reist zum neuen Thema durch die Republik. Im Sommer wird unser Ausstellungschiff MS Wissenschaft in vielen Städten anlegen. Zwei große Fragen werden dabei im Mittelpunkt stehen: Wie können wir nachhaltiger leben, Ressourcen schonen und dabei gleichzeitig unseren Lebensstandard sichern? Wie können Wissenschaft und Technologie uns beim Wandel zur mehr Nachhaltigkeit unterstützen? 

Ich bin davon überzeugt, dass ein gemeinsamer Aufbruch in ein Zeitalter der Nachhaltigkeit gelingen kann. Die Bioökonomie ist ein wichtiger Beitrag dazu.