MOSAiC: Schichtwechsel am nördlichsten Punkt der Expedition

Noch nie ist im arktischen Winter ein Schiff so weit nach Norden vorgedrungen wie der Forschungseisbrecher "Polarstern". Die Versorgung des Schiffs und der Austausch der Crew für den nächsten Abschnitt sind eine logistische Meisterleistung.

Der Austausch von Material und Personal zwischen dem russischen Eisbrecher „Kapitan Dranitsyn“ (Vordergrund) und der 'Polarstern'.
Der Austausch von Material und Personal zwischen dem russischen Eisbrecher „Kapitan Dranitsyn“ (Vordergrund) und der "Polarstern". © Steffen Graupner/AWI

Der Eisbrecher "Polarstern" war vor wenigen Tagen nur noch 156 Kilometer von Nordpol entfernt – es ist der nördlichste Punkt, den ein Schiff im arktischen Winter jemals erreicht hat. Auch der Versorgungseisbrecher der MOSAiC-Expedition, der neue Wissenschaftler, Ausrüstung und Proviant bringt, erzielte einen Rekord.

Die Rekordzahl ermittelte das Scott Polar Research Institute der Universität Cambridge: Am 24. Februar erreichte die POLARSTERN auf ihrer Drift durch das arktische Packeis eine Position von 88°36´Nord. Nie zuvor ist ein Schiff im Winter so weit in Richtung Nordpol vorgedrungen. Nur zwei Tage später wurde für den russischen Eisbrecher „Kapitan Dranitsyn“ kurz vor seinem Zusammentreffen mit der "Polarstern" auf 88°28´ Nord die nördlichste Position seiner Mission bestimmt. Aus eigener Motorkraft hat es bislang kein Schiff so weit in den Norden geschafft.

„Diese Rekorde markieren Meilensteine der MOSAiC-Expedition. Sie zeigen den Erfolg des logistischen Konzepts und sind die Grundlage für die einzigartigen wissenschaftlichen Messungen der Expedition“, sagt Markus Rex, Expeditionsleiter vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Tagelang hatte dickes Packeis die Fahrt der „Kapitan Dranitsyn“ verlangsamt. Am 28. Februar erreichte der Versorgungseisbrecher sein Ziel und dockte an derselben Eisscholle wie die "Polarstern" an. Knapp einen Kilometer sind beide Schiffe voneinander entfernt. Der Austausch wurde am 6. März abgeschlossen.

Seit der Ankunft der „Kapitan Dranitsyn“ werden Lebensmittel und neue wissenschaftliche Ausrüstung zur "Polarstern" transportiert. Zudem wird die Crew ausgetauscht. Geräte müssen mit Kränen von Bord gehievt werden, Pistenraupen und Schneemobile werden als Shuttle eingesetzt. Der Einsatz bei einer gefühlten Temperatur von bis zu minus 58 Grad Celsius stellt jedoch eine Herausforderung für alle Beteiligten dar. Wegen der extremen Kälte arbeiten die Verladekräne der Schiffe nur langsam. Zudem kann ein Großteil des Materials, darunter auch die Lebensmittel, nur in beheizten Containern umgeladen werden.

Mit dem „Schichtwechsel“ auf der "Polarstern" wird der zweite Expeditionsabschnitt abgeschlossen. Der Fahrtleiter des Abschnitts, Christian Haas vom Alfred-Wegener-Institut, zieht eine positive Bilanz: „In den vergangenen Monaten haben wir den Winter am Nordpol kontinuierlicher und präziser beobachten können als es jemals vorher möglich war. Die Eisdicke hat sich seit Dezember verdoppelt auf durchschnittlich 160 Zentimeter, was einer Wachstumsrate von ca. zehn Zentimetern pro Woche entspricht.“

Die Wissenschaftler konnten außerdem mit Hilfe von Laserscannermessungen aus dem Helikopter, mit dem Schiffsradar sowie anhand von Bojen-Daten beobachten, wie sich das Eis deformierte. Durch die Erwärmung des Arktischen Ozeans entstehen zunehmend kleinere und dünnere Schollen, die sich windgetrieben übereinanderstapeln und an der Oberfläche dicke Eisrücken von bis zu vier Metern Höhe erzeugen. Stellenweise ragen diese Formationen 20 bis 30 Meter in das Wasser hinein.

Erfolgreich verliefen auch Tauchgänge mit Unterwasserrobotern. Die Bilder zeigten, wie das Leben unter dem Eis auch in der Polarnacht weitergeht. „Nie zuvor konnten wir Zooplankton und Polardorsche hier oben zu dieser Jahreszeit so umfangreich erforschen. Im Februar haben wir häufiger eine Robbe unter dem Eis beobachtet, die offenbar selbst kurz vor dem Nordpol ausreichend Nahrung findet. Auf dem Eis haben wir außerdem wieder einen Eisbären und mehrere Polarfüchse gesehen“, berichtet Haas.

Die Fahrtleitung für den dritten Expeditionsabschnitt wird in den nächsten Tagen an Torsten Kanzow vom Alfred-Wegener-Institut übergehen. Diese Phase der Expedition wird unter anderem durch die Rückkehr des Sonnenlichts geprägt sein. Schon jetzt können die Wissenschaftler mehrere Stunden am Tag eine leichte Dämmerung wahrnehmen. Das Meereis wird in den kommenden Wochen noch kompakter, weshalb der nächste Austausch im April per Flugzeug stattfinden soll.

Dazu wurde bereits mit Hilfe von Pistenraupen eine Landebahn auf dem Eis präpariert. Darüber hinaus finden wissenschaftliche Missionen mit den Forschungsflugzeugen Polar 5 und Polar 6 statt, die ihre Basis dann auf Spitzbergen haben. Auch die Rückkehr der „Kapitan Dranitsyn“ ist ein logistischer Kraftakt: Ein weiterer Eisbrecher bricht in der ersten Märzwoche in Russland auf, um dem Versorgungsschiff entgegenzufahren und es mit Treibstoff zu versorgen.

Der zweite Expeditionsabschnitt in Zahlen

  • Vom 13. Dezember 2019 bis zum 27. Februar 2020 ist die Polarstern insgesamt 672 Kilometer mit der Transpolardrift vorangekommen, hat dabei allerdings aufgrund der Schleifen und Kringel der Drift nur eine Luftlinie von 406 Kilometern zurückgelegt.
     
  • Der Geschwindigkeitsrekord war am 1. Februar 2020 mit 1,7 Stundenkilometern.
     
  • Die Expedition ist auf eine Distanz von 156 Kilometer an den Nordpol herangekommen.
     
  • Die Lufttemperatur fiel am 1. Februar von für diese Jahreszeit ungewöhnlich warmen minus 11,4 Grad auf minus 38,2 Grad Celsius. Das ist der stärkste beobachtete Kaltlufteinbruch während des Fahrtabschnitts.
     
  • Die längste Exkursion war eine Skitour zur Wartung einer autonomen Messstation, etwa 10 Kilometer von der "Polarstern" entfernt. Diese Exkursion wurde in kompletter Dunkelheit durchgeführt.
     
  • 34,3 Terabyte Daten haben die Wissenschaftler gesammelt.