Mit Kunst über Krankheiten aufklären

Was bedeutet es, eine Sepsis zu überleben, und wie können Comics über lebensgefährliche Infektionen und Antibiotikamissbrauch aufklären? Am Universitätsklinikum Jena zeigte eine außergewöhnliche Ausstellung, wie Kunst Brücken bauen kann.

Kunst und Krankheit
Wer hat die Infektion verursacht? Die Antwort auf diese Frage ist entscheidend, um die Erreger mit dem wirksamsten Antibiotikum zu bekämpfen. © Universitätsklinikum Madrid (Hospital Universitario La Paz, Cantoblanco y Carlos III) Kampagne: „Antibióticos: Ni menos, ni más; Tú decides!“

Beinahe 280.000 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr an einer Sepsis, rund ein Viertel stirbt daran. In den USA wird Sepsis sogar häufiger diagnostiziert als Darm- oder Brustkrebs. Bei der Sepsis kommt es zum Versagen von Organen durch eine fehlgesteuerte Immunreaktion, ausgelöst durch Infektionen. Im schlimmsten Fall sterben die Patienten an Multiorganversagen. Der US-amerikanische Künstler Gary Black hat die Krankheit vor zehn Jahren wie durch ein Wunder überlebt. Dem Tod nah, lag er lange Zeit auf der Intensivstation. Nach der Genesung verarbeitete Gary Black seine Erlebnisse in dem Buch „Gyroskop – Überleben der Sepsis“.

Illustrationen daraus waren in der Ausstellung "Sepsis und Infektion im Spiegel der Kunst" zu sehen, die von September bis November 2019 am Universitätsklinikum Jena gezeigt wurde. Es sind verstörende Bilder von Verzweiflung und Tod. Black zeichnet, schreibt und er reist durch sein Heimatland, um von den Spuren zu erzählen, die die Sepsis bei ihm hinterlassen hat. Selbst auf medizinischen Kongressen ist der Künstler willkommen. Gary Black nutzt diese Plattformen. Er setzt sich dafür ein, dass die Krankheit besser erforscht und behandelt wird, um mehr Patienten das Leben zu retten.

Unterhaltsame Aufklärung

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Schwere Sepsis oder septischer Schock? In dem Fall besteht kein Zweifel, dass Antibiotika dringend notwendig sind und binnen einer Stunde verabreicht werden sollten. © Universitätsklinikum Madrid (Hospital Universitario La Paz, Cantoblanco y Carlos III) Kampagne: „Antibióticos: Ni menos, ni más; Tú decides!“

Wie fruchtbar die Verbindung von Künstlern und Medizinern sein kann, zeigt ein Comic über die Sepsis, den der Internist Zakaria Hindi vom Thomas Jefferson Universitätsklinikum in Philadelphia entwickelt und mit einem Illustrator umgesetzt hat. Bilder daraus waren in der Jenaer Ausstellung zu sehen. Der Comic thematisiert den Ablauf einer akuten Sepsis, von den ersten Symptomen bis zur Therapie und möglichen Komplikationen. Das Interessante daran ist, dass die Behandlung und das Geschehen im Inneren des Körpers parallel ablaufen.

Sepsis wird durch Infektionen hervorgerufen, oftmals durch Lungen- oder Harnwegsentzündungen. Aber wie entstehen eigentlich Infektionen, welche Erreger gibt es und wie wehrt sich unser Körper dagegen? Der Berliner Illustrator Jürgen Frey will mit seinen Immun-Cartoons, die ebenfalls in Jena ausgestellt waren, vor allem Kinder und Jugendliche aufklären. In leicht verständlicher Form erklärt Frey mit seinen Comics, wie sich der menschliche Körper gegen eine Infektion zur Wehr setzt und was passiert, wenn das Immunsystem nicht richtig funktioniert, zum Beispiel wegen eines angeborenen Immundefekts. Dafür arbeitet er eng mit der Patientenorganisation „Deutsche Selbsthilfe angeborener Immundefekte“ zusammen. So können schon die Jüngsten verstehen, wie Infektionen entstehen, wie man sich davor schützen und sie am besten behandeln kann.

Effektvolle Botschaft

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Ist ein Antibiotikum wirklich notwendig? Das Universitätsklinikum Madrid plädiert mit der Posterkampagne im 50er-Jahre-Stil für einen bedachteren Einsatz dieser Medikamente. © Universitätsklinikum Madrid (Hospital Universitario La Paz, Cantoblanco y Carlos III) Kampagne: „Antibióticos: Ni menos, ni más; Tú decides!“

Sehr häufig bekommen Patienten mit Infektionskrankheiten Antibiotika verabreicht. Doch die Resistenzen gegen diese Medikamente nehmen ständig zu. Das kann lebensgefährlich werden, wenn sich die widerstandsfähigen Krankheitserreger ausbreiten und im schlimmsten Fall eine Sepsis hervorrufen. Verzichten können wir auf Antibiotika natürlich nicht, doch wann sind die Bakterienkiller wirklich notwendig? Für das Universitätsklinikum in Madrid haben Designer eine Posterkampagne entworfen, die über die sinnvolle Einnahme von Antibiotika aufklären soll. Sie spricht Ärzte und Patienten gleichermaßen an. Tenor der Kampagne ist es, zuerst genau zu prüfen, welche Erreger die Infektion hervorrufen und dann zu entscheiden, ob und welche Antibiotika für die Therapie erforderlich sind.

Auch die Besucher der Ausstellung im Jenaer Universitätsklinikum konnten sich die imposanten Poster anschauen. Der Retrostil, der an Kinoplakate aus den Fünfzigern erinnert, ist bewusst gewählt. Nachdem Alexander Fleming 1928 mit dem Penizillin das erste Antibiotikum entdeckte und später weitere entwickelt wurden, glaubte man in den 1950er-Jahren, den Kampf gegen Infektionskrankheiten gewonnen zu haben. Ein fataler Irrtum, wie sich heute zeigt. Umso wichtiger ist es, dass Kunst Brücken baut zwischen Betroffenen und Medizinern, zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die Organisatoren der Jenaer Ausstellung – das Universitätsklinikum, das Center for Sepsis Control and Care, das Zentrum für Innovationskompetenz "SEPTOMICS" und die Sepsis-Stiftung – sind den ersten Schritt gegangen. Weitere werden folgen.