Mit Gesten besser Sprachen lernen?

PISA 2019 hat gezeigt: Jeder fünfte Fünfzehnjährige kann nicht einmal auf Grundschulniveau lesen. Das wollen Paderborner Sprachwissenschaftlerinnen nun mit einem neuen Ansatz ändern. Ihre Idee: Bildhafte Gesten sollen beim Spracherwerb helfen.

Ein neues Wort wird in Verbindung mit einer Geste besser im „mentalen Gedächtnis“ gespeichert. Das wollen sich Forschende für die Sprachförderung zu Nutzen machen. © Chernenko Timofey - stock.adobe.com

Wie erfolgreich Kinder in der Schule sind, hängt noch immer von ihrem Elternhaus ab. Das haben erneut die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie 2019 gezeigt. Bund und Länder arbeiten daher mit verschiedenen Initiativen und Maßnahmen daran, den Einfluss des sogenannten sozioökonomischen Hintergrundes auf den Bildungserfolg zu verringern – etwa mit der gemeinsamen Initiative „Schule macht stark“.

Neben den großen Initiativen unterstützt das Bundesforschungsministerium die Forschung zur frühen Sprachförderung auch im „Kleinen“ und leistet damit einen Beitrag zur Chancengerechtigkeit. So fördert das BMBF beispielsweise im Programm „Kleine Fächer – Große Potenziale“ das Projekt „IkoGeWo“ (Ikonische Gesten als Methode zur effektiven Vermittlung unbekannter Wörter in inklusiven Settings). Ziel des Projektes ist es, Kinder mit Sprachentwicklungsverzögerung, Sprachentwicklungsstörung oder ohne Deutschkenntnisse anhand von bildhaften Gesten beim Spracherwerb zu unterstützen. Geleitet wird das Projekt von der Paderborner Sprachwissenschaftlerin Carina Lüke.

Forschung zu frühzeitiger Sprachförderung von Kindern

Gesten und Gebärden sind von der Sprache unabhängig. Die Forschenden gehen daher davon aus, dass sie Kinder beim Spracherwerb unterstützen können. Zudem deuten einige Studien darauf hin, dass ein Wort in Verbindung mit einer Geste besser im sogenannten „mentalen Gedächtnis“ gespeichert wird. Das Forscherteam erwartet daher, dass sowohl durch das Gestentraining als auch das Sprachtraining positive Effekte auf die lexikalische Entwicklung der Kinder erzielt werden können, wobei die Effekte des Gestentrainings über denen des reinen Sprachtrainings liegen.

Das Projekt läuft noch bis Ende 2021, doch man darf auf die Projektergebnisse gespannt sein: Diese sind nicht nur für die weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung innerhalb der Fachdisziplin der Klinischen Linguistik und der allgemeinen Sprachwissenschaft bedeutsam. Sie können darüber hinaus unmittelbare Hinweise für erziehungswissenschaftliche und sonderpädagogische Fragestellungen und Handlungsfelder liefern und so zu einem evidenzbasierten Handeln im erziehungswissenschaftlichen Kontext beitragen. Aufgrund dieser Ergebnisse könnten Kinder mit und ohne Erschwernisse im Spracherwerb effektiver in ihrem Wortlernen unterstützt werden. Ein entscheidender Schritt für einen besseren Einstieg in den Schulalltag und bessere Chancen für alle Kinder – unabhängig von ihrem Elternhaus.