Mit Telemedizin Herzpatienten helfen

Friedrich Köhler leitet das vom BMBF geförderte Projekt “Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg – Fontane”. Hier entstand eine klinische Studie, die Vorteile telemedizinischer Mitbetreuung von Herzinsuffizienzpatienten zeigt. Ein Interview:

Friedrich Köhler, Studienleiter Fontane der Charité © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Was ist das Besondere des Projektes und welche zentralen Ergebnisse hat die Studie erbracht?

Unsere Studie zeigt, dass mit Unterstützung von Telemedizin Menschen mit Herzinsuffizienz länger leben können. Es handelt sich hier zugleich um ein technisches Entwicklungs- und um ein klinisches Forschungsprojekt in Einem. Wir haben zusammen mit Partnern ein technisches System zur Messung und Übertragung von Daten, wie zum Beispiel dem Blutdruck der Patienten, entwickelt. Dieses System haben wir dann auf medizinische Wirksamkeit geprüft. Wir haben also eine technische Innovation entwickelt und damit dann medizinischen Fortschritt erreicht.

Welche Faktoren tragen dazu bei, mit Telemedizin positive Ergebnisse zu erziehen?

Für den Erfolg ist die Art und Weise, wie mit den übermittelten Informationen und Daten des Patienten umgegangen wird, wichtiger als die technischen Messinstrumente. Essentiell in unserem Projekt ist die Vernetzung zwischen den Beteiligten. Die betreuenden Ärzte stehen untereinander durch die Technik im Kontakt. Der Patient hat das Gefühl, dass alle ein Team bilden.

Wie ist es Ihnen gelungen, eine solche Kooperation herzustellen?

Wir haben eine einfach bedienbare Technikeingesetzt. Die Patienten sind keine IT-Spezialisten. Außerdem sollen Patienten nicht das Gefühl bekommen, anonym über technische Geräte betreut zu werden. Deshalb haben wir Pflegekräfte zu den Patienten geschickt, die sie im Umgang mit den Geräten geschult haben. Und die gleichen Pflegekräfte haben dann alle vier Wochen Gespräche mit den Patienten geführt. Unser Telemedizin-Projekt ist damit auch ein Care-Programm. Der persönliche Kontakt und die Betreuung haben viele Patienten auch offener gegenüber Technik und Telemedizin werden lassen und sie motiviert, zu sagen: „Wir probieren das aus.“

Welche Handlungsempfehlungen sind aus der Studie abzuleiten?

Die Aufgabe besteht nun darin, ein alltagstaugliches Versorgungsmodell für alle Patienten mit Herzinsuffizienz zu entwickeln; unsere Arbeit umfasste bisher die telemedizinische Mitbetreuung von rund 750 Patienten. Wir brauchen also Möglichkeiten, um ein Vielfaches dieser Patientenzahl zu versorgen. Um hier weiterzukommen, müssen wir auch die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz bedenken.

Welche besonderen Chancen ergeben sich für den ländlichen Raum?

Neben den Möglichkeiten der besseren Versorgung von Menschen im ländlichen Raum bietet die Telemedizin unter anderem Chancen, den Arztberuf im ländlichen Raum attraktiver zu machen. Durch Telemedizin kann die Tätigkeit der Ärzte moderner werden. Denn es ist eine viel direktere und intensivere Zusammenarbeit zwischen allgemeinen Ärzten und Fachspezialisten möglich, sodass dann auch Ärzte in ländlichen Regionen Kontakt zu neuesten ärztlichen Methoden haben und auf dem aktuellen Stand bleiben. Wichtig ist, zu kommunizieren, dass Ärzte durch Telemedizin nicht wegrationalisiert werden sollen. Keiner wird ersetzt. Vielmehr wird die vorhandene Struktur durch Digitalisierung moderner gemacht. Aber Telemedizin ist nicht nur für ländliche Räume geeignet, auch in den Metropolen kann sie wirkungsvoll eingesetzt werden; zum Beispiel wird sie in Berlin schon stark genutzt.

Welche Forschungs- und Entwicklungsfragen im Bereich der Telemedizin sind in Zukunft aus Ihrer Sicht am dringlichsten zu anzugehen?

Eine Frage für die Entwicklung ist, das System in der Fläche auszubreiten, um allen betroffenen Menschen zu helfen und nicht nur den aktuellen Studienteilnehmern. Eine Aufgabe für die Forschung der Zukunft ist, ähnliche wie die nun gewonnenen Erkenntnisse auch für andere chronische Krankheiten zu erzielen. Hier können auch Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz und Big Data eine Rolle spielen.

Informationen zum Projekt “Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg – Fontane”

Das Projekt “Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg – Fontane” hat das Ziel, die Betreuungsqualität von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz im strukturschwachen ländlichen Raum zu verbessern. Dazu wurde im Rahmen einer klinischen Studie (Telemedical Interventional Management in Heart Failure II) an rund 1.500 Patienten der Nutzen der telemedizinischen Behandlung untersucht.

Die Fontane-Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat erstmals nachgewiesen, dass die telemedizinische Mitbetreuung das Leben von Herzpatienten verlängern kann. Zudem ist die Telemedizin gleichermaßen für Patienten im ländlichen Raum und in Metropolregionen geeignet. Die fünfjährige Studie wurde mit verschiedenen Partnern und in enger Kooperation mit zwei großen Krankenkassen durchgeführt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat das Projekt mit 10,2 Millionen Euro gefördert.