Mit Lady Gaga gegen die Sucht

Der Wahnsinn zwischen Rausch und Kater: Eine junge Theatergruppe hat ein Stück rund um das Thema Sucht geschrieben. Wie das funktioniert und warum auch Nägelkauen eine Rolle spielt, erläutert Regisseurin Franziska Plüschke im Interview.

Suchtgefühle Theater gegen Sucht
Szene aus dem Theaterstück "Suchtgefühle", in dem sich Jugendliche mit verschiedenen Rauschzuständen auseinandersetzen. © BLB

Frau Plüschke, viele Menschen tanzen auf Feiern wie im Rausch. Aber wie kann man nüchtern einen Rausch tanzen, noch dazu vor Publikum?

Franziska Plüschke: Indem man sich vorher tief in das Thema einarbeitet. Wir haben uns erst einmal allgemein mit den Themen Rausch und Sucht befasst. Jeder Rausch ist eine Reise, die Glücksgefühle auslöst oder in einer Tragödie endet. Wir haben schnell gemerkt: Das sind auch sehr physiologische Themen, es gibt also eine gute Grundlage für körperliche Aktivitäten. Danach haben wir überlegt: Wie kann man diese extremen Zustände mit in den Körper nehmen? Wie kann man das darstellen? Wir haben zunächst viel improvisiert, später haben wir bestimmte Elemente festgeschrieben und eine Collage aus einzelnen kleinen Geschichten gemacht.

Und wie sieht das konkret auf der Bühne aus? Können Sie ein Beispiel geben?

Wir setzen die Menschen zueinander in Bezug. Zum Beispiel, wenn eine Darstellerin in die Brücke geht und dabei gewissermaßen kopfüber ihrem Gegenüber ins Gesicht schaut – damit wollen wir symbolisieren, dass die Betroffenen oft von allen Seiten sehr negatives Feedback erfahren. Wir arbeiten aber auch mit abstrakten Körperformen, akrobatischen Elementen und verschiedenen Tanzstilen. Es ist eine Mischform aus Theater, gesprochenen Episoden und natürlich Tanz. Wir haben uns sogar von Lady Gaga und Beyoncé beeinflussen lassen …

…im Ernst?

(lacht) Ja, einige der Jugendlichen sind Fans dieser Künstlerinnen. Also habe ich zu ihnen gesagt: Dann verbindet deren Stil mit dem Thema Sucht. Dabei sind wirklich interessante Momente herausgekommen.

Franziska Plüschke Suchtgefühle
Regisseurin Franziska Plüschke ist stark auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingegangen. © Ines Häberlein

Haben die jungen Menschen selbst einen Sucht-Hintergrund?

Nein, nicht direkt. Wir haben mit Plakaten und Flyern nach den jungen Künstlerinnen und Künstlern gesucht. Die meisten Jugendlichen, die jetzt mitspielen, hatten über verschiedene Jugendclubs bereits Kontakt zum Theater. Es hat sie gereizt, dieses schwierige Thema auf die Bühne zu bringen.

Ist es nicht schwer, sich die Folgen einer Sucht vorzustellen, wenn man selber gar nicht betroffen ist?

Ja, deshalb haben wir uns  auf intensive Recherche begeben, haben passendes Filmmaterial gesehen, stehen in Kontakt mit einer Suchtberatungsstelle, die uns viele Fragen beantworten konnten und haben sogar mit einem Betroffenen selbst, der früher drogensüchtig war und heute noch starker Raucher ist, gesprochen.

Welche Arten von Sucht haben Sie in den Fokus genommen?

Party – Drogen, alltägliche Mittel wie Nikotin und Alkohol, aber auch das Thema Liebessucht.

Mir war es wichtig, auf die Bedürfnisse und Erfahrungen der Jugendlichen selbst einzugehen und mich dadurch inspirieren zu lassen. Somit wurde das Thema Sucht mit Hinblick auf Rauschzustände erweitert. So kamen wir unter anderem auch auf die Kaufsucht, die einige Teilnehmende selbst beschäftigt. Auch das Kauen an Fingernägeln, das an sich keine Sucht ist, jedoch bei den Jugendlichen das Gefühl erzeugt, davon nicht loszukommen, spielt eine Rolle. Das Thema Handy wurde von den Jugendlichen selbst immer wieder erwähnt. Die kids wissen, dass sie viel zu viel am Display hängen. Aber: Handysucht ist nach Rücksprache mit den SuchtberaterInnen noch nicht offiziell anerkannt, also haben wir es wieder aus dem Programm genommen.

Was kann ihr Stück gesellschaftlich bewirken?

Es dient der Aufklärung über das Thema. Zielgruppe sind ganz klar andere Jugendliche, auch wenn das Thema ebenfalls für Erwachsene wichtig ist. Eine Sucht ist nie eine Lösung. Wenn diese Nachricht ankommt, haben wir viel erreicht.

Frau Plüschke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Projekt

„Suchtgefühle“ läuft am 27. März und 28. März jeweils um 19.30 Uhr an der Badischen Landesbühne Bruchsal. Mehr Infos zu Tickets und dem Stück gibt es hier. Das Projekt wird durch Mittel des Förderprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit den Bündnispartnern Die Badische Landesbühne, Caritasverband Bruchsal e.V., dem Haus der Begegnung und dem Projekt Tafel macht Kultur ermöglicht.