Mit Wissenschaft gegen den Vertrauensverlust

Seit zehn Jahren ist die Leopoldina die Nationale Akademie der Wissenschaften. Ministerin Anja Karliczek gratulierte und betonte, wie wichtig wissenschaftlich fundierte Politikberatung und Vertrauen in die Wissenschaft in Zeiten von Fake News sind.

Anja Karliczek während ihrer Rede
Anja Karliczek während ihrer Rede © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Hacker
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Haseloff,
sehr geehrte Präsidenten Hatt, Spath und Neugebauer,
sehr geehrte Frau Schavan,
sehr geehrte Mitglieder der Leopoldina und der Akademien aus dem In- und Ausland,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

I.

Vor knapp drei Jahren hat der Bundestag die Sterbehilfe in Deutschland neu geregelt. Eine Gewissensentscheidung für jeden einzelnen Abgeordneten. Keiner von uns hat sich die Entscheidung leicht gemacht. Wir haben miteinander gerungen. Und jeder hat mit sich selbst gerungen; hat seine ethischen Grundsätze geprüft.

Wer eine so weitreichende Entscheidung für die Menschen in unserem Land trifft, dem reicht nicht die eigene Intuition. Der will sich nicht auf gefühltes Wissen oder auf Einzelfallberichte verlassen.

Wer eine so weitreichende Entscheidung trifft, der will es genau wissen, zum Beispiel wie Menschen in Deutschland, die unheilbar erkrankt sind, am Lebensende versorgt werden. Auf Basis einer wissenschaftlich fundierten Analyse. 

Wer eine so weitreichende Entscheidung trifft, der ist auch dankbar für eine Stellungnahme der Leopoldina zur Palliativversorgung. Die Leopoldina hat sie 2015 veröffentlicht, und es ist sicher kein Zufall, dass sie besonders beachtet wurde.

Sterbehilfe ist nicht das klassische Thema, das man bei einer Geburtstagsfeier anspricht. Aber ich finde, es macht sehr deutlich, um wie viel es bei politischen Entscheidungen manchmal geht. Und wie wichtig deswegen wissenschaftlich fundierte Politikberatung ist. 

Seit zehn Jahren leistet die Leopoldina auf diesem Gebiet herausragende Arbeit – gemeinsam mit acatech und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Ich danke Ihnen dafür und gratuliere herzlich zum 10-jährigen Jubiläum!

Die Leopoldina ist in diesen 10 Jahren zu einer zentralen Institution der Wissenschaft in Deutschland geworden. Sie agiert auf Augenhöhe mit ihren Schwesterakademien aus aller Welt und vertritt die deutsche Wissenschaft in internationalen Gremien in hervorragender Weise. 

Dazu tragen Sie, lieber Herr Professor Hacker, ganz besonders bei. Nicht zuletzt dank Ihres großen Engagements wird die Stimme der Wissenschaft beispielsweise im G7- und G20-Prozess gehört. Die Leopoldina garantiert damit, dass wissenschaftliche Expertise auch in den internationalen politischen Dialog einfließt. Sie hilft uns, tragfähige gemeinsame Lösungsansätze für die globalen Herausforderungen unserer Zeit zu finden.

II.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es geht aber nicht nur um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik. Es geht auch um das von Wissenschaft und Gesellschaft. In einer Zeit, die durch rasante Veränderungen geprägt ist: Vor zehn Jahren wurde nicht nur die Leopoldina Akademie der Wissenschaften. Ungefähr zur gleichen Zeit hatte das Smartphone seinen Durchbruch. Das ist erst zehn Jahre her! 

Seitdem tragen wir die Welt in unserer Hosentasche. Und unendlich viele Kanäle, um ständig Neues zu erfahren: Seriöse journalistisch aufbereitete Nachrichten, ebenso wie Stimmungen in sozialen Netzwerken; neueste wissenschaftliche Studien, ebenso wie die viel beschworenen Fake News. 

Klimaskeptiker, Impfkritiker und Verschwörungstheoretiker verbreiten ihre Theorien in Windeseile. Populisten nutzen die Chance, zu polarisieren; radikale Gruppen, um sich wie in Köthen und Chemnitz deutschland- oder gar europaweit zu organisieren. Wissenschaft wird manchmal als „Lügenwissenschaft“, Journalismus als „Lügenpresse“ bezeichnet. 

Nicht wenige bewegen sich im Netz nur noch in den eigenen Echokammern, die ihre Überzeugungen bestätigen. Andersdenkenden begegnen sie mit Skepsis und Misstrauen. Dieser Vertrauensverlust betrifft auch die Wissenschaft. Das zeigen sowohl das Technikradar von acatech und der Körber-Stiftung als auch das Wissenschaftsbarometer von Wissenschaft im Dialog: Nur rund die Hälfte der Bürger in Deutschland geben an, dass sie Wissenschaft und Technik vertrauen. Jedenfalls, wenn man so pauschal fragt.

Wenn nach konkreten Forschungsthemen gefragt wird, dreht sich das Bild. Dann erwarten viele Menschen, dass Forschung ihr Leben besser machen wird, etwa durch medizinischen Fortschritt. 

Und ich bin sicher, wenn man fragt: „Vertrauen Sie einer Studie eines Max-Planck-Instituts? Vertrauen Sie Forschungsergebnissen der Universität Leipzig?“, wird die große Mehrheit dies bejahen. Ich glaube also weniger an einen generellen Vertrauensverlust gegenüber derWissenschaft - der öffentlich geförderten Wissenschaft. 

Es ist nur schwer für den Einzelnen zu unterscheiden. Inzwischen lesen wir jeden Tag von neuen Studien, die die absurdesten Behauptungen zu belegen scheinen – wie soll ein Laie beurteilen, welche Studie nun wissenschaftlich fundiert ist und welche nicht? 

Das ist ein ernstes Problem. Zumal Fake News das mediale Rampenlicht suchen und nicht selten finden, echte wissenschaftliche Erkenntnis aber nicht unbedingt. 

Hier beginnt die gemeinsame Verantwortung von Wissenschaft, Gesellschaft, Journalismus und Wissenschaftspolitik.

Informationskanäle verändern sich: Wir müssen sie nutzen.

Kommunikation beschleunigt sich: Wir müssen schneller werden.

Die Sorge, bei dieser Geschwindigkeit nicht mithalten zu können wächst: Wir müssen uns besser erklären.

Keiner kann sich zurückziehen: Die Wissenschaft nicht in ihren Elfenbeinturm, die Politik nicht in Hinterzimmer, die Wirtschaft nicht in Bürotürme. Es geht um intensive Kommunikation. 

Und Wissenschaftskommunikation ist vor allem Aufgabe der Wissenschaft selbst. Wir brauchen ein vertrauenstärkendes Netzwerk mit klugen Köpfen, die dafür stehen, komplexe Wissenschaft einfach zu erläutern. Dabei geht es nicht um PR. 

Denn es ist im Interesse von Wissenschaft, in der Bevölkerung gehört zu werden. Öffentliche Kommunikation sollte im Forschungsalltag selbstverständlich sein. Das heißt: Bürgerdialoge initiieren. Forschungsergebnisse unter die Menschen bringen. Die „Tauchgänge in die Wissenschaft“, die die Leopoldina gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung für Journalisten anbietet, die nicht im Wissenschaftsressort arbeiten, sind ein weiteres gutes Beispiel.

Wir unterstützen Sie. Wir werden Anreize für gute Wissenschaftskommunikation setzen, indem wir sie zum Beispiel künftig stärker bei der Forschungsförderung verankern. Wir erarbeiten gerade gemeinsam mit Forschungsinstitutionen, Förderern und Hochschulen eine Strategie, um die Wissenschaftskommunikation zu stärken. Sie umzusetzen wird eine unserer großen Aufgaben für 2019 und die laufende Legislaturperiode sein. 

III.

Wenn Wissenschaftler zeigen, wie ihre Forschung das Leben von Menschen verbessert, wächst Vertrauen. In der Gesundheitsforschung ist es vielleicht das neue Medikament gegen den Krebs. Woanders die neue Technologie, die den CO2-Ausstoß verringert. Voraussetzung: Aus den Forschungsergebnissen müssen tatsächlich marktfähige Produkte entstehen. Hier müssen wir noch besser werden. Um wirtschaftlich weiter die Nase vorn zu haben. Um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu lösen.

Den Transfer zu beschleunigen ist ein weiteres wichtiges Anliegen in dieser Legislaturperiode. Mir wird ja bisweilen vorgeworfen, mir ginge es nur darum, den Transfer zu stärken. Die Grundlagenforschung sei mir weniger wichtig. Das ist falsch. Aber beim Transfer haben wir etwas nachzuholen. Bei der Grundlagenforschung nicht. 

Dass sie die Basis ist, steht doch völlig außer Zweifel. Die Leopoldina ist das beste Beispiel dafür. Sie nimmt gesellschaftliche Probleme ganz grundsätzlich und vorausschauend in den Blick, ohne sich durch bloße Nützlichkeitsaspekte leiten zu lassen. Sie zeigt, wie wichtig eine solide, gut ausgestattete Grundlagenforschung ist. 

Ob Erkenntnisse politisch oder gesellschaftlich in 5, 10 oder 20 Jahren relevant werden, lässt sich nicht so leicht vorhersagen. Vor 20 Jahren galten zum Beispiel die Islamwissenschaften in Deutschland als kleines Orchideenfach. Nach dem 11. September war ihr Expertenwissen plötzlich hochgefragt. Wir brauchen Wissen „auf Vorrat“, das freie Wissenschaftler aus ihrem Erkenntnisinteresse heraus erarbeiten. 

Wir sollten deshalb nicht eine anwendungsorientierte, nutzungsnahe Forschung gegen die Grundlagenforschung ausspielen. Zumal sich das eine auch nicht trennscharf vom anderen unterscheiden lässt. Wir schaffen verlässliche Rahmenbedingungen für das ganze Spektrum der Forschung: Wir fördern die Fraunhofer-Gesellschaft, nah an der deutschen Wirtschaft, ebenso wie die Max-Planck-Gesellschaft, die für international herausragende Grundlagenforschung steht. Wir haben eine gute Arbeitsteilung zwischen Hochschulen, Deutscher Forschungsgemeinschaft und den außeruniversitären Forschungsorganisationen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

das ist jetzt kein Geburtstagsgeschenk, aber auf einer Geburtstagsfeier sage ich das besonders gerne: Selbstverständlich werden wir (gemeinsam mit Sachsen-Anhalt) die Leopoldina weiter unterstützen. Außerdem werden wir das Wissenschaftssystem in Deutschland konsequent weiterentwickeln. Die Weichen werden wir im Herbst mit den Ländern in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz stellen. Noch stehen wir am Anfang der Verhandlungen. 

Natürlich geht es um Geld. Um viel Geld. Geld, das Hochschulen und außeruniversitäre Wissenschaftseinrichtungen brauchen, um auch in Zukunft die klügsten Köpfe anzuziehen und auf Weltklasseniveau zu forschen.

Die freie Wissenschaft in Deutschland ist ein wichtiger Baustein für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Deshalb stehe ich zu den bisher eingegangenen Finanzierungsverpflichtungen. Gleichzeitig lasse ich aber auch die Länder nicht aus der Pflicht.

Und ich möchte auch Sie in die Pflicht nehmen, liebe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Freiheit, die Ihnen die öffentlich finanzierte Forschung bietet, kommt mit einer großen Verantwortung einher. Nehmen Sie diese Verantwortung weiterhin wahr. Wirken Sie mit an unserem Gemeinwesen. Nutzen Sie Ihr Wissen auch, um Menschen zu verbinden.

Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit Ihnen und gratuliere nochmals ganz herzlich!