Nationale Strategiekonferenz 2016 „Innovationen in der Medizintechnik“

Rede von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, in Berlin

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich darf Sie im Namen des Bundesforschungsministeriums und meiner Kollegen aus dem Gesundheits- und Wirtschaftsministerium herzlich zur zweiten Nationalen Strategiekonferenz Medizintechnik begrüßen. Zwei Jahre ist es her, dass wir uns hier an dieser Stelle zur ersten Strategiekonferenz getroffen haben. Ziel war und ist es, den Dialog fortzusetzen, den wir mit dem Nationalen Strategieprozess „Innovationen in der Medizintechnik" begonnen haben. Mehr als 150 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesundheitswesen – viele von Ihnen sind auch heute wieder hier – haben damals darüber diskutiert, wie wir die Patientenversorgung verbessern, gemeinsam die Wettbewerbsfähigkeit der Branche steigern und die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems ausbauen können. Die dort erarbeiteten Handlungsempfehlungen begleiten uns bis heute, und in diesem Sinne möchten wir heute und in Zukunft weitermachen.

Auf dieser Strategiekonferenz, so viel sei verraten, werden wir über erste Ergebnisse und Erfolge unserer Bemühungen sprechen können, wollen aber auch darüber hinaus schauen. Wir werden  sich ändernde Rahmenbedingungen analysieren und die nächsten notwendigen Schritte diskutieren. Denn eins ist klar: Weder der Schlussbericht des Nationalen Strategieprozess „Innovationen in der Medizintechnik“ noch diese Strategiekonferenz markieren den Endpunkt unseres Handelns und des Dialogs. Vielmehr ist all das Teil einer Innovationspolitik aus einem Guss, die es gerade in Zeiten des digitalen Wandels weiter zu gestalten gilt und um die wir uns stetig bemühen müssen. Ich freue mich daher sehr Sie hier alle wieder zu sehen und bin gespannt auf viele intensive Gespräche und eine zielgerichtete Debatte.

Es ist eine Errungenschaft unserer Zeit, dass die Menschen immer älter werden. Gleichwohl führt der demographische Wandel in Deutschland verstärkt zu chronischen Erkrankungen und zu neuen finanziellen Lasten. Hinzu kommt, dass die Erwartungen an die Medizin steigen. Modern soll sie sein, dem neuesten Stand der Technik entsprechen, individuell auf die einzelne Patientin, den einzelnen Patienten zugeschnitten sein. Zusammenfassend kann man sagen: Der Effizienzdruck im Gesundheitswesen steigt. Das erfordert ein Umdenken innerhalb unseres Versorgungssystems.

Wir müssen uns seine Leistungsfähigkeit  auch für zukünftige Generationen erhalten und weiter ausbauen, wenn sich die Anforderungen an die medizinische Versorgung verschieben.

Die deutsche Medizintechnik bildet bereits jetzt, aber gerade auch zukünftig einen Grundpfeiler unseres Gesundheitswesens. Sie ist verlässlicher Partner der Versorgung und Lieferant innovativer Produkte und Dienstleistungen für eine zeitgemäße Gesundheitsversorgung.  Auf vieles hat die Medizintechnik bereits heute Antworten und bietet ein großes Potenzial, intelligente Lösungen auch für die Gesundheitsversorgung der Zukunft zu liefern. Die deutsche Medizintechnik ist zudem einer der zentralen Wachstumstreiber der heimischen Gesundheitswirtschaft. In den rund 1.200 Medizintechnikunternehmen in Deutschland arbeiten insgesamt 130.000 Menschen. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten sie einen Gesamtumsatz von 28 Milliarden Euro – 19,2 Milliar¬den Euro davon im Ausland. Damit beläuft sich die Exportquote auf beeindruckende 68 Prozent. Ausgangsbasis für den wirtschaftlichen Erfolg sind vor allem die vielen innovativen Produkte – rund ein Drittel des Umsatzes wird mit Produkten erzielt, die jünger als drei Jahre sind. Rückgrat der Branche ist dabei der innovative Mittelstand. Rund 93 Prozent der Unternehmen in der Medizintechnik-Branche sind kleine und mittlere Unternehmen.

Die Bundesregierung möchte, dass die Medizintechnikbranche am Standort auch in Zukunft diese zentrale Rolle für Gesundheitsversorgung und Gesundheitswirtschaft einnimmt, wenn nicht sogar ausbaut. Erst kürzlich ist das Zehn-Punkte-Programm des BMBF für mehr Innovation in kleinen und mittleren Unternehmen veröffentlicht worden. Wir wollen diejenigen, die selten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, aber zentral für Wohlstand und Erneuerungsfähigkeit sind, in das Zentrum unserer Innovationspolitik stellen. Das kommt auch KMU aus der Medizintechnikbranche zugute. Darüber hinaus braucht es eine fachspezifische Förderung für den medizintechnischen Mittelstand.

Künftig werden Medizinprodukte weitaus stärker als heute ihren Nutzen und ihre Effektivität belegen müssen. Die Gesellschaft fordert zu Recht mehr Sicherheit, Nutzen und Effektivität im Gesundheitssystem. Die Entwicklungsphase gestaltet sich gerade für mittelständische Innovatoren immer komplexer. In dieser Phase wird es zunehmend wichtig, breite Expertise aus den Bereichen Versorgung und Erstattung einzubinden. Außerdem muss die klinische Relevanz einer Innovation frühzeitig in Studien belegt werden. Die Forschungspolitik muss hier gezielt und rechtzeitig ansetzen, um neuen Ideen unter den sich wandelnden Bedingungen schneller den Weg in die Versorgung zu bahnen.

Diese und andere spezielle Herausforderungen im Bereich der Medizintechnik hat die Bundesregierung frühzeitig erkannt. Wie eingangs erwähnt hat das BMBF  gemeinsam mit BMG und BMWi schon 2011 den Nationalen Strategieprozess „Innovationen in der Medizintechnik“ angestoßen. Der Schlussbericht beschreibt drei zentrale Handlungsempfehlungen, die aus dem Strategieprozess hervorgehen. Ich möchte sie Ihnen hier noch einmal ins Gedächtnis rufen:

  •  Zum einen sollen Patienten und den Versorgungsbedarf  stärker in den Fokus des Innovationssystems gerückt werden.
  • Die Förderung der Bundesregierung soll den Mittelstandstärker ins Zentrum der Förderung stellen.
  • Außerdem soll es weitere Impulse für eine Innovationspolitik aus einem Guss geben.

Lieber Herr Machnig, lieber Herr Stroppe, unsere drei Ressorts haben sich die Handlungsempfehlungen zu Herzen genommen und damals in einer gemeinsamen Erklärung den festen Willen zur Unterstützung von Medizintechnikinnovationen in Deutschland bekundet. Das BMBF hat dazu ein Fachprogramm Medizintechnik angekündigt. Ich freue mich sehr, dass ich heute, dreieinhalb Jahre später und wieder in diesem gemeinsamen Rahmen der Strategiekonferenz, das „BMBF-Fachprogramm Medizintechnik“ aus der Taufe heben darf. Die Exemplare, die ich Ihnen heute mitgebracht habe, sind druckfrisch.  Mit dem Fachprogramm Medizintechnik setzt das BMBF die gerade genannten Handlungsempfehlungen aus dem Schlussbericht des Nationalen Strategieprozesses um. Es manifestiert, in welche Richtung sich die Innovationsförderung in Deutschland weiterentwickelt, und beschreibt dabei einen grundlegenden Wandel in unserer Forschungs- und Förderstrategie.  

Wie sieht dieser Strategiewechsel konkret aus? Bereits im Entwicklungsprozess von Medizinprodukten muss künftig erkennbar sein, dass sie die Hürden zur Integration in die Versorgung überspringen können. Dazu will die Innovationsförderung des Forschungsministeriums die nötige Basis bieten: Die Forschung in und mit Unternehmen – als Motor für Innovationen in der Medizintechnik – braucht dafür nicht nur die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Klinikern, sondern einen ebenso engen Austausch mit Patienten, Versorgungsforschern und Gesundheitsökonomen.  Wir fangen hier nicht bei null an.

Das BMBF hat mit dem Aufbau neuer Kooperationsstrukturen in der Medizintechnik bereits begonnen. So unterstützt das BMBF seit 2014 sogenannte Industrie-in-Klinik-Plattformen. Hier arbeiten Entwickler von Medizinprodukten Hand in Hand mit Medizinern, die Anwender und zugleich Ideengeber für neue Produkte sind. Diese Plattformen werden zugleich den Austausch zwischen Kliniken und Innovatoren stärker professionalisieren. Ich möchte heute die Gelegenheit nutzen, für die Industrie-in-Klinik-Plattformen zu werben. Gerade die anwesenden Vertreter von kleinen und mittelständischen Unternehmen möchte ich heute nochmal einladen dieses Angebot zu nutzen. Fast alle Plattformen sind heute bei der Strategiekonferenz vertreten. Sprechen Sie die Vertreter an, es wird sich lohnen.

Ebenfalls an KMU richtet sich die seit 2011 laufende Fördermaßnahme „KMU-innovativ Medizintechnik“. Hier hat das BMBF seit 2013 den Etat auf 20 Millionen Euro im Jahr verdoppelt. Wir suchen auch weiterhin innovative Konzepte, Medizinprodukte und Versorgungsmodelle von klein- und mittelständischen Unternehmen.

Innovation und Information gehen dabei Hand in Hand, und auch hier gibt es Angebote insbesondere für den Mittelstand. Die vom Bundesforschungsministerium ins Leben gerufene Nationale Informationsplattform Medizintechnik, Medizintechnologie.de, vermittelt bereits seit 2013 Informationen rund um das Thema Innovation und möchte den Unternehmen dabei behilflich sein, sich mit anderen Akteuren zu vernetzen.

Vernetzung und Austausch sind auch die Maximen für den heutigen Tag. Wir werden wieder gemeinsam über den Innovationsprozess sprechen, diskutieren und zu neuen Ergebnissen und Handlungsempfehlungen kommen. Dazu gibt es auch thematisch allen Anlass: Die Digitalisierung ist ein allgegenwärtiges Schlagwort, das deutlich macht, in welchem Ausmaß sich die gesamte Gesundheitsversorgung wandelt  ‑ und mit ihr die Medizintechnik. Gerade im April hat die conHIT, die Branchenmesse der Healthcare-IT die „Verschmelzung von herkömmlichen Medizinprodukten mit digitaler Technik“ und die „Medizin via Smartphone“ als Trendthemen gesetzt. Die Digitalisierung eröffnet neue Behandlungsansätze und Versorgungspfade und entlastet dadurch Ärzte und Patienten.

Digitale Anwendungen und medizinische Informationstechnologie sind kein Selbstzweck und kein eigenes medizinisches Fach. Vielmehr wird die Digitalisierung neue Formen der Medizintechnik und ergänzende Hilfsmittel für Kliniken und Fachärzte ermöglichen.

Neue technische Möglichkeiten werfen aber auch neue Fragen auf: Zum Beispiel: Wie finden telemedizinische Lösungen den Weg in die Erstattung? Wann ist eine App ein Medizinprodukt und welche Kriterien zur Zertifizierung werden hier angelegt? Auf welche neuen Mitspieler, wie zum Beispiel Apple, Google und Co. muss sich die Branche einstellen? Fragen, die uns alle heute und in der Zukunft beschäftigen werden. Erste Erfolgsgeschichten gibt es bereits, wie tinnitracks, eine Therapie-App für Tinnitus, die es als zugelassenes Medizinprodukt in die Erstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung geschafft hat. Auch solchen innovativen Medizinprodukten gehört die Zukunft, und wir brauchen mehr solcher Erfolgsbeispiele aus Deutschland.

Bereits 2014 hat das BMBF die Fördermaßnahme „Medizintechnische Lösungen für eine digitale Gesundheitsversorgung“ ins Leben gerufen. In der ersten Runde hatten wir eine riesige Resonanz. Die ersten 18 ausgewählten Projekte, die mit rund 18 Millionen Euro gefördert werden, starten noch in diesem Jahr. Hier und heute können wir den Startschuss zu einer zweiten Ausschreibungsrunde geben. Bis Mitte September können sich Unternehmen erneut um eine Förderung ihrer zukunftsträchtigen digitalen Gesundheitslösungen bewerben.

Das Fundament für eine digitale Gesundheitswirtschaft und Gesundheitsversorgung kann die Innovationsförderung des BMBF an dieser Stelle legen, die Infrastruktur dafür müssen alle Akteure des Gesundheitswesens gemeinsam bereit stellen. Wir sind heute hier zu einer zweiten Strategiekonferenz zusammen gekommen, um auch dafür wieder gängige und einvernehmliche Lösungen zu finden, gleich in der Podiumsdiskussion werden wir über das Thema Digitalisierung in großer Runde reden. Ich wünsche uns allen  anregende Gespräche, eine konstruktive Arbeit in den einzelnen AGs und ich danke Ihnen für ihr Mitwirken und ihre Aufmerksamkeit!